Limmattal
Mit 74 macht sie viermal pro Woche Sport: «Man darf sich nur nicht überfordern»

Das Bewegungs- und Sportangebot der Pro Senectute wird heuer 50-jährig. Die Schlieremer Wanderleiterin Irma Reimann (74) erklärt, wieso ohne Bewegung im Alter gar nichts geht und wieso sie trotzdem nicht zum Altersturnen geht.

Sophie Rüesch
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Zwei Stöcke, ein Rucksack und gute Laune - viel mehr braucht Irma Reimann nicht für eine gelungene Wanderung

Zwei Stöcke, ein Rucksack und gute Laune - viel mehr braucht Irma Reimann nicht für eine gelungene Wanderung

Sophie Rüesch

Frau Reimann, haben Sie heute schon geturnt?
Irma Reimann: (Lacht) Nein, das tue ich eigentlich auch nie. Ich mache sonst schon genug: Aquafit, Gymnastik, Nordic Walking und eben Wandern. Ich mache viermal pro Woche Sport, da muss ich nicht auch noch zu Hause turnen.

Zur Person

Irma Reimann (74) wohnt seit 30 Jahren mit ihrem Mann in Schlieren. Die gelernte kaufmännische Angestellte stieg nach 15 Jahren, in denen sie ihre zwei heute erwachsenen Söhne zu Hause aufzog, wieder ins Berufsleben ein und leitete unter anderem die Gourmessa am Zürcher Rigiplatz und das Migros-Restaurant-Büro. Nach ihrer Pensionierung vor zehn Jahren trat sie der Pro Senectute bei und stieg dort schnell zur Wanderleiterin auf. Die 22 Termine im Jahr teilen sie und drei weitere Leiter und Leiterinnen aus Schlieren untereinander auf – Irma Reimann wandert aber auch meist dann mit, wenn sie gar nicht dran ist. (rue)

Wie wichtig ist Bewegung im Alter?
Sehr, sehr wichtig. Man sollte sich so lange und so viel bewegen, wie es nur irgendwie geht. Die ganzen Funktionen und Abläufe, die man bei der körperlichen Betätigung trainiert, sind auch im Alltag unglaublich wichtig. Bei einem Beinbruch zum Beispiel bilden sich die Muskeln sehr schnell zurück, wenn man zuvor nichts für seine Fitness getan hat. Dazu kommt, dass Leute, die sich viel bewegen, viel sicherer auf den Beinen stehen und so auch weniger stürzen.

Das Bewegungs- und Sportangebot der Pro Senectute Kanton Zürich feiert 50 Jahre Bestehen. Vor 1964 war Bewegung im Alter kaum Thema. Wieso?
Sport war damals generell nicht so ein grosses Thema wie heute. Das mag daran liegen, dass früher mehr Leute eine körperlich strenge Arbeit hatten – im Gegensatz zu heute, wo viele stundenlang vor dem Computer sitzen und den Sport deshalb als Ausgleich brauchen.

Wird dem Seniorensport heute auch mehr Achtung geschenkt, weil die Bevölkerung immer älter wird?
Ganz bestimmt, ja. Es wird auch immer mehr geleistet auf diesem Gebiet: Viele Fitnesscenters haben mittlerweile etwa Sonderprogramme für Senioren. Zudem glaube ich, dass die Generationen, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ins Alter kommen, besser darauf sensibilisiert sind, wie wichtig Bewegung ist, und im Alter eher aktiv bleiben werden.

Auf was müssen ältere Leute beim Sport achten? Wo müssen sie vorsichtiger sein als Junge?
Das Wichtigste ist, sich nicht zu überfordern. Man muss den Einstieg langsam angehen, ob beim Joggen oder beim Wandern. Oft packt die Leute der Ehrgeiz, sie haben dann schnell das Gefühl, dass sie etwa in einer bestimmten Zeit auf dem Berg oben sein müssen. Das ist aber nicht unbedingt produktiv: Wenn man sich die Anstrengung noch nicht gewohnt ist, ermüdet man auch viel schneller. Und dann schafft man es schon gar nicht rechtzeitig ans Ziel.

Gibt es Sportarten, die mehr und solche, die weniger sinnvoll sind im Alter?
Ja. Im Alter sollte man auf feinere, dafür konstante Bewegung setzen. Tennis- oder Fussballspielen beispielsweise mag ja schön sein, doch diese Art von Stop-and-Go-Bewegung ist für Senioren nicht unbedingt sinnvoll. Es ist besser, sich über längere Zeit gleichmässig zu bewegen. Mit welcher Sportart man das erreicht, spielt dann nicht mehr so eine grosse Rolle. Wichtig ist, dass dabei die Ausdauer trainiert wird.

Sind Ihre Wandergruppenmitglieder auch so polysportiv wie Sie?
Viele von ihnen, ja. Wir planen deshalb auch unsere Wanderungen so, dass wir rechtzeitig zurückkehren. Denn wenn das nicht spätestens um halb sechs Uhr der Fall ist, reicht es manchen nicht mehr in die Turnstunde.

Wie gross ist so eine Gruppe jeweils?
Je nach Niveau und Wetterverhältnissen nehmen zwischen 20 und 40 Personen teil. Bei anspruchsvolleren Wanderungen kommen in der Regel weniger, dafür kann man sich bei schönem Wetter manchmal kaum retten vor Leuten.

Wie gehen Sie als Leiterin mit verschiedenen Fitnesslevels der Mitglieder um?
Ganz überfordert ist in der Regel niemand. Die Leute, die in unsere Wandergruppe kommen, sind ja selten solche, die vorher noch nie gewandert sind. Bei den kleineren Routen setzen wir von Beginn weg ein langsameres Tempo, da wir davon ausgehen, dass sich da eher diejenigen anmelden, die weniger fit sind. Und wem es auch dann noch zu schnell geht, hat normalerweise keine Hemmungen, sich zu melden – dann gehen wir es einfach alle etwas gemächlicher an.

Wie kamen Sie auf die Idee, Leiterin bei Pro Senectute zu werden?
Da hat eins zum anderen geführt. Mir war schon vor der Pensionierung klar, wie wichtig es ist, danach beschäftigt zu bleiben. Mein Mann war bereits Mitglied der Wandergruppe, da schloss ich mich einfach an. Ich habe dann schnell einmal den öffentlichen Auftritt in die Hände genommen – die Ausschreibungen waren zuvor noch von Hand oder auf der Schreibmaschine verfasst worden, und ich wusste von meinem Berufsleben, wie man das am Computer mit wenig Aufwand besser machen könnte. Als ich angefragt wurde, ob ich nicht die Ausbildung zur Leiterin machen will, sagte ich sofort zu. Man muss auch nach der Pensionierung noch Neues lernen wollen.

Das Sportangebot der Pro Senectute dient nicht nur der Bewegung. Wie wichtig ist dabei der soziale Aspekt?
Der ist sehr wichtig. Leute, die sonst eher allein sind, können hier an fixen Terminen ihre Kollegen und Kolleginnen treffen. Alleinstehende Frauen sind mit rund zwei Dritteln klar in der Mehrheit. Sie geniessen nebst dem Wandern hauptsächlich den gesellschaftlichen Anschluss. Wenn man so zusammen wandert, picknickt, im Restaurant einkehrt, kommt man auch mit neuen Leuten schnell ins Gespräch. Da entstehen gute Freundschaften.

Sie sind noch eine junge Seniorin. Haben Sie vor, sich noch lange weiter zu engagieren?
Ich höre erst dann auf, wenn mir das Organisieren zu viel wird. Denn jede Wanderung braucht viel Vorarbeit: Man muss jede Route rekognoszieren, die Zugverbindungen heraussuchen, die Ausschreibungen machen — das braucht schon seine Zeit. Wenn ich daran keinen Spass mehr hätte, würde ich aber nicht ganz aussteigen; mitwandern möchte ich, solange es körperlich geht.

Fürs Bodenturnen brauchte es früher eine ärztliche Erlaubnis

Heute ist es normal, dass man in der Schweiz bis ins hohe Alter auf ein vielfältiges Sportangebot zurückgreifen kann. Senioren können Schneeschuh laufen, tanzen oder Wasserfitness betreiben. Doch das war nicht immer so: Bis in die Mitte der 1950er-Jahre wurde das Thema Bewegung im Alter eher stiefmütterlich behandelt. Das änderte sich, nachdem sich Berthi Zellweger und Clara Bachofen der Sache annahmen. Die beiden Frauen hatten 1959 in der Zeitung gelesen, dass in Schweden mit alten Leuten geturnt würde. «Das könnte man doch auch in der Schweiz machen, statt im Café zu sitzen», sagten sie sich. In einer Turnhalle in Thalwil organisierten sie daraufhin eine erste Sportlektion für ältere Menschen. Prompt fanden sich über 60 Interessierte zum Gruppenturnen ein. Ebenfalls anwesend waren Ärzte, welche die Grundübungen beurteilten und erst dann die Erlaubnis zum Bodenturnen gaben. Die Aktion hatte Erfolg: Im ganzen Kanton entstanden danach weitere Gruppen. Ein Professor informierte später in einer Ärztezeitung über das neue, damals gar revolutionäre Angebot. Zellweger und Bachofen erkannten schnell, dass das Altersturnen ein Bedürfnis war. Um dem Angebot gerecht zu werden, mussten Leiter ausgebildet werden. Doch weder das Rote Kreuz, wo Bachofen damals angestellt war, noch die Volksgesundheit waren an der Organisation einer Leiterschulung interessiert. Erfolg hatte schliesslich Berthi Zellweger. Während einer Herbstsammlung für die Stiftung Pro Senectute/Für das Alter ging sie auf die Verantwortlichen zu und erhielt eine begeisterte Reaktion. So fand im August 1964 der erste Ausbildungskurs für Altersturnen statt.
Ein halbes Jahrhundert später finden jetzt im ganzen Kanton zum Jubiläum dieses Angebots Anlässe statt. Insgesamt sind es 33 Spezialtouren und Lektionen, drei davon im Limmattal. Sie richten sich an Personen über 60.
21. August, 9–16 Uhr: Mit dem Velo das Limmattal kennen lernen. Fahrt vom Bahnhof Dietikon durchs Limmattal zum Kloster Fahr. Die Fahrt dauert ca. 4 Stunden, leichte bis mittlere Anforderung. Auskunft: Monica Bamert, 077 468 30 12, monica.bamert@gmail.com

25. August, 9–11.30 Uhr. Nordic Walking durchs Limmattal. Walk entlang der Limmat und Zusammensein im Restaurant Werd in Geroldswil. Laufzeit: ca. 2½ Stunden. Auskunft: Monica Bamert.

27. August, 10.40–15.30 Uhr. Wanderung im Reppischtal. Route: Dietikon– Brüggliweg–Honeretwald–Urdorf. Mit Picknick bei der Lorenzhütte. Wanderzeit: ca 2½ Stunden, mit kurzen Auf- und Abstiegen. Auskunft: Irma Reimann, 044 730 67 93/079 226 01 53, irmareimann@bluewin.ch (nav/rue)

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