Schicksal, Zufall, Wendungen - das ist Stoff für gute Geschichten und meist sind es Geschichten, die das Leben selbst schreibt. Was man aus diesen Lebensgeschichten mit einer gehörigen Portion Fantasie machen kann, wurde am Montagabend den Besuchern des letzten Lesezyklus der Kulturkommission in der Stadtbibliothek Schlieren präsentiert.

Dort las Michèle Minelli aus ihrem neuen Roman «Die Ruhelosen», einer europäische Familiensaga, die sich sowohl durch verschiedene Jahrhunderte als auch durch verschiedene Länder zieht. «Senigaglia», «Schön» und «Israel», so heissen die Familien, deren Geschichten zu verschiedenen Zeitpunkten in unterschiedlichen Ländern beginnen. Was sie am Ende alle eint, ist die Schweiz, in die es jede dieser Familien früher oder später hinzieht.

Was sie auch eint, sind gemeinsame Nachfahren, wie zum Beispiel Aude Senigaglia, die als Ornithologin «nicht nur Vögel katalogisiert», sondern auf der Gegenwart ihre eigene Familiengeschichte zu erforschen beginnt. Was sie im Lauf des Buches erfahren wird, sind viele einzelne Geschichten, die sich langsam zu einem grossen Ganzen, einem Netz, einem Stammbaum zusammenfügen.

Parallelen zu Protagonistin

Als Vorlage dienten Michèle Minelli ihre eigenen Grosseltern. Auch sonst weist die Autorin Parallelen zur Protagonistin Aude Senigaglia auf. Schon als sie Anfang zwanzig war, nahm Minelli ihre Grosseltern auf Tonband auf und bewahrte so deren Erinnerungen. Vor einigen Jahren dann begann sie, ihre eigene Herkunft zu erforschen, und konnte letztlich - genauso wie Aude im Buch - ihren Stammbaum zurückverfolgen. Dies bildete die Basis für Minellis 752 Seiten umspannende Buch. Mit einer bildhaften Sprache verwebt sie die darin enthaltenen Geschichten miteinander.

Die Auszüge, die Minelli am Montag vortrug, gaben einen kleinen Einblick und machten Lust auf mehr: «Wenn man in der Lesung sitzt und zuhört, dann ist es fast so, als würde man einen Film schauen. Die Bilder entfalten sich vor dem inneren Auge und man taucht ein in eine andere Welt», so Besucherin Lydia Dancker. Auch der Lesezyklus selbst kam gut an. Marlies Rütimann, die auch schon die vorherigen Lesungen gehört hatte, sagte: «Das heutige ist ein spannendes Thema und auch die anderen Veranstaltungen waren sehr interessant.»

Für die Auswahl der Themen und der Autoren zeichnet sich Monique Roth verantwortlich. Sie ist die Leiterin der Schlieremer Stadtbibliothek und veranstaltet den Lesezyklus zusammen mit der Kulturkommission. «Meist stehen zuerst die Autoren und Werke fest. Ich lese selber sehr viel und versuche besonders, aktuelle Autoren vorzustellen.» Zum Abschluss der Lesereihe sagte Roth: «Wir sind zufrieden. Die Veranstaltungen waren gut besucht, die Leute sind interessiert und es scheint den Gästen gefallen zu haben.»