Weiningen
«Mit 100 Jahren kenne ich die Grenzen»

Der Weininger Leo Niggli wird bald ein volles Jahrhundert alt, 66 jahre davon ist er mit Alice verheiratet. Im Gespräch zeigt sich, dass er sich nicht wie ein 100-Jähriger fühlt und keine Angst vor dem Sterben hat.

Alex Rudolf
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«Man sollte immer eine Tätigkeit ausüben, aber eine vernünftige», so der Ratschlag von Leo und Alice Niggli für ein langes und erfülltes Leben.

«Man sollte immer eine Tätigkeit ausüben, aber eine vernünftige», so der Ratschlag von Leo und Alice Niggli für ein langes und erfülltes Leben.

Alex Rudolf

Herr Niggli, Sie werden bald 100 Jahre alt. Wie alt fühlen Sie sich?

Leo Niggli: Ich bin schon überrascht, dass ich im Juli meinen 100. Geburtstag feiern darf. Vom Gefühl her fühle ich mich aber noch nicht so alt.
Alice Niggli: Er ist derart aktiv, dass man ihm seine 100 Jahre niemals geben würde. 80 Jahre kämen vielleicht hin.

Heute werden Sie im Rahmen des Rebblüetefäschts als Ehrengast fungieren. Was löst diese Ehre in Ihnen aus?

Leo Niggli: Das freut mich natürlich, dass man mich dafür gewählt hat. Ich freue mich besonders, unter die Leute zu kommen. In Gesellschaft fühle ich mich wohl.
Alice Niggli: Wenn er an irgendeinem Anlass ist, dann steht er nicht neben dem Geschehen. Die Leute gehen auf ihn zu und interessieren sich für ihn. Es fehlt ihm an nichts.

Dabei ist doch heute eher ein Jugendwahn zu beobachten, wo die Vorteile des Alters vergessen gehen. Spüren Sie das auch?

Alice Niggli: Diesen Trend bekommt man schon mit. Hier in Weiningen kümmert man sich sehr gut um Senioren. Wer hierher kommt und sich für Weiningen interessiert, dem wird von den Einwohnern auch Sorge getragen.

Wie unterscheidet sich das Leben eines 100-Jährigen von dem eines 60-, 70-, 80-Jährigen?

Leo Niggli : Man hat sicherlich ein bisschen mehr Lebenserfahrung. Leider merke ich auch, wie der Körper nicht mehr alles mitmacht. So habe ich mir kürzlich über mehrere Tage ein zu dichtes Programm zugemutet. Im Anschluss hatte ich einen schmerzvollen Leistenbruch. Man merkt mit 100 Jahren schnell, wo die Grenzen des Körpers liegen.
Alice Niggli: Wir mussten uns mit der Erziehung unserer fünf Kinder immer zur Decke strecken. Stets waren wir aktiv. Dies hat sich bis ins Pensionsalter fortgesetzt. Mit zunehmendem Alter stellt sich die Frage, wie viel Energieverbrauch der Körper zulässt. Übernimmt man sich, dann wehrt sich der Körper.

Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr Ratschlag an andere für ein langes Leben lautet, stets aktiv zu sein?

Leo Niggli : Ja. Man sollte immer eine Tätigkeit ausüben. Aber eine vernünftige. Ich bin viel gewandert und habe stets geschrieben. Das hat mich immer gefördert und gefordert.
Alice Niggli: Ich besuche regelmässig das Weininger Altersheim. Am Anfang haben mich viele gefragt, wer mich denn von dort wieder abholt. Die Überraschung war immer gross, als ich sagte, dass ich den Hügel hinauf nach Hause laufe. (lacht).

Bei so viel Aktivität schalten Sie auch manchmal ab und geben sich dem Nichtstun hin?

Alice Niggli: Ja. Wir setzen uns in den Garten und spielen Skip Bo.

Herr Niggli, in Ihren 100 Lebensjahren haben Sie fast alle historisch wichtigen Ereignisse des 20. Jahrhunderts erlebt. Kommen heute noch Menschen zu Ihnen und fragen, wie sich dies und das damals zugetragen hat?

Leo Niggli : Nicht mit den weltgeschichtlichen Ereignissen, aber in Verbindung mit der Historie Weiningens. Wenn jemand auf der Gemeinde eine Anfrage über ein Familienmitglied, das vor Jahrzehnten in der Gemeinde gelebt hat, macht und die Behörden darauf keine Antwort wissen, dann werden die Leute in der Regel an mich weiterverwiesen.

Konnten Sie jemandem schon behilflich sein?

Leo Niggli : Ja. Zwei Amerikanerinnen, die ihrem Stammbaum auf der Spur waren, konnten wir Leute vermitteln, die ihnen auf der Suche nach ihren Ursprüngen behilflich sein konnten.

Die Welt hat sich zu Ihrer Lebzeit in ihren Grundmanifesten beinahe in jeder Beziehung geändert. Zuerst das Auto, das Kino, die Computer...

Leo Niggli: ... und das Geld, das einem heutzutage zur Verfügung steht, um all diese Dinge zu kaufen.

Auch der Wohlstand hat zugenommen.

Leo Niggli: Als ich die Schule besuchte, hatten Fabrikdirektoren, Ärzte und Sekundarlehrer ein Auto. Sonst konnte sich das niemand leisten. Auch erinnere ich mich an eine Episode in der Schule. Meine Kameraden und ich machten uns über das Auto unseres Lehrers lustig, als dieser gerade das Schulzimmer betrat. Er muss dies gehört haben, denn er retournierte uns eine Mathematikprüfung. Im Anschluss wurden alle aufgerufen ihre Note zu sagen, damit er sich diese notieren konnte. Ich hatte die Bestnote und sagte dies auch, als er mich fragte. Er fragte, ob ich drei gesagt hätte? Ich sagte Nein, er sagte, er habe drei verstanden und schrieb dies auch nieder. Es ruinierte mir den Notendurchschnitt. Eine solche Willkür wäre heute nicht mehr möglich.

Was war früher besser?

Leo Niggli: Es war alles einfacher.

Wie hat sich Ihre Heimat Weiningen in dieser Zeit verändert?

Leo Niggli: Heute leben viel mehr Menschen hier.
Alice Niggli: Dabei findet hier noch ein ziemlich dörfliches Leben statt. Neuzuzüger mit viel Geld, die nimmt man hier im gesellschaftlichen Leben weniger wahr. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Menschen, die es sich vorgenommen haben, sich und ihre Familie hier zu integrieren.
Leo Niggli: Heute ist dies einfacher als in den 1950er-Jahren, als ich zugezogen bin. Damals fragte mich eine ältere Dame nach meinem Namen und fügte an, dass sie Probleme habe, sich fremde Geschlechtsnamen zu merken.

Sind Sie in einem Alter, in dem man sich mit dem Tod auseinandersetzt?

Alice Niggli: Ja. Wir haben beide unsere Erfahrungen damit gemacht. Als Christin habe ich keine Angst vor dem, was kommt.
Leo Niggli: Als meine Frau vor längerer Zeit krank war, schlug sie vor, von nun an jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Seit dann haben wir einen guten Kontakt zu Gott.

Vor dem Sterben haben Sie also keine Angst?

Alice Niggli und Leo Niggli: Nein, überhaupt nicht.
Alice Niggli: Der Tod gehört nun mal zum Leben dazu.