Sommerserie
Mit Blick aufs Limmattal: So lebt es sich in der Waldschenke Altberg

Ute und Bernd Hoffmann wohnen und arbeiten hoch über dem Limmattal in der Waldschenke Altberg. Das deutsche Paar fand dort vor zehn Jahren durch eine Verkettung glücklicher Umstände sein Paradies, in dem auch Sohn Thomas mit Partnerin und Kind einen Platz fanden.

Daniel Diriwächter
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 Ein eingespieltes Team: Kathrin Herdmann, Thomas Hoffmann, Ben, Bernd Hoffmann und Ute Hoffmann.
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Sommerserie: So lebt das Limmattal
 Ute Hoffmann arbeitet seit zehn Jahren in der Waldschenke. Eben so lange wohnt sie mit ihrem Mann auf dem Altberg.
 Thomas Hoffmann bringt Bier aus dem Getränkekeller in die Gaststube der Waldschenke.
 Thomas Hoffmann kam vor vier Jahren in die Schweiz, um im Restaurant mitzuarbeiten.
 Aussicht auf dem Altberg. Die Familie Hoffmann führt die Waldschenke auf dem Altberg in Oetwil an der Limmat.
 Der Altberg galt schon Ende des 19. Jahrhunderts als beliebtes Ausflugsziel. Ein erster Aussichtsturm mit vier Stöcken wurde um 1895 errichtet.
 Die Geschichte der Waldschenke ist untrennbar mit deren erster Wirtin Rosa Schibli und ihrer Familie verbunden. Rosa und Adolf Schibli zogen 1922 auf den Altberg, um dort eine Schenke zu eröffnen.
 Das Ehepaar Anneler und Küngler (von links) sind seit mehreren Jahren Stammgäste in der Waldschenke. Sie haben nur lobende Worte für das Wirtenpaar.
 Auch Hunde sind in der Waldschenk gern gesehen.

Ein eingespieltes Team: Kathrin Herdmann, Thomas Hoffmann, Ben, Bernd Hoffmann und Ute Hoffmann.

SEVERIN BIGLER

Ein neuer Tag beginnt auf dem Gipfel des Altbergs, dort, wo seit Jahren die Waldschenke gleichen Namens um neun Uhr morgens ihre Tore öffnet. Noch ist es ruhig, nur vereinzelte Flugzeuge erinnern daran, dass das urbane Leben nicht weit entfernt ist. Es gibt reichlich zu tun: Die Wirtin Ute Hoffmann bereitet in der Küche die beliebten Kartoffel- und Hörnlisalate vor, während ihr Mann Bernd dafür sorgt, dass in der Gaststube sowie in der Gartenwirtschaft alles für die zu erwartenden Gäste bereit steht. Zwischendurch rennt deren vierjähriger Enkel Ben durch die Szenerie, dessen Eltern ebenfalls in der Schenke arbeiten: Sohn Thomas und seine Partnerin Kathrin Herdmann helfen tatkräftig mit, um einen erfolgreichen Tag in Angriff zu nehmen. Die Hoffmanns sind ein eingespieltes Team und eine Familienbande durch und durch – auf 635 Meter über Meer.

Der Hügelzug Altberg, der zwischen dem Limmat- und dem Furttal liegt, gilt in der Region als «Hausberg» und als beliebtes Naherholungsgebiet; die Schenke selbst liegt knapp auf Däniker Boden, ist aber von Weiningen, Geroldswil und Oetwil zu Fuss gut erreichbar. Den im übertragenen Sinn ereignisreichsten Weg auf den Berg legten aber Ute und Bernd Hoffmann zurück. «Um ein altes Sprichwort abzuwandeln, es war eine Verkettung glücklicher Umstände», so Bernd Hoffmann. Das Paar wohnt seit zehn Jahren auf dem Gipfel; eben so lange arbeitet Ute Hoffmann bereits in dem Restaurant. Dabei stammen beide aus dem deutschen Thüringen und dachten zu Zeiten der DDR nicht im Entferntesten daran, eines Tages in der Schweiz auf einem Berg zu landen. Die Wende änderte alles.

Sommerserie: So lebt das Limmattal (11/12)

Wohnformen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Die Redaktion begibt sich auf die Suche nach unkonventionellen Lebens- und Wohnformen im Limmattal, die wir Ihnen in unserer Sommerserie vorstellen. Die nächste und letzte Folge erscheint am Samstag.

Lesen Sie hier die vorherige Folge.

Vom Berg wieder vereint

Ute Hoffmann kann sich gut an den Mauerfall sowie dessen Folgen erinnern. Bis dahin arbeitete sie als Kellnerin und Köchin, während ihr Mann als Montagemonteur unterwegs war. «Nach der Wende zog es viele Menschen ins ehemalige Westdeutschland, da blieb dann bei uns die Arbeit weg.» Eine lange Zeit der Trennung folgte: Bernd Hoffmann fand eine Stelle bei München und war deshalb häufig abwesend. Seine Frau blieb in Thüringen und kümmerte sich um die beiden Söhne Thomas und Enrico. Die Distanz wurde grösser, als Bernd Hoffmann 2006 seine Arbeit verlor, aber kurz darauf eine neue Anstellung in Dällikon ergatterte. «Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich die Schweiz noch nie bereist und wusste wenig über das Land und die Leute», sagt er.

In Thüringen suchte Ute Hoffmann nach einer neuen Aufgabe, da die Söhne mittlerweile erwachsen waren. Aber es war nicht leicht. «Gutbezahlte Arbeit war schwer zu finden», erinnert sie sich. Bis ihr Mann eines Tages von einer freien Stelle in der Waldschenke Altberg hörte. Es sollte die Chance werden für Ute Hoffmann. «Ich habe mich sofort beworben, meine Sachen gepackt und bin für eine Probewoche in die Schweiz gefahren.» Die damalige Wirtin Gabriela Hintermann, welche die Schenke in langjähriger Familientradition führte, zeigte sich begeistert – ebenso Ute Hoffmann. «Die Arbeit machte mir sofort Spass und war abwechslungsreich. Servieren oder kochen, alles war gefragt.» Das Paar zog auch gleich im kleinen Wohnhaus neben der Schenke ein. «Es war eine praktische Lösung», sagen sie beide.

Ein Turm und die Folgen

2010 wurde der Aussichtsturm Altberg errichtet, der den Gipfel um rund 35 Metern erweitert. «Der Turm verhalf dem Altberg und der Schenke zu neuer Popularität. Wir konnten uns schon vorher nie über mangelnde Gäste beklagen, aber seither zählen wir immer mehr Besucher», so Ute Hoffmann. Eines Tages fragte Gabriela Hintermann, ob nicht auch Bernd Hoffmann im Restaurant arbeiten wolle. «Oft habe ich bereits ausgeholfen, daher sagte ich nach einigen Überlegungen zu.» So wurde auch er fester Bestandteil des Teams, zudem kümmert er sich um handwerkliche Belange und darf sich obendrein Turmwart nennen. «Wir waren so lange während unserer Ehe getrennt, dass wir es heute geniessen, so oft beisammen zu sein», sagen beide.

Da immer mehr Hilfe benötigt wurde, entschlossen sich vor vier Jahren ihr Sohn Thomas, der damals noch als Metzger in Thüringen arbeitete, und seine Partnerin Kathrin Herdmann, ihren Arbeitsmittelpunkt ebenfalls auf den Altberg zu verlegen. «Es war ein grosser Schritt für uns, weil wir Familie und Freunde zurücklassen mussten», sagt Kathrin Herdmann. Ein wichtiger Grund für den Umzug war auch deren Sohn Ben. «Die Gegend hier ist ideal für ein Kind, um unbeschwert aufzuwachsen», so Thomas Hoffmann. Wohnen tut das Paar allerdings in einer Wohnung in Dänikon und pendelt jeweils den Berg rauf und runter. Mittlerweile lebt nur noch Enrico Hoffmann in Deutschland.

Vor zwei Jahren folgte dann der nächste Schritt. Die Besitzerin Gabriela Hintermann entschloss sich, den Gastrobetrieb in die Hände von Ute Hoffmann zu legen. Zu diesem Zweck wurde die Waldschenke Altberg GmbH von Ute und Thomas Hoffmann gegründet. Seither sind sie stolze Pächter der Schenke. «Wir sind glücklich hier oben und können es uns nicht mehr anders vorstellen», so Ute Hoffmann.

Ein Flair für Dekoration

In der Waldschenke ist mittlerweile die Mittagszeit angebrochen und von allen Wegen, die zum Lokal führen, tauchen Wanderer, Spaziergänger und Stammgäste auf, die sich verpflegen oder einfach auf der Terrasse, die rund 200 Plätze fasst, verweilen wollen. Die Familienmitglieder agieren wie ein Uhrwerk. Jeder hat seine Aufgabe. Sie ergänzen sich perfekt und erfrischend unauffällig. Ein Understatement, das geschätzt wird. «Wir haben Gäste, die uns jede Woche besuchen», so Bernd Hoffmann. Es komme auch gut an, dass das Lokal keinem Trend nachrenne. «Wir setzen nach wie vor auf gut bürgerliche Küche».

Ins Auge sticht zudem die bunte Dekoration – ein Hobby von Ute Hoffmann. Für jede Jahreszeit werden Schenke und Wohnhaus mit allerlei Figuren und Objekten ausgestattet. Jetzt im Sommer geben Zwerge, Schmetterlinge oder Katzen den Ton an. Diese werden von der realen Hauskatze Pepp angeführt. Zur Weihnachtszeit soll sich die Schenke in ein Winterwunderland mit vielen Lichterketten und Weihnachtsmännern verwandeln, wie Ute Hoffmann voller Vorfreude erzählt. Denn auch der Winter verlangt einiges ab: In der verwinkelten Gaststube, die rund 70 Gäste beherbergen kann, wird dann mit Vorliebe Freiburger Fondue gegessen. «In diesen Monaten sind unsere Arbeitstage lang», so Kathrin Herdmann. Trotzdem sagt sie stellvertretend für die Familie, dass man trotz allem auch selbst noch Lust auf ein Fondue habe.

Ruhetage sind wichtig

Den Ruhetag haben die Hoffmanns auf Dienstag gelegt. «Wir legen Wert darauf, dass wir etwas Distanz zum Berg finden», so Ute Hoffmann. Denn würde man oben bleiben und Gäste kämen vorbei, könne man oft nicht anders, als diese trotzdem zu bewirten. Der perfekte freie Tag beginnt deshalb für die Hoffmanns mit einem ausgiebigen Frühstück unten in Regensdorf oder Spreitenbach, gefolgt von kleinen Ausflügen in die Umgebung. «Später steht dann ein feines Abendessen in einem Restaurant auf dem Programm».

Heute geht aber ein gewöhnlicher Arbeitstag zu Ende. An einem schönen Sommertag strömen auch abends noch zahlreiche Gäste auf den Altberg, bis um 21 Uhr die letzte Runde eingeläutet wird. Dann kümmern sich Ute und Bernd Hoffmann noch um die Reinigung der Gaststube und einige andere Dinge, die man für den Folgetag erledigen kann. Danach ziehen sich beide in das Wohnhaus zurück, das eine Dreizimmerwohnung beinhaltet. In trauter Zweisamkeit, als einzige Menschen weit und breit, lassen sie den Tag in Ruhe ausklingen.