Mit Blaulicht unterwegs
Die Devise der Rettungssanitäter lautet: «Fahre langsam, es pressiert»

Durch die Stadt Zürich zu brausen, wird für die Rettungssanitäter immer anspruchsvoller. Trotzdem kommt es nur selten zu Unfällen – doch einen Blechschaden verzeichnet jeder Fahrer einmal.

Heinz Zürcher
Merken
Drucken
Teilen
«Ich muss den anderen Verkehrsteilnehmern Zeit geben, zu reagieren», sagt Christian Hafner, diplomierter Rettungssanitäter HF.

«Ich muss den anderen Verkehrsteilnehmern Zeit geben, zu reagieren», sagt Christian Hafner, diplomierter Rettungssanitäter HF.

Marc Dahinden

Adrenalin rauscht Christian Hafner schon lange nicht mehr durch die Adern, wenn er mit Blaulicht die Zentrale am Neumühlequai in der Stadt Zürich verlässt. Seit 23 Jahren ist er diplomierter Rettungssanitäter HF bei Schutz & Rettung Zürich.

Rasante Fahrten durch die vollgestopfte Stadt sind für ihn alltäglich. Und doch sagt er:

«Anstrengend ist es dennoch. Man muss vorausschauen und für alle anderen Verkehrsteilnehmer mitdenken.»

Die Fahrten mit Blaulicht und Horn – in der Fachsprache Sondersignal – seien anspruchsvoller geworden. «Der Verkehr nimmt zu. Und es gibt immer mehr Leute, die mit dem Handy vor dem Gesicht über die Strasse laufen oder Kopfhörer aufgesetzt haben und uns gar nicht wahrnehmen.» Dass die neuen Ohrstöpsel Umgebungslärm unterdrücken können, erhöht die Gefahr zusätzlich.

Isolierte Autos und neue Verkehrsregeln

Erschwerend kommt hinzu, dass moderne Autos mittlerweile so gut isoliert sind, dass man im Innern kaum noch Warntöne wahrnimmt. Oder dass immer mehr Trotti- und Velofahrer unterwegs sind und Letztere seit Anfang Jahr an 81 Kreuzungen der Stadt bei Rot auch noch rechts abbiegen dürfen.

Ein weiteres Hindernis für die Lebensretter sind 30er-Zonen mit verkehrsberuhigenden Elementen. In diesen Abschnitten ist es oft unmöglich, zu überholen. Wertvolle Sekunden verstreichen.

Trotz der Eile: «Geduld ist wichtig», sagt Hafner. «Komme ich an eine Kreuzung und die Autos vor mir haben keine Rettungsgasse gebildet, muss ich den Verkehrsteilnehmern Zeit geben, zu reagieren.» Oft seien die Lenker perplex, wenn sie die Sanität hinter sich hörten. Und viele wüssten zum Beispiel nicht, dass sie das Rotlicht ein paar Meter überfahren dürften, um zur Seite zu fahren und Platz zu schaffen.

Viele Faktoren machen die Herausforderung grösser

Dunkelheit, starke Niederschläge und vereiste Strassen machen die dringlichen Dienstfahrten noch anspruchsvoller. Müssen die Sanitäter dann noch an einem Samstagabend ins Ausgehviertel ausrücken und angetrunkene Nachtschwärmer umkurven, ist die Herausforderung perfekt.

An einem durchschnittlichen Tag leistet Schutz & Rettung Zürich rund 110 Einsätze, davon jeweils etwa die Hälfte mit Sondersignal. «Es gab schon Tage, da hatte ich allein zehn Einsätze», sagt Hafner. Zwölf Stunden dauert eine Schicht. Nach vier solchen Arbeitstagen hat er jeweils vier Tage frei.

Hafner erinnert sich an seine ersten Blaulichtfahrten. «Zuerst ist man zögerlich, dann hat man immer mehr Mut – bis ein Ereignis einen wieder vorsichtiger fahren lässt. Und irgendwann übernimmt die Routine das Steuer.» Er selber habe noch keinen schweren Unfall verursacht. «Einen Blechschaden hat aber jeder irgendwann.»

Dank Fahrsimulator seit vielen Jahre keine gravierenden Unfälle

Unfälle mit Schwerverletzten oder hohem Sachschaden habe Schutz & Rettung Zürich schon seit vielen Jahren nicht mehr beklagen müssen, sagt Martin Lins. Er ist bei Schutz & Rettung Zürich verantwortlich für die Fahrtrainings der Blaulichtorganisationen im Fahrsimulator und schon lange dabei. 1986 hat er seine Karriere bei der Berufsfeuerwehr am Flughafen begonnen und sich später zum Rettungssanitäter umschulen lassen.

Lins empfängt uns unweit vom Leutschenbach im Ausbildungszentrum von Schutz & Rettung. «Anfang der 2000er-Jahre gab es während Einsatzfahrten einige Unfälle mit Personenschaden in Zürich», sagt Lins. Darauf beschloss die Stadt, in die Sicherheit zu investieren. Unter anderem wurde ein Fahrsimulator angeschafft.

«Seither gab es keinen einzigen schweren Unfall mehr», sagt Lins und setzt sich im Trainingscockpit hinters Steuer. 30 fiktive Einsatzstrecken kann das Gerät simulieren, dazu schwierige äussere Bedingungen wie Schneefall und Dunkelheit. Fährt man über einen Randstein, ruckelt der Sitz.

Der Weg des geringsten Widerstands

«Seit wir den Simulator haben, gab es keinen einzigen schweren Unfall mehr», sagt Ausbildner Martin Lins.

«Seit wir den Simulator haben, gab es keinen einzigen schweren Unfall mehr», sagt Ausbildner Martin Lins.

Marc Dahinden

Lins fährt los und beschleunigt, aber nur kurz. Rechts vor ihm hat ein Bus angehalten. Prompt kommen ausgestiegene Passagiere ins Bild und queren die Strasse. Lins muss den knapp fünf Tonnen schweren Wagen abbremsen. Zum Glück liegt noch niemand im Patientenraum. Blinkhupend geht es weiter auf der autofreien Gegenfahrbahn. «Immer dort lang, wo der Widerstand am geringsten ist.»

Lins’ Fahrt lässt sich nebenan in der sogenannten Mitschauanlage zeitgleich mitverfolgen. Ein grüner Punkt zeigt an, wo der Lenker gerade hinschaut. So kann man die Trainingsfahrt später in der Gruppe analysieren.

Wenn die Rettungsgasse fehlt, ist Slalom angesagt

Die nächste Kreuzung kommt näher: Rettungsgasse Fehlanzeige. Lins bleibt ruhig und schlängelt an Autos vorbei, die mitten auf der Kreuzung stehen geblieben sind.

Dass er es eiliger hat als alle andern, merkt die Ampel nicht. «Es gibt keine Sensoren, die auf Rot oder Grün umstellen. Das würde den Stadtverkehr bei den vielen Einsatzfahrten zu stark beeinträchtigen», sagt Lins und hat schon die nächste Kreuzung vor sich.

Diesmal steht die Kolonne auf der linken Spur, die rechte Bahn ist frei und die Ampel auf Grün. Doch genau als Lins rechts vorbeisteuert, schert einer aus und schneidet ihm den Weg ab. «Wir provozieren im Simulator natürlich bewusst heikle Situationen», sagt Lins. «Nur so erreichen wir einen Lerneffekt.»

Alle vier Jahr geht es in den Simulator

Alle vier Jahre müssen die Rettungssanitäter ins Training: entweder in den Simulator oder zum Fahrtraining auf das TCS-Übungsgelände in Hinwil. Bereits bei der Bewerbung wird das Fahrkönnen geprüft. Während der Ausbildung sind Einheiten im Simulator Pflicht.

Denn jede Rettungssanitäterin und jeder Rettungssanitäter muss sich im Dienst hinters Steuer setzen. Meistens wechseln sich die Zweierteams im Laufe des Tages ab. Der Beifahrer schaut jeweils mit und hilft nach dem Vier-Augen-Prinzip.

Vortritt nur mit Blaulicht und Horn

Mit Sondersignal fahren die Rettungssanitäter nur los, wenn es von der Einsatzleitzentrale angeordnet wurde; wenn es wirklich eilt, etwa bei lebensbedrohlichen Situationen oder schweren Verletzungen. Dazu kommt eine rechtliche Komponente. Nur mit Blaulicht und mit Horn haben die Rettungssanitäter Vortritt im Strassenverkehr.

Deshalb werde teils auch nachts bei wenig Verkehr das Signalhorn eingeschaltet, sagt Urs Eberle, Bereichsleiter Kommunikation bei Schutz & Rettung Zürich. «Wir werden aus der Bevölkerung immer wieder gefragt, wieso wir nachts nicht wenigstens das Horn ausschalten können.»

Auch beim Tempo gibt es interne Vorgaben. Bei signalisierter Höchstgeschwindigkeit bis zu 80 km/h beträgt die erlaubte Überschreitung maximal 20 km/h, ausserorts darf sie um bis zu 30 km/h übertreten werden. «Der Raserartikel gilt auch für uns», sagt Lins. Wird das Limit überschritten, muss Schutz & Rettung Stellung nehmen. Jede Fahrt mit Blaulicht wird protokolliert.

Auf die Frage, ob es einen Leitspruch gebe für Fahrten mit Sondersignal, muss Lins schmunzeln. «Unsere Devise? Die ist noch die gleiche wie zu meinen Anfängen: Fahre langsam, es pressiert.»