«Man kann sich täuschen.» Mehrmals wiederholt Luzi Stamm diesen Satz vor dem Dietiker Publikum und schlägt dabei einen vielsagenden Ton an. Der SVP-Nationalrat spricht von der Armee und ihrer Bedeutung für die Schweiz, und er spricht aus Erfahrung: Schon als er 1972 der Armee beitrat und erneut, als er 1991 in den Nationalrat gewählt wurde, sei der Zweck der Armee in Frage gestellt worden.

«Doch wir wissen nie, wann wir sie wieder brauchen.» Zur Bekräftigung nennt Stamm historische Beispiele, bei denen die Schweiz ihre Autonomie militärisch verteidigt hatte: Sie reichen von der Schlacht bei Sempach bis zum Zweiten Weltkrieg.

Um diesen letzten Akt der Schweizer Selbstverteidigung geht es an diesem Samstagnachmittag. Die SVP Dietikon hat ihre Sympathisanten zusammengetrommelt, um der Errichtung der Festung Dietikon vor 75 Jahren zu gedenken.

Als Henri Guisan kurz vor Kriegsausbruch beschlossen hatte, die Schweiz gegen die Deutschen mit einer Festungslinie von Sargans, dem Walensee und der Limmat entlang bis nach Basel zu verteidigen, wurde Dietikon plötzlich zum entscheidenden Militärstützpunkt. Bis zum Rückzug der Armee ins Reduit waren hier Tausende Soldaten stationiert.

Dass man der Armee an dieser Veranstaltung freundlich gesinnt ist, ist schnell ersichtlich: Vor dem Zentralschulhaus sind alte Militärfahrzeuge aufgestellt, an den Wänden beim Rednerpult hängen Tarndecken und grosse Schweizerkreuze, serviert wird Spatz aus der Gamelle.

Die Rolle der Schweiz und ihrer Armee im Zweiten Weltkrieg wird hier gefeiert und nicht hinterfragt. Die noch gut sichtbaren Überreste der Verteidigungsanlage in Dietikon sollen Zeugen der Schweizer Widerstandsfähigkeit sein.

Militärisches Vorzeigeobjekt

Sachkundig rekonstruiert der Historiker Hans Rudolf Fuhrer die militärstrategischen Überlegungen, die zum Bau der Festung geführt hatten. Weil in Betracht gezogen wurde, dass Hitlers Truppen die Befestigungen an der französischen Ostgrenze durchs Schweizer Mittelland umgehen könnten, wurden die verfügbaren Kräfte an der Limmat konzentriert. Die ausschliesslich von Soldaten erbaute Festung in Dietikon wurde zum militärischen Vorzeigeobjekt der Schweiz.

«Über den Bau der Festung hat man uns damals gar nicht informiert - die haben einfach angefangen zu bauen», erinnert sich der Dietiker Max Wiederkehr, der bei Kriegsausbruch 15-jährig war, im anschliessenden «Geschichtstalk».

«Wir haben das einfach hingenommen», erzählt der ein Jahr ältere Sepp Oeschger. «Als wir Jugendlichen dann in die Ortswehr eingezogen wurden, kam sogar ein wenig Begeisterung auf.» Grundsätzlich sei das Leben aber normal weitergegangen, sagt Wiederkehr. «Unser Klassenzimmer wurde nur plötzlich in die Schreinerei Oechslin verlegt», ergänzt Oswald Grendelmeier, der damals die zweite Klasse besuchte.

Ralph Hofer, ehemaliger Dietiker SVP-Gemeinderat, brachte dann doch auch noch die Kollaboration mit den Nazis zur Sprache. «Wir haben verschiedene Konzessionen an die Nazis gemacht, es fand auch ein Austausch statt», sagt Wiederkehr.

«Das war uns damals bewusst», erinnert sich Oeschger. Die Schweiz hatte etwa in die Verdunkelung der Häuser und Strasse eingewilligt, um den alliierten Fliegern in der Nacht die Orientierung zu erschweren. «Damit waren wir nicht einverstanden», betont Oeschger.

Der Rückzug ins Reduit beendete schliesslich die militärischen Aktivitäten in Dietikon. Bei einem Angriff der Deutschen wäre die Bevölkerung schutzlos ihrem Schicksal überlassen worden.