Bezirksgericht Dietikon

Messerstecherin erfindet erfolglos Räubergeschichte

Bezirksgericht Dietikon.

Bezirksgericht Dietikon.

Eine Limmattaler Spanierin, die einer ehemaligen Freundin wortwörtlich in den Rücken stach, wurde wegen Tötungsversuchs und Irreführung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Zuletzt folgte das Gericht den Darstellungen der Anklageschrift, die eine bizarre Geschichte aus Schlieren schilderte. Im Zentrum stand eine spanische Mutter, die sich im Sommer vor einem Jahr mit einer langjährigen Freundin aus Portugal zerstritten hatte. Grund dafür: Die Portugiesin verdächtigte die spätere Beschuldigte, ihr 1000 Franken gestohlen zu haben und erklärte ihr wahrheitswidrig, dass sie Anzeige bei der Polizei erstattet habe. Worauf sich die Spanierin entschloss, ihre Freundin mit einem Messer zu töten.

„Ich will dich jetzt töten“

Fest steht, dass die Spanierin am 28. November 2014 am Vormittag in der Wohnung der Geschädigten auftauchte und zuerst erklärte, Frieden schliessen zu wollen. Doch dann versetzte sie der ahnungslosen Privatklägerin von hinten mit einem grossen Küchenmesser einen Stich in den Rücken. «Ich will dich jetzt töten», erklärte die Angreiferin und machte ihrer Gegnerin Vorhaltungen wegen der angeblichen Strafanzeige. Dann stach sie dem Opfer auch noch über ein Zentimeter tief in die Brust.
Die Geschädigte hatte Glück im Unglück und kam mit verhältnismässig leichten Verletzungen davon. Sie redete beruhigend auf die Beschuldigte ein und gab vor, Verständnis für ihre Situation zu haben. Dann kamen die beiden Frauen überein, einen Strassenräuber als Urheber der Verletzungen vorzuschieben.

Kurz darauf begab sich das Duo zum Bahnhof Schlieren, wo sich die verletzte Geschädigte in der Unterführung auf den Boden warf und wie die Beschuldigte lauthals um Hilfe rief. Bis die Polizei eintraf und die Frauen von einem Überfall eines Strassenräubers berichteten. Kurz darauf brachte die Sanität die Geschädigte in das Spital Limmattal. Die Beschuldigte berichtete unterdessen der Polizei vom angeblichen Raubüberfall. Allerdings wurde die Spanierin zwei Tage später verhaftet. Grund der Festnahme: Die Portugiesin hatte ihre ersten Angaben inzwischen widerrufen und gegenüber der Polizei erklärt, dass sie in Wahrheit von ihrer Freundin niedergestochen worden sei.


Aussage gegen Aussage

Am Montag musste sich die Spanierin wegen Tötungsversuchs sowie Irreführung der Rechtspflege am Bezirksgericht Dietikon verantworten. Die Beschuldigte wies die Vorwürfe der Anklage zurück, nun stand Aussage gegen Aussage. Die Staatsanwaltschaft glaubte der Portugiesin, die erklärt hatte, dass sie aus Angst um sich und ihren Sohn zunächst beim falschen Theater mitgemacht habe. Als sie im Spital erfahren habe, dass ihr Kind in Sicherheit sei, habe sie sogleich die Wahrheit gesagt. Staatsanwalt Michael Frank führte aus, dass die Geschädigte noch im Spital beschrieben habe, dass sich die Tatwaffe im Geschirrspüler ihrer Wohnung befinde. Kurz darauf konnten die Fahnder das Messer tatsächlich dort sicherstellen. Eine Untersuchung ergab noch Blutspuren der Geschädigten auf der Klinge. Fingerabdrücke der Beschuldigten waren dagegen nach dem Waschgang nicht mehr zu finden.

Während Staatsanwalt Frank für die Spanierin eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren verlangte, forderte Verteidiger Andreas Josephson mangels Beweisen einen vollen Freispruch und die sofortige Haftentlassung seiner Klientin. Der Rechtsanwalt lastete der Geschädigten widersprüchliche Angaben an und stufte die Darstellungen der Anklage als nicht nachvollziehbar ein.

Tatwaffe als entscheidendes Beweismittel

Das Gericht folgte aber der Anklage und stufte die Aussagen der Geschädigten zum Tatablauf als im Kerngeschehen detailliert und glaubhaft ein. Im Gegensatz zur Beschuldigten, deren Darstellungen zum Raubüberfall gewisse Ungereimtheiten aufgewiesen hätten. Von zentraler Bedeutung für den Schuldspruch sei aber die Tatwaffe. «Die Privatklägerin konnte im Spital noch unmöglich wissen, dass sich ihre DNA auf der Messerklinge befindet», analysierte Richter Stephan Aeschbacher. Die Geschädigte hätte also nachträglich eine falsche Spur durch Hinterlassung eigenen Blutes legen müssen. Aber genau dies sei durch den Spitalaufenthalt ausgeschlossen.


Mit sechs Jahren und vier Monaten ging das Dietiker Gericht deutlich über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus. Es lastete der Beschuldigten eine erhebliche kriminelle Energie sowie ein hinterhältiges und geplantes Vorgehen an. Immerhin habe sie das Ziel der Tötung nicht konsequent durchgesetzt. Mit dem Schuldspruch wurde die Spanierin verpflichtet, ihrer Ex-Freundin ein Schmerzensgeld von 7 500 Franken zu entrichten. Der Verteidiger legte noch im Gerichtssaal Berufung gegen das Urteil ein.

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