Dann wird gefachsimpelt, was das Zeug hält. Die Männer – an diesem Abend ist nur eine Frau mit von der Partie – blättern in Alben, tauschen Erfahrungen aus und freuen sich über das gesellige Beisammensein.

Jeder hat etwas zu erzählen. Um die berühmten Briefmarken ranken sich Geschichten und Legenden. Die Blaue Mauritius etwa wurde von einem Buben zufällig in einem Papierkorb gefunden. Nie offiziell in Umlauf kam die Marke, die 1980 in Deutschland für die Olympiade von Moskau entworfen worden war, denn Deutschland boykottierte damals die Olympiade. Aber die Frau vom Postminister, so wird erzählt, frankierte damit trotzdem die Briefe an ihre Verwandten. «Diese Marke haben wir in Wien an der Weltausstellung gesehen. Sie wurde streng bewacht», erinnert sich Peter Holthausen.

Marken auf dem Küchenboden

Kurt Bucher sammelt hauptsächlich Schweizer Marken. Begonnen hat er, wie so viele Sammler, als er als kleiner Bub einmal einen Brief mit einer schönen Briefmarke bekam. Die Bundesfeierkarten, die es seit 1910 gibt, hat er alle. Buchers Leidenschaft gilt aber nicht nur den Briefmarken. Stolz erzählt er, sein Einfamilienhaus sei voll von Antiquitäten. Und in der Garage stehen Oldtimer, alles nur BMWs. Die sammelt er auch. Philatelie, das ist Geschichte, Kultur, Sport, ist René Colombo überzeugt. Und Klubpräsident Michel Nodari rät einem Anfänger, vielleicht mit einem Thema zu beginnen, zu dem er einen Bezug hat: zum Beispiel ein Tier oder ein Land. Auch Nodari begann als Bub mit dem Sammeln. Sein Vater brachte einst einen Sack voll Briefmarken heim und leerte diese zum Ärger der Grossmutter auf den Küchenboden. «So hat es bei mir begonnen. Ich war fasziniert.»

Colombo schaut konzentriert durch eine Lupe, vorsichtig hält er eine Schweizer Briefmarke mit der Pinzette. «Schauen Sie, da ist eine Strubbel-Helvetia drauf, die ist nicht frisiert. Und diese Helvetia hier, die ist frisiert. Diese Marke kam erst später heraus», erklärt er.

Für das Baden der Briefmarken, wie es im Fachjargon heisst, ist Roland Hersche Fachmann. Er demonstriert, wie man Marken aus den Couverts schneidet, bevor sie im Wasserbad abgelöst werden. Reich wird man mit Briefmarken aber nicht, da sind sich an diesem Abend alle einig. Es sei denn, man ist im Besitz einer «Black Penny», der ersten Briefmarke überhaupt. Sie wurde 1840 in England herausgegeben. Auch eine blaue und eine orange Mauritius auf demselben Briefumschlag wäre nicht schlecht, ist diese Rarität doch gut und gerne einige Millionen wert. Doch in Schlieren ist die Geselligkeit wichtiger als das Geld. Zudem könne man interessante Sammlungen auch mit wenig Geld zusammenstellen, sind sich die Sammler einig.

In den Wandschränken des Klublokals stapeln sich Alben, die dem Verein aus Nachlässen zum Verkauf angeboten wurden, weil sich niemand mehr dafür interessiert. Nodari sagt lachend: «Ich bin dann der Böse, der den Erben sagen muss, dass die Marken weniger Wert sind als das Album, in dem sie aufbewahrt wurden.» Doch dann bekommt Elisabeth Pacentra plötzlich glänzende Augen: Im Schrank finden sich vier Alben mit UNO-Ersttagscouverts. Für 20 Franken gehören sie ihr und sie freut sich wie eine Schneekönigin. Sie hat als Auslandschweizerin lange in Italien gelebt und ein Marken-Abonnement bei der Post gelöst, damit sie in Kontakt mit der Heimat blieb. «Ich war stolz auf meine wunderschöne Sammlung. Heute weiss ich, dass sie eigentlich wertlos war.»

Schlecht zu sprechen sind die Sammler auf die Schweizer Post. Nicht einmal mehr stempeln lassen könne man die Marken. Und die Marken, die man bei der Post abonniere, hätten keinen Sammlerwert. Überhaupt: Wer so sammle, sei kein Sammler, der horte lediglich Briefmarken, ist man sich am Tisch einig.

Eine Männerangelegenheit

Niemand der Anwesenden weiss, warum es vorwiegend Männer sind, die diesem Hobby nachgehen. «Wir Männer sind halt Sammler», meint Peter Holthausen und Elisabeth Pacentra meint verschmitzt: «Wir Frauen sammeln eher ProBons.» Und Zündhölzer, wie sie gesteht. Und wie sieht es mit der Zukunft aus? «Die Qualität der Marken ist auch nicht mehr, was sie war», sagt Kurt Bucher: «Die Motive sind einfallslos und was früher in aufwendiger Handarbeit entworfen wurde, ist heute alles Computerarbeit.» Zudem fehle der Nachwuchs. «Heute beschäftigen sich die Jungen mit anderen Dingen.» Und so wird dem Philatelisten-Verein Schlieren wohl noch manches Album aus dem Nachlass eines verstorbenen Sammlers zum Kauf angeboten werden.