Limmattal
Mit der aufkommenden Ambulanz schwand ihre Bedeutung stetig: Die Samariter sterben aus

Der Samariterverein Geroldswil-Oetwil löst sich nach 96 Jahren auf – Zeit für einen Rückblick.

David Egger
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Diese Zeiten sind nun vorbei: Mitglieder des Samaritervereins Geroldswil-Oetwil proben den Ernstfall bei einer Rettungsübung.

Diese Zeiten sind nun vorbei: Mitglieder des Samaritervereins Geroldswil-Oetwil proben den Ernstfall bei einer Rettungsübung.

Zur Verfügung gestellt

Mit dem Samariterkoffer in der Hand rannte Margrit Gähwiler früher immer los, wenn in der Nähe ein Unfall passiert war. Auf der Limmattalerstrasse in Oetwil, unweit von ihrer Wohnung, krachte es besonders oft, viele Schicksale nahmen so eine tragische Wendung. «Bei Verkehrsunfällen waren wir immer als erste zur Stelle. Damals gab es noch keine rechte Ambulanz», erinnert sich die 78-jährige Oetwilerin. 1968 ist sie dem örtlichen Samariterverein beigetreten. Nun, ein halbes Jahrhundert später, tragen die Autofahrer Gurten – und der Verein wird aufgelöst.

«Bei Verkehrsunfällen waren wir immer als erste zur Stelle. Damals gab es noch keine rechte Ambulanz.» «Bei Verkehrsunfällen waren wir immer als erste zur Stelle. Damals gab es noch keine rechte Ambulanz.»Margrit Gähwiler Samariterin

«Bei Verkehrsunfällen waren wir immer als erste zur Stelle. Damals gab es noch keine rechte Ambulanz.» «Bei Verkehrsunfällen waren wir immer als erste zur Stelle. Damals gab es noch keine rechte Ambulanz.»Margrit Gähwiler Samariterin

Zur Verfügung gestellt

Zwar hatte der Verein genug Mitglieder, doch der Grossteil gehört Gähwilers Generation an. Sie wollten das Zepter an Jüngere abtreten, aber niemand wollte nachrücken. Ein Stück weit hat der Verein zudem auch seine Notwendigkeit verloren, wie die Vereinsmitglieder mit Bedauern feststellen, wenn sie ihre Anekdoten erzählen.
So bestanden zum Beispiel die ersten Ambulanzen noch aus einem Fahrer und einem Anästhesisten, beide nicht besonders bewandert in der Notfallmedizin. An Gähwilers Balkon beim Dorfplatz hing ein Schild mit dem Samariter-Logo, ihre Wohnung diente bis in die 90er-Jahre als Samariterposten. Wer ein Pflaster brauchte oder seinen Fuss verstauchte, klingelte bei Frau Gähwiler.

Für ihr Amt als offizielle Samariterin der Gemeinde gab es kein Geld. Heute steigen die Krankenkassenprämien jedes Jahr, überall und jederzeit steht kostenpflichtige und professionelle Hilfe zur Verfügung. Diese Veränderung im Gesundheitswesen nahm den Samaritervereinen ein Stück weit ihre Daseinsberechtigung.

Doch die Samariter hatten noch ein weiteres Ass im Ärmel: Mit Nothelferkursen machten sie gutes Geld, vor allem als diese dann für Autofahrer obligatorisch wurden. Das blieb freilich nicht unbemerkt, auch die Fahrlehrer begannen, Nothelferkurse zu geben. Immer grösser wurde die Konkurrenz.

Die spektakulärsten Einsätze hatte der Samariterverein an den zweitägigen internationalen Motocross-Rennen, die in den 70er-Jahren in Weiningen stattfanden. Vor über zehntausend Zuschauern rund um die Kiesgrube bei der Firma Richi geriet immer mal wieder das Bein eines Töfffahrers in eine Motorradkette. «Wir mussten manche Fleischwunde behandeln», erinnert sich Gähwiler. Auch der letzte grosse Höhepunkt des Vereins fand in Weiningen statt, das Turnfest im letzten Sommer.

Aufsehenerregend und ebenfalls in den 70er-Jahren waren auch die Rettungsübungen, mit denen die Samariter das Verhalten bei einem Flugzeugabsturz trainierten. «Rettungsübungen für Flugzeugabstürze lagen damals schwer im Trend», so Gähwiler. Sie nahm aber nicht nur am spektakulären Teil des Vereinslebens teil, sondern engagierte sich auch im Vorstand. 15 Jahre lang war sie Präsidentin des Samaritervereins Oetwil-Geroldswil, später dann 15 Jahre als Präsidentin des Limmattaler Verbands und danach 25 Jahre als Präsidentin des Kantonalverbands. Darum weiss sie: Das Ende des hiesigen Samaritervereins ist bei weitem nicht das einzige. Die Stadtvereine Schlieren, Dietikon und Wipkingen zum Beispiel wurden schon lange aufgelöst.

Mitte März hatte der Samariterverein Geroldswil-Oetwil dann nicht nur seine letzte Blutspendeaktion, sondern auch seine Auflösungsversammlung. Die gut fünfzig Mitglieder gewährten auch an ihrem letzten Treffen denen Hilfe, die sie brauchen.
Das Vereinsvermögen, das sich über die Jahre angesammelt hat, spendet der Samariterverein dem Schweizerischen Verein für Such- und Rettungshunde, der Stiftung Wabe und einer Familie, die das Geld für den Kauf für Hilfsmittel ihres Kindes braucht, das am Spital Affoltern behandelt wird. Der vereinseigene Defibrillator wurde der Gemeinde Geroldswil geschenkt.

Zuletzt noch ein Ausverkauf

Der Rest des übriggebliebenen Inventars – Beatmungsgeräte, Rettungsbretter, ein Zelt, Beatmungspuppen und Wolldecken zum Beispiel – wird noch an andere Samaritervereine und Interessierte verkauft. Der Erlös kommt der Jugendarbeit des Schweizerischen Samariterverbands zugute. Es wird dies der allerletzte Punkt in einer 96-jährigen Geschichte sein, die vom Guten geprägt war und in der vielen Menschen geholfen wurde.
Ein bisschen besteht der Verein aber noch weiter. Denn bei der Gründung anno 1920 hiess er noch Samariterverein Weiningen-Geroldswil-Oetwil. Erst 1980 wurde dann aus der Weininger Sektion ein eigener Verein. Diesen gibt es immer noch.