Region Limmattal

«Mein Job ist es, aufzupassen»: Weshalb das Gewicht des Abstimmungscouvert entscheidend ist

Jeder Handgriff beim Einpacken der Abstimmungsunterlagen in der Stiftung Solvita ist einstudiert.

Jeder Handgriff beim Einpacken der Abstimmungsunterlagen in der Stiftung Solvita ist einstudiert.

Die Urdorfer Stiftung Solvita verpackt die Abstimmungsunterlagen für die Gemeinden. Zur Sicherheit werden die Couverts gewogen.

Bevor die Abstimmungscouvert zu den Limmattaler Wählerninnen und Wählern gelangen, werden es unzählige Male in die Hand genommen und kontrolliert. Seinen Anfang nimmt das Prozedere in der Urdorfer Stiftung Solvita, die Menschen mit kognitiven, psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen beschäftigt. Dort werden die Abstimmungsunterlagen für die Limmattaler Gemeinden verpackt und versandt. «Die Couverts werden meist zwei Wochen vor dem Versandtermin bei uns angeliefert», sagt Katja Wolf, Gruppenleiterin eines Arbeitsteams in der Stiftung.

Das Verpacken der Unterlagen ist sowohl eine Fleiss- als auch eine Konzentrationsarbeit. Für die 13'000 Couverts der Stadt Dietikon hat Solvita-Gruppenleiter Thomas Stauber deshalb ein Förderband entwickelt, auf dem die Mitarbeitenden Schritt für Schritt alle Unterlagen zusammenstellen. Die Arbeitsgruppen, die für die anderen Gemeinden zuständig sind, stellen die Abstimmungsunterlagen von Hand zusammen. Für die rund 5000 Couverts der Gemeinden Geroldswil und Oetwil, rechnet Wolf acht Tage Arbeit ein.

Es entstehen neue Kontakte und gute Gespräche

Jeder Handgriff ist einstudiert: Als erstes legen die Klienten, wie die IV-Bezügerinnen und Bezüger in der Stiftung genannt werden, die Unterlagen vor sich auf den Tisch. In diesem Fall liegen der Zettel für die fünf nationalen Abstimmungen, die zwei kantonalen Abstimmungen, die Bezirks und Gemeindeabstimmung sowie die Begleitschreiben in einem Halbkreis da. Zettel für Zettel stapeln die Klienten aufeinander, klopfen die farbigen Papiere zurecht und stecken sie schliesslich ins Abstimmungscouvert. Sind die Finger trocken geworden, befeuchten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sie mit einem Finger-Anfeuchter, der die Hände geschmeidig und die Abstimmungsunterlagen fettfrei halten soll.

Diese Arbeit ist in der Stiftung Solvita nicht nur wegen des klimatisierten Raumes beliebt, sondern auch wegen der Gemeinschaft unter den verschiedenen Mitarbeitern. In Wolfs Gruppe arbeiten ein Mitarbeiter der Logistik, die Leiterin des Hausdienstteams, ein Klient und ein Gruppenleiter zusammen. «So entstehen neue Kontakte und gute Gespräche», so Wolf.

«Mein Job ist es , aufzupassen»

Ein Logistik-Lernender legt sein Couvert in die bereitgestellte Kiste. Kurz darauf wird dieses auf die Ampel-Briefwaage gelegt. Stimmt das Gewicht nicht auf das Zehntelgramm genau, wissen die Mitarbeitenden, dass etwas nicht stimmt. Damit dies für alle verständlich ist, schaltet die Ampel bei der Waage dann auf Rot. «Ohne diese Kontrolle würde ich keinen Brief aus dem Haus lassen. Es wäre mein Albtraum, dass eine Abstimmung wegen uns für ungültig erklärt wird», sagt Wolf.

Soeben hat ein Mann ihr ein Couvert in die Hand gedrückt: Er habe das Gefühl, dass da etwas nicht stimme, wisse aber nicht was. Tatsächlich, der Brief ist zu schwer. Nachdem der Mann bereits Dutzende Briefe eingepackt hat, fühlt er genau, wenn das Papierbündel zu dick ist. «Zwei Briefe lagen ineinander, das ist nicht mein Fehler», sagt er und lacht. Dabei packt er bereits das nächste Couvert ein.

Der Mann meldet sich kurz darauf nochmals. Er hat bemerkt, dass in der Geroldswil-Abstimmung zwei Dietiker Adressen enthalten sind. «Mein Job ist es, aufzupassen», sagt er. Nicht, dass jemand zwei Abstimmungsunterlagen bekomme. Die Erklärung für die Adresse leuchtet ihm ein: Es gebe den Fall, dass Geroldswiler in einem Dietiker Altersheim wohnen. Nachdem einige Belanglosigkeiten über Wohnort und Seniorenzentrum ausgetauscht worden sind, konzentrieren sich die Mitarbeitenden wieder darauf, die Dokumente in richtiger Abfolge und Anzahl ins Couvert zu legen. Bei dieser Arbeit müsse man sich schon konzentrieren, sagt der Mann und kontrolliert die Lage des Adressfensters.

Noch fehlt das Abstimmungsbüchlein in den Couverts. «Das Gewicht dieser Büchlein variiert um einige Gramm, deshalb können wir sie erst nach der Gewichtskontrolle ins Couvert legen», sagt Wolf. Ist das Heft im Couvert, fahren die Mitarbeitenden mit dem Finger über die Lasche und verschliessen es. «Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, in denen man noch die Laschen der Couverts befeuchten musste, heute funktioniert alles mit Kleber», so Wolf.

Stress der Mitarbeitenden soll abgefangen werden

Die Zeiten, in denen die Kisten zwecks Kontrolle mit dem Namen der Einpacker angeschrieben wurden, gehören ebenfalls der Vergangenheit an. Trotzdem haben diese den Ehrgeiz, die Arbeit fehlerlos zu erledigen. Das zwingt die Arbeitsagogen zu einem Seiltanz. Auf der einen Seite erwarten sie von den Mitarbeitenden gute Qualität, andererseits soll in der Stiftung ein entspanntes Arbeitsklima herrschen. Viele Klienten sind hier, weil sie unter psychischen Beeinträchtigungen leiden. «Werden sie überlastet, fallen sie am darauffolgenden Tag aus», sagt Wolf. Es sei die Aufgabe der Arbeitsagogen, den Stress der Mitarbeitenden abzufangen.

Deshalb ist es Wolf wichtig mit dem Team zu reden und bei Bedarf selbst Hand anzulegen. «Wird es knapp, rufe ich jemanden aus einer anderen Abteilung dazu», sagt sie. Die Abstimmung sei ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit unter den verschiedenen Abteilungen. «Damit die Couverts am Stichtag abgegeben werden können, packen alle an. Da sass auch schon der Bereichsleiter am Tisch». Dieses Mal ist die Deadline am 28. August: Dann nehmen die Klienten die Kisten mit den Abstimmungscouverts zum letzten Mal in die Hand und bringen sie via Logistikabteilung auf die Post in Urdorf.

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