Am Morgen des 28. November 2014 rückte die Polizei um 9.24 Uhr wegen eines Raubversuchs an den Bahnhof Schlieren aus. Dort fand sie eine durch Messerstiche verletzte Portugiesin. Bei ihr war eine Spanierin. Diese begleitete sie auf der Fahrt ins Spital Limmattal. Die beiden wohnten einst im gleichen Block, ihre Ehemänner sind Brüder.

Aber die Ermittler merkten schon am nächsten Tag, dass ihr Zeugenaufruf womöglich für die Katz war. Denn nun erzählte das Opfer eine andere Geschichte – die nicht weniger tragisch ist. Und der das Bezirksgericht Dietikon mit Urteil vom 7. Dezember 2015 Glauben schenkte: Die Tat soll nicht am Bahnhof, sondern in der Wohnung der Portugiesin stattgefunden haben. Die Spanierin soll ihr ein Fleischmesser in den Rücken und in die Brust gestochen haben. Trotzdem bewahrte die Portugiesin einen kühlen Kopf, beruhigte die Spanierin. Und erfand den Raubüberfall, damit die Spanierin keine Strafverfolgung zu befürchten hat.

Zu sechs Jahren und vier Monaten verurteilte das Bezirksgericht Dietikon später die Spanierin, wegen versuchter Tötung und Irreführung der Rechtspflege. Noch vor Gericht legte ihr Verteidiger Berufung ein gegen das Urteil, das härter ausfiel, als es die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Heute kam der Fall vors Zürcher Obergericht.

Mit Polizeibegleitung schritt die Spanierin in den Gerichtssaal. Sie trug einen weissen Pulli, auf dessen linker Brust ein violettes Herz glänzte. Die zierliche Frau lebt seit dem 28. November 2014 um 22.45 Uhr hinter Gittern. Ihre Freiheit wolle sie zurück, sagte sie, als der Richter nach dem Grund für die eingelegte Berufung fragte – respektive durch den Übersetzer fragen liess.

Für den Verteidiger war klar, dass die Beschuldigte freigesprochen und das Opfer wegen falscher Anschuldigung zur Verantwortung gezogen werden muss. Der Raubversuch am Bahnhof sei tatsächlich passiert, sagte er. Sein Plädoyer dauerte eineinhalb Stunden. Der Staatsanwalt ratterte seinen Standpunkt in zehn Minuten runter. Die beiden fanden nur eine Gemeinsamkeit. «Das ist das Einzige, wo ich Ihnen recht geben muss. Die ganze Geschichte ist pikant, um nicht zu sagen bizarr», so der Staatsanwalt.

Dazu passt auch die Frage nach der mutmasslichen Tatwaffe: Bevor die Frauen zum Bahnhof gingen, haben sie das Fleischmesser in die Geschirrspülmaschine gelegt und diese angeschaltet – ohne Spülmittel. Mögliche Fingerabdrücke der Täterin verschwanden. Die Ermittler fanden nur noch Blutspuren des Opfers inklusive DNA. Diese Details sind eine Chance für die Verteidigung: Sie stellte die Frage, ob eine Spülmaschine ohne Spülmittel Fingerabdrücke verschwinden lassen kann. Wäre das nicht der Fall, hiesse das, dass auf dem Messer nie Fingerabdrücke der Spanierin waren.

Opfer muss neu befragt werden

Das Forensische Institut liess den Fall nachstellen, die Mitarbeiter träufelten ihr eigenes Blut auf Messer und liessen diese dann von Spülmaschinen waschen. Die Fingerabdrücke verschwanden bei allen Proben. Nur: Die Forensiker hatten entgegen der Anordnung des Gerichts Spülmittel verwendet. Darum verlangte der Verteidiger, die Tests zu wiederholen. Das Gericht gab ihm recht: Die Forensiker müssen ein neues Gutachten erstellen. «Es braucht das Gutachten einzig, um die Verteidigungsrechte der Beschuldigten nicht zu verletzen», sagte Obergerichtspräsident Daniel Bussmann. Zudem lässt das Gericht die Tatwaffe zerlegen, um zu prüfen, ob sich zwischen Klinge und Griff weitere DNA-Spuren befinden. Wann die Verhandlung mit den zusätzlichen Beweisaufnahmen weitergeht, ist offen. Denn auch der Antrag des Verteidigers, die portugiesische Privatklägerin vor Obergericht zu befragen, wurde angenommen. Sie weilt derzeit in Portugal. Der Verteidiger der Spanierin hat jedenfalls einen ersten Etappensieg erreicht.