Dietikon

Mit dem Bähnler-Virus angesteckt

Der Dietiker Rolf Hugger mit dem Modell einer Dampflokomotive.

Der Dietiker Rolf Hugger mit dem Modell einer Dampflokomotive.

Rolf Hugger organisiert seit 34 Jahren eine Modelleisenbahn-Börse. Heute findet sie zum 66. Mal statt.

Rolf Huggers Begeisterung für alles, was mit Eisenbahnen zu tun hat, macht sich schon auf dem Parkplatz seines Hauses bemerkbar. Neben der Einfahrt lehnt das gewaltige Rad einer alten Lokomotive an der Mauer, beim Garagentor hängt die Tafel einer Eisenbahngesellschaft.

Und beim Eingang zum Haus, das der Dietiker zusammen mit seiner Frau bewohnt, thront eine übermannshoche Bahnglocke, die er zur Begrüssung betätigt. «Ein Original von der Gotthardstrecke», sagt er stolz und bittet ins Haus.

Im Wohnzimmer setzt sich das Bähnler-Thema fort: Da steht ein Regal mit Dutzenden Fachbüchern, Modelle von Loks und Waggons füllen die Wohnzimmerwand.

Das Herzstück seiner lebenslangen Leidenschaft aber befindet sich im Keller: «Achtung Lokbetrieb» steht an der Tür, die in einen Raum mit alten Lok-Lampen, Ölkännchen, Schaffner-Mützen, Tafeln und Modelleisenbahnen führt.

Hinter der massiven Rauchkammertür einer Dampflok, die Hugger beim Bau seines Zuhauses montieren liess, befindet sich die Hausbar.

Vom «Ochsen» in die Stadthalle

Wenn er von seinem Hobby erzählt, auf die Detailtreue der Nachbildungen historischer Lokomotiven hinweist und Bücher mit Schwarz-Weiss-Bildern alter Modelle zeigt, dann überträgt er etwas von dem Bähnler-Virus, den er sich schon als Kind eingefangen hat.

Der ehemalige Dietiker Stadtkassier ist in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs aufgewachsen.
«Da sind wir oft beim Rangierbahnhof rumgestrielt», erzählt er.

Damals, als Bub, musste sich Rolf Hugger noch mit Lokomotiven mit Aufziehmechanismus begnügen, erst mit 20 Jahren konnte er sich eine erste elektrisch betriebene Modelleisenbahn leisten. «Das war für mich der Hit», erinnert er sich.

Seine Faszination teilt der 73-Jährige mit den Händlern und Besuchern der Internationalen Modelleisenbahn- und Autobörse, die heute in der Dietiker Stadthalle zum 66. Mal stattfindet. Bähnler aus der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland werden die Börse besuchen, die Hugger bereits seit 1982 zweimal im Jahr organisiert.

Zuerst mit dem verstorbenen Stadtpolizisten Ernst Plattner, nun mit dessen Sohn Marcel. «Als wir damit anfingen, gab es schweizweit erst zwei andere Börsen, eine in Bern, eine in Birmensdorf», beschreibt der Pensionär die Szene in den frühen 1980er-Jahren.

Das erste Mal wurde die Dietiker Börse noch im Restaurant Ochsen durchgeführt. Doch bereits für die zweite Ausgabe mussten die Organisatoren auf das Foyer der alten Stadthalle ausweichen, so gross war das Interesse. Über die Jahre habe sich der Anlass etabliert, so Hugger: «Auf dem Höhepunkt vor etwa 10 bis 15 Jahren hatten wir rund 1500 Besucher und 200 Händlertische.»

Seither gehen die Besucher- und Händlerzahlen allerdings stetig zurück. Für heute rechnet Hugger damit, noch 170 Tische vermieten zu können, und hofft darauf, 700 bis 800 Eintritte verkaufen zu können.

Der Rückgang hat einerseits mit der wachsenden Anzahl solcher Messen zu tun, erklärt Hugger. «Heute findet fast jedes Wochenende irgendwo in der Schweiz eine Modelleisenbahn-Börse statt. Man macht sich gegenseitig die Besucher und Händler streitig.» Schwerer wiegt aus seiner Sicht aber das Nachwuchsproblem.

«Unsere jüngsten Besucher sind 40 Jahre alt», sagt Hugger. Klar gebe es hin und wieder einen Vater, der sein Kind an die Börse mitnehme. Spätestens mit 17 oder 18 Jahren verliere der Nachwuchs aber das Interesse an Modelleisenbahnen.

«Gleichzeitig sterben die älteren Bähnler langsam weg», sagt Hugger. Noch könnten sie trotz des Besucherschwunds die Kosten für die Veranstaltung decken. «Aber wenn das nicht mehr der Fall ist, hören wir damit auf.»

Büezer und Akademiker

Das mangelnde Interesse der jüngeren Generation mag auch damit zusammenhängen, dass das Hobby ganz schön teuer ist: Hugger zeigt eine Messinglok im aktuellsten Katalog der Nürnberger Spielwarenmesse, an der die Hersteller jeweils ihre neusten Modelle präsentieren. «Frisch auf dem Markt kostet die um die 8000 Franken», weiss er.

Natürlich gebe es aber auch bedeutend günstigere Modelle. Und Occasionen, wie sie an der Dietiker Börse hauptsächlich gehandelt würden, kosteten ebenfalls weniger, sagt Hugger. So finde sich auch für ein kleines Budget immer etwas in der Stadthalle.

Es kämen deshalb Sammler aus allen Schichten nach Dietikon, vom Büezer bis zum Akademiker, vom Hobby- bis zum Profimodellbähnler. Und dann sind da noch die «Schnäppchenjäger», Sammler, die an der Börse nach Raritäten Ausschau halten und noch vor Börsenbeginn vor der Stadthalle Schlange stehen.

«Wenn es losgeht, stürmen sie die Halle, um sich seltene Modelle zu sichern», sagt Hugger. Ihn selbst treibt das «Bähnler»-Virus regelmässig an eine grosse Ausstellung in Paris. «In der Stadt gibt es Mode für meine Frau. Und Eisenbahnen für mich.»

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