Bezirksgericht
Mit einem Einerli Rosé begann der Rechtsstreit – Gericht pfeift Polizei zurück

Ein betrunkener Rentner rief die Polizei zu sich nach Hause und musste ins Röhrchen blasen, welches klar anzeigte, dass er viel getrunken hatte. Er wurde verzeigt wegen alkoholisiertem Autofahrens. Dabei hatte er nur ein Glas Rosé.

Rosmarie Mehlin
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Das Ganze fing mit einem harmlosen Glas Rosé an. (Symbolbild)

Das Ganze fing mit einem harmlosen Glas Rosé an. (Symbolbild)

ZVG

An einem Samstagabend im März vergangenen Jahres meldete gegen 18 Uhr ein Limmattaler Rentner der Polizei telefonisch, er sei überfallen worden. Tatsächlich fanden die angerückten Beamten den Mann in seiner Wohnung mit einer blutenden Wunde am Kopf vor. Und mit einer so gewaltigen Fahne, dass sie ihn ins Röhrchen blasen liessen. Das Ergebnis: 1,8 Promille.
Die Polizisten nahmen dem Mann den Führerausweis weg; im Juni dieses Jahres wurde er vom Staatsanwalt wegen vorsätzlichen Fahrens in fahrunfähigem Zustand angeklagt.

Gross, schlank, Brillenträger in Jeans, Pulli und Weste, sass der heute 72-Jährige letzte Woche mit Anwalt vor Einzelrichter Bruno Amacker. «Ja, ich war betrunken, aber ich bin nicht betrunken Auto gefahren», hielt er dezidiert fest. An jenem Samstag habe er vormittags einem Kollegen, der dabei war, ins Tessin umzuziehen, bei verschiedenen Erledigungen geholfen.

«Um 14 Uhr habe ich in einem Café in Dietikon ein Einerli Rosé getrunken. Danach habe ich einen alten Mann nach Hause gefahren, wie ich das schon öfter getan hatte. Anschliessend bin ich heimgefahren und habe die Topfpflanzen, die mir der Kollege geschenkt hatte, ausgeladen.»

1.8 Promille

hatte der Mann intus. Sofort nahmen ihm die Polizisten den Führerausweis weg, obwohl sie ihn nicht hinter dem Steuer eines Fahrzeugs erwischten.

«Plötzlich eine Faust ins Gesicht»

Danach habe er sein Auto nicht mehr bestiegen. Er sei in der Wohnung geblieben – seine Frau war ausser Haus – und habe eine Flasche Wein geöffnet. «Ich war moralisch fix und fertig, nachdem ich kurz zuvor die Diagnose Darmkrebs bekommen hatte.» Er habe regelrecht ins Elend hinein getrunken und es sei nicht bei der einen Flasche geblieben. Weil seine Frau nicht möge, wenn er zuhause trinke, habe er die leeren Flaschen in die Tasche mit Leergut und das Glas in den Geschirrspüler gestellt. «Dann bin ich runter gegangen um unseren Cheminée-Holz-Vorrat zu prüfen. Dabei wurde mir aus einem Gebüsch heraus plötzlich eine Faust ins Gesicht geschlagen.» Nein, er habe den Täter nicht gesehen, könne sich aber vorstellen, dass es ein Nachbar gewesen sein könnte, mit dem er auf Kriegsfuss stehe.
«Der Vollsuff war einmalig»

Laut Polizeirapport, so der Richter, habe er den Beamten gegenüber vor Ort ausgesagt gehabt, dass er gegen 17 Uhr nach Hause gekommen sei. «Das stimmt nicht, aber damals war ich in einem katastrophalen Zustand, konnte kaum noch stehen und richtig reden.» Bis dahin war dem Rentner der Führerschein noch nie entzogen worden.

Ein Alkoholproblem allerdings hatte er in den 1990er-Jahren gehabt, er hatte eine damalige Krebsdiagnose förmlich in Alkohol ertränkt, war mehrere Monate in einer Entzugsklinik. Nun aber sei er sauber. «Der Vollsuff an jenem Samstag war einmalig. Seit ich fürs Rote Kreuz fahre, trinke ich keinen Alkohol.» Inzwischen sei er wieder im Besitz des Führerausweises, mache fast täglich Rotkreuz-Fahrten.

1600 Franken Busse verlangt

Laut Staatsanwalt sollte der Rentner zu einer bedingten Geldstrafe von 6400 Franken und 1600 Franken Busse verurteilt werden. Der Verteidiger forderte Freispruch. «Es stimmt nicht, dass mein Mandant erst um 17 Uhr nach Hause gekommen ist. Falls er etwas anderes gesagt haben sollte, so kann – in Anbetracht seines damaligen Zustandes – nicht darauf abgestellt werden. Zudem wurde der Polizeirapport erst zwei oder drei Wochen nach dem Vorfall geschrieben und Notizen der Beamten sind keine mehr vorhanden.»

Richter Bruno Amacker sprach den 72-Jährigen frei. «Das will nicht zwingend heissen, dass die Polizisten falsch rapportiert und ausgesagt haben. Doch die Schuld des Rentner ist nicht rechtsgenüglich nachgewiesen. Umso mehr, als die Beamten ihn ja nicht am Steuer sitzend angehalten hatten», so die kurze richterliche Begründung.