Auf den ersten Blick ist der Wald zwischen Uitikon und Schlieren ein typisches Naherholungsgebiet: Viele Bäume, frische Luft und eine Stille, wie man sie in der Stadt nicht kennt. Der Jäger, Franz Bugmann, wandert vorsichtig auf einem schmalen Pfad zwischen den grossen Tannen. Aufmerksam lässt er seinen Blick schweifen, von links nach rechts, von oben nach unten. «Da – das sind Spuren vom Reh», sagt er leise und doch ein bisschen enthusiastisch. Spätestens nach seiner Entdeckung wird auf den zweiten Blick klar, dass in diesem Naherholungsgebiet auch gejagt wird: Die Stille vermittelt nun eine leichte Spannung. Was das geübte Auge gesehen hat, sind eine Art Schleifspuren im schlammigen Waldboden: «Die Rehe sind offensichtlich hier den Hang hinauf geklettert», sagt der 72-Jährige, nachdem er die Spuren näher betrachtete.

Wildschaden begrenzen

Aber nebst dem geübten Auge eines Jägers, kommt es beim Jagen in einem «Agglowald» – wie ihn Bugmann nennt – auch auf andere Dinge an. Wichtig sei die Rücksicht, erklärt der Dietiker. «Es gibt hier viele Jogger, Spaziergänger und Reiter», sagt er, als zwei Reiter vorbeiziehen. Als Jäger müsse man sich stets dezent im Hintergrund halten. Wenn ein Tier vom Schuss getroffen wurde, sei er vorsichtig beim Abtransport. «Ich will nicht, dass mich jemand mit dem toten Tier sieht und erschrickt.» In anderen Jagdgebieten, wie etwa dem Kanton Graubünden oder Zug, wo Bugmann ebenfalls einige Jahre jagte, sei die Akzeptanz grösser. «Dort ist es normal, wenn ein Jäger mit einem Reh auf der Schulter an den Passanten vorbeiläuft.» In diesen Kantonen müsse das Fahrzeug sowieso im Dorf bleiben, weshalb die Jäger seit je her die Tiere durch den Wald tragen. Bugmann ist dankbar, dass ihm dies im «Agglowald» erspart bleibe. Er darf so nah wie möglich mit dem Auto zum Tier heranfahren.
Und Bugmann kennt die Wege im Schlieremer Wald. Er durchstreift sie schon seit 1977. Seine Jagdlizenz hat er vor fast fünfzig Jahren erworben. «Es ist wichtig, dass man eine bestimmte Ortskenntnis hat. So habe ich beispielsweise herausgefunden, wo sich die Tiere zu welcher Tageszeit aufhalten», sagt Bugmann, der einer von insgesamt vier Jägern auf diesem Gebiet ist. «Ich träumte schon als kleiner Junge davon, eines Tages das Geweih eines Rehbocks an die Wand zu hängen», erinnert er sich. Mittlerweile könnten über 100 Rehbockgeweihe seine Wand zieren. «Aber ich hänge sie nicht alle auf», sagt der Dietiker. In diesem Jahr habe er drei Rehe getroffen.
Insgesamt hat der Jäger an die 160 Treffer erzielt. Dabei hat er auch auf viele Möglichkeiten verzichtet: «Ich bin nicht einer, der einfach drauflosschiesst. Es muss schon einen guten Grund geben, weshalb ein Tier zum ‹Abgang› kommt». Er wählt bewusst das Wort «Abgang» und nicht etwa «Abschiessen» oder «Erlegen»: Denn als Jäger habe man schliesslich einen Auftrag – und nicht einfach die «Lizenz zum Töten». «Wir sorgen für einen gesunden und ausgewogenen Wildbestand, damit der Wald seine Artenvielfalt beibehält und jung bleibt.»

Wildschaden und Kollisionen

Um dies zu erreichen, müsse man respektvoll mit dem Wild umgehen. Die Schlieremer Jäger ermitteln jedes Jahr die Anzahl der Wildtiere in ihrem Gebiet, das etwa 160 Hektare umfasst. Dann wissen sie, ob und wie sehr der Bestand reguliert werden muss. Bevor es aber zur Regulierung – also zum Abschuss – kommt, müssen ausserdem noch weitere Voraussetzungen gegeben sein. «Die Position des Tieres sollte stimmen. Es muss quer in meine Richtung schauen, damit ich das Herz gut treffe und es nicht leidet.»
Mit Vorurteilen gegenüber «Agglowald-Jägern» sei er auch schon konfrontiert worden. «Viele verstehen nicht, dass auch in unserem bescheidenen Wäldchen die Jagd einen wichtigen Beitrag zur Natur leistet», sagt Bugmann, während er bei kniehohen Weisstannen stehen bleibt. «Diese Pflanzen sind beschädigt, weil die Rehe sie verbissen haben.» Es sei ein wichtiger Auftrag, den Wildschaden im Wald zu begrenzen, und das Wachsen neuer Pflanzen sicherzustellen. «Und dies gelingt uns eigentlich so gut, dass der Forstmeister unser Revier als vorbildlich bezeichnete», sagt er stolz. Das zweite Argument für die Jagd im Schlieremer Wald sei, dass es bei zu vielen Rehen auch zu mehr Wildkollisionen kommt. Denn durch den Wald führt die viel befahrene Uitikonerstrasse. Bei einem Unfall ist es dann die Aufgabe der Jäger, die verletzten Tiere vom Leiden zu erlösen. Das anschliessende Entsorgen der Kadaver fällt ebenfalls in ihren Aufgabenbereich. «Das ist praktisch der Hauptteil unserer Arbeit», sagt Bugmann, der an diesem Tag ohne Gewehr unterwegs ist. Der Hauptgrund, weshalb er Jäger ist, sei einfach: «Ich darf viel Zeit im Wald verbringen», sagt der 72-Jährige, während er stehen bleibt, um in aller Ruhe einem Schwarzspecht beim Zwitschern zuzusehen.