Bezirksgericht Dietikon

Missbrauchsvorwurf: Beschuldigter schwänzt Prozess – dann trifft mysteriöser Fax ein

Der Angeklagte blieb dem Gerichtssaal im Dietiker Bezirksgebäude fern. Und dies ganz bewusst.

Ein wegen pädophiler Machenschaften angeklagter Mann fürchtet sich vor der möglichen Strafe und bleibt seinem Prozess fern. Er trage aber schwer an seiner Schuld, lässt er das Gericht per Fax wissen.

Ist es ein Schuldeingeständnis, wenn ein Beschuldigter in einem Fax an das Gericht schreibt, dass er schwer an seiner Schuld trägt? Und falls ja: Hat sich der Beschuldigte in diesem Fax das erste Mal zu seiner Schuld geäussert? Wird sich der Fax als letztes Lebenszeichen eines Mannes erweisen, der den Richtern nicht in die Augen schauen will? Fragen über Fragen.

Doch von vorne: Im Beton des Dietiker Bezirksgebäudes fehlte gestern nur einer, als das Gericht um 13.30 Uhr planmässig loslegen wollte. Auch 20 Minuten später blieb der Niederländer verschollen, auf dessen Festplatte die Polizei verstörende
illegale Pornodateien gefunden hatte, auf denen Erwachsene, Nutztiere und Kinder zu sehen waren.

Die grosse Holztüre zum Gerichtssaal öffnete sich dann gleichwohl. Die schwarzen Stühle füllten sich – mit der fallführenden Staatsanwältin für Gewaltdelikte, mit am Fall beteiligten Polizistinnen, mit weiteren Zuschauern und mit der Anwältin des Mädchens, das schon als kleines Kind die Hand des Angeklagten zwischen den Beinen gespürt haben soll. Laut Anklage ist dieser erste Vorfall, der sich im Bezirk Dietikon zugetragen haben soll, nun zwölf Jahre her.

Knapp dem Tod entkommen

Bezirksgerichtspräsident Stephan Aeschbacher setzte an, den Verteidiger nach dem Verbleib des über 60 Jahre alten Beschuldigten zu befragen. «Ich kann nur mutmassen», gab der Verteidiger zu Protokoll und mutmasste darüber, dass es zu einem Zwischenfall gekommen sein muss. «Mein Klient ist gesundheitlich und psychisch angeschlagen.» Kürzlich war sein Mandant auf der Intensivstation. Knapp sei er dem Tod entkommen, sagte der Anwalt.

Nachdem er sich am Mittwoch mit seinem Klienten zu einer Besprechung getroffen hatte, vereinbarten die beiden am Freitag via Telefon, sich am Verhandlungstag um 13 Uhr zu treffen, eine halbe Stunde vor Verhandlungsbeginn.

Die Überraschung kam dann nach der Befragung des Verteidigers, auf die ein halbstündiger Unterbruch der Verhandlung folgte: «Wir haben einen Fax erhalten», sagte Aeschbacher. Ersten Informationen zufolge wurde das Schreiben um 13 Uhr aus einem Industriequartier abgeschickt. Aeschbacher las das Schreiben vor, das vom Beschuldigten selbst stammen dürfte. «Nach meinem letzten Gespräch mit meinem Anwalt bin ich erschrocken», schreibt der Mann, der gemäss den Ermittlungen regelmässig Marihuana und Kokain konsumiert hatte.

So sehr ist er erschrocken, dass er beschloss, den Prozess zu schwänzen. Die ihm drohende Gefängnisstrafe habe ihn vollends aus dem Gleichgewicht gebracht, schreibt der mutmassliche Pädophile. «Ich trage schwer an meiner Schuld», heisst es im Fax. Dann bittet er das Mädchen und dessen Mutter um Vergebung. Und schreibt: «Ich sehe für mich keine andere Möglichkeit als zu gehen.» Ist damit eine Ausreise gemeint? Oder etwas anderes? Fragen über Fragen. «Wir wissen nicht, was das ausgedeutscht heisst», hielt Aeschbacher fest.

Ohne festen Wohnsitz

Der Entscheid, das Grenzwachtkorps über die Personalie des Niederländers zu informieren, wurde der Staatsanwältin überlassen. Das Gericht kündigte an, die Polizei zum Haus zu schicken, in dem der Beschuldigte – und offenbar zeitweise auch dessen Sohn – zuletzt wohnte. Diesen Sommer ist er weggezogen. Seither hatte er – laut Angaben, die er im Fax machte – keinen festen Wohnsitz mehr. Das Haus auf dem Mutschellen hatte er womöglich aber weiter als Zustelladresse verwendet. So war etwa seinem Verteidiger gar nicht bekannt, dass er nicht mehr dort angemeldet ist. Dass sein Name auf keinem Briefkasten des Anwesens auftaucht, machte die Limmattaler Zeitung bereits vor einer Woche publik.

Ob der Fax ein Schuldeingeständnis ist, muss offen bleiben. Denn vorverurteilende Berichterstattung ist zu unterlassen, wie Aeschbacher betonte, bevor der Fall sein vorläufiges Ende nahm. Danach dürfte im Bezirksgebäude die Telefonnummer der Regionalpolizei Bremgarten gewählt worden sein. Affaire à suivre.

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