Das Dänische Königshaus bestellte bei ihr schon golden bronzierte Glückwunschkarten. Kein Wunder, die Druckerei J.E. Wolfensberger AG ist eine von noch dreissig Firmen weltweit, welche diese traditionelle Veredelung anbieten. Beheimatet ist sie an der Stallikonerstrasse in Birmensdorf. Seit 30 Jahren führt der 54-jährige Benni Wolfensberger das Familienunternehmen in vierter Generation zusammen mit seinem jüngeren Bruder Thomi. Dieser leitet die angegliederte, hauptsächlich von Künstlern genutzte Steindruckerei an der Zürcher Eglistrasse.

Seit einigen Jahren konzentriert sich die Firma auf Spezialitätendrucke. Kürzlich wurden zwei von ihnen am «Swiss Print Award» mit der Gold- und der Silber-Medaille in der Kategorie Akzidenzen ausgezeichnet. Überzeugt haben die Jury eine lasergestanzte Immobilien-Broschüre sowie ein Flatbook mit Registerkarten als Kommunikationsmassnahme für ein Bauprojekt.

Hodler im Empfangssaal

Während die «Graphische Anstalt» unter Firmengründer Johann Edwin Wolfensberger (1873-1944) für seine Touristikplakate berühmt war, produzieren seine Urenkel 115 Jahre später Unternehmenspublikationen, Karten sowie Kunstbücher. Rund ein Drittel ihrer Auftraggeber stammt aus dem Ausland. Das Logo der Druckerei ist dasselbe geblieben: ein goldener Wolf mit hochgezogenen Lefzen. Es scheint, als würde die Wolfensberger AG allem Abgesang auf Print die Zähne zeigen. 

Ein Blick in Benni Wolfensbergers Büro verrät: Die Firmengeschichte wird hier hochgehalten. Schwarz-weisse Fotos zieren die Wände. Auf einem ist der Schweizer Künstler Ferdinand Hodler zu sehen, wie er 1913 im Wolfensberger Druckatelier seinen «Schwörenden» auf eine Steindruckplatte zeichnet. Eben jene Platte ist heute im Empfangssaal ausgestellt. Hodlers Striche skizzieren einen verwegenen Revolutionär – sinnbildlich für die Entwicklung der Firma sei die Figur aber nicht. «Die Vergangenheit haben wir nicht gekippt, sondern auf ihr aufgebaut», sagt Benni Wolfensberger.

Daheim in der Druckerei

Aufgewachsen sind die Brüder im Zürcher Enge-Quartier, im von ihrem Urgrossvater erbauten «Wolfsberg», der Geschäftshaus und Familiensitz in einem war. Benni Wolfensberger erinnert sich: «Wenn wir aus den Ferien kamen, schlug uns der Geruch von Druckfarbe entgegen und wir fühlten uns daheim.»

Noch bis in die 1960er Jahre gab es im Haus monatlich Vernissagen, wo er Persönlichkeiten aus der Kunstwelt kennenlernte. Hans Erni zum Beispiel arbeitete mit allen vier Generationen der Drucker-Familie zusammen. «Wenn Hans tagsüber im Atelier seine Lithografien druckte, ass er danach mit uns zu Abend», sagt Wolfensberger. Heute stehen klangvolle Namen wie Cécile Wick, Lutz & Guggisberg und Zilla Leutenegger auf der Liste der Schweizer Künstler, die in der Steindruckerei lithografieren.

Dennoch war für den heute in Oberrieden wohnhaften Benni Wolfensberger nicht klar, dass er einst ins Druckgeschäft einsteigen wird. Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete er sechs Jahre lang für eine Bank. Während sein Bruder, ein gelernter Drucker, 1985 die Führung des Familienbetriebs übernahm, verwaltete Benni Wolfensberger zunächst dessen Administration. Im gleichen Jahr erwarben sie das Druckgebäude in Birmensdorf. Im «Wolfsberg» vermietet man bis heute Wohnungen.

Das Druckereigewerbe hat sich seit Benni Wolfensbergers Einstieg in den Betrieb stark verändert. «Früher sind die Produktionsketten viel länger gewesen.» Heute stehe der Drucker an einer Hightech-Maschine, die Abläufe sind schlanker geworden und verlaufen fast durchgehend elektronisch.

Mit dem Fachkräftemangel hat die rund 20 Mitarbeiter zählende Firma nicht zu kämpfen. «Wir konnten Leute von Druckereien übernehmen, die ihren Betrieb eingestellt haben», sagt Wolfensberger, den seine italienischen Mitarbeiter scherzhaft «Monte Lupo» nennen. Schwierig sei es allerdings, Lehrlinge zu finden. Den Jugendlichen werde der Beruf des Drucktechnologen oft gar nicht empfohlen, weil die Branche als unsicher gilt.

Den Pessimismus einiger Kollegen teilt Wolfensberger nicht. «Auch in 30 Jahren wird noch gedruckt», sagt er und öffnet die Tür zur Produktionshalle. Es rauscht, hämmert und dröhnt. Einen Moment dauert es, dann ist Wolfensberger wieder zu verstehen. «Mit der Digitalisierung muss Print sich wandeln.» Essentiell sei, etwas bieten zu können, womit sich die eigenen Produkte aus dem Medienmix hervortun. Sein Motto: flexibel sein – und schnell.

Zwischen Kunst und Kommerz

Vor fünf Jahren hat Wolfensberger eine 2,6 Millionen teure Offset-Hauptmaschine angeschafft. Statt mit den üblichen vier Grundfarben druckt sie mit deren sechs, was Zwischentöne besser zur Geltung bringt. Das in der Maschine eingebaute LED-Kaltlicht sorgt dafür, dass die Farbe bereits trocken ist, wenn die Druckbögen im 0,2-Sekundentakt ausgespuckt werden.
Neben der vier riesigen Offsetmaschinen fallen drei kleine klobige auf: Buchdruckpressen aus den 1950er Jahren, die das Unternehmen für die Weiterverarbeitung – zum Falzen, Rillen, Prägen, Stanzen oder Folieren – der Druckbögen einsetzt. Nicht etwa aus Nostalgie, sondern weil es nichts Besseres gebe.

Benni Wolfensberger meint mit einer ausladenden Bewegung: «Die Vorstellung, dass man heute alles digital drucken kann und den Offsetdruck nicht mehr braucht, ist illusorisch.» Allerdings rattert auch in seinem Kellergeschoss eine Digitaldruckmaschine vor sich hin. Doch weniger als zehn Prozent der Kleinauflagen würden digital produziert. Der konventionelle Druck lohne sich zwar erst ab einer Auflage von zirka 500 Exemplaren, er ermögliche dann aber einen Stückpreis, der das Digitaldruckverfahren unterbietet.

Allerdings sei es schwierig geworden, Aufträge mit grossem Volumen zu akquirieren. Bei Verkaufskatalogen oder Nachschlagewerken etwa sei heute eine Onlinelösung schneller. Angesprochen auf die Entwicklung, dass Kunden vermehrt bei billigen Online-Druckereien in Deutschland, Holland oder Polen einkaufen würden, zuckt Wolfensberger die Schultern: «An die kommen wir nicht ran. In der Schweiz haben wir zu hohe Löhne.» Beunruhigt ihn die ausländische Konkurrenz? «Vor einigen Jahren vielleicht, ja. Ich glaubte, dass sie uns auf dem Markt alles kaputtmachen könnten.»

Gleichwohl bemerkt Wolfensberger, dass Firmen an einer Kombination aus digitaler und gedruckter Kommunikation festhalten. Er hebt die Stimme, um das Dröhnen der Maschinen zu übertönen: «Wenn einem eine Firma etwas ‹schwarz auf weiss› in die Hände gibt, ist das glaubhafter, als wenn sie einen nur auf eine Website verweist.»

Die gemeinsame Zukunft liege in der Personalisierung: «Unsere Auftraggeber sammeln über soziale Netzwerke Kundendaten und lassen damit Drucksachen erstellen.» Wolfensberger ist überzeugt, irgendwann werde er nicht nur Adressen, sondern auf den einzelnen Nutzer ausgerichtete Publikationen drucken. «Technisch wäre dies bereits heute möglich.» Dieses Potential könne man aus Datenschutzgründen jedoch noch nicht ausschöpfen.

Zum Schluss noch die Frage nach seiner Nachfolge. «Bis zu meiner Pensionierung vergehen ja noch zehn Jahre.» Seine drei erwachsenen Kinder haben beruflich andere Wege gewählt. Eine Nachfolge in der Druckbranche auf diesen Zeithorizont zu planen sei schwierig. Er warte die Entwicklung der nächsten Jahre ab, sagt Wolfensberger und verreibt etwas Goldpulver zwischen seinen Fingern. Heute müsse man einfach an das glauben, was man anbiete.