Dietikon
Mehr als nur fade Bettgeschichten im Stadtkeller

Katja Baumann spielte im Dietiker Stadtkeller eine Frau, die ihre Nächte «Im Bett mit Sisyphos» verbringt. Ein einmaliges Theaterstück von gesellschaftlicher Brisanz mit einer tüchtigen Portion Humor und einer ungewöhnlichen Liebeserklärung an sich.

Christian Murer
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Isabelle verabschiedet sich von der Puppe Sisyphos
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Katja Baumann im Dietiker Stadtkeller
Mehr als dreihundert Stunden brauchte Katja Baumann zur Herstellung der Puppe
Isabelle (Katja Baumann) erkennt, dass sie eigentlich selber Sisyphos ist
Isabelle «Im Bett mit Sisyphos»

Isabelle verabschiedet sich von der Puppe Sisyphos

Christian Murer

«Sissi, das war wieder ein Tag zum Vergessen», sagt Isabelle (Katja Baumann) zu Beginn ihres neuen Bühnenwerks «Im Bett mit Sisyphos». Dann geht sie duschen und legt sich mit der lebensgrossen Puppe Sisyphos ins Bett. Doch was tut ein Paar, wenn es zusammen im Bett liegt? Genau richtig: diskutieren, kuscheln und plänkeln. Isabelle, erfolgreiche Karrierefrau, und Sisyphos, liebevoll «Sissi» genannt, plaudern vor dem Einschlafen über Belangloses und Tiefgründiges. Die beiden mögen sich. Sie diskutieren über das Müssen müssen und das Müssen wollen und über die Eigenschaften von Frauen und Männern. Sie wehren sich gegen die Müdigkeit, klauen einander die Decke und schnarchen - mit oder ohne Röhrchen.

Der im Jahr 1977 in St. Gallen geborenen Katja Baumann gelingt es phänomenal, ihrer Puppe Sisyphos Leben einzuhauchen. Als Zuschauer hat man das Gefühl, zwei wirkliche Personen mit ganz unterschiedlichen Charakteren zu begegnen. Da ist einerseits die Kaderfrau, die ihren Job nicht einmal so richtig erklären kann und andererseits Sisyphos, der in Büchern über die Affen und ihr Liebesleben stöbert. Die nächtlichen Gespräche der beiden bringen dabei ihre Lebenseinstellungen ans Licht. Es kommt zu einer Diskussion über das Unnütze. Wollen wir wirklich, was wir müssen? Ist das Sinnlose tatsächlich unproduktiv und unserer Existenz nicht dienlich? Katja Baumann wagt sich buchstäblich in das Bett des Löwen. Fragen, die wir nicht mehr zu stellen wagen, treten dabei hartnäckig ins Rampenlicht.

In der Rolle der erfolgreichen Geschäftsfrau Isabelle durchlebt Baumann eine schlaflose Nacht. Die Zeitspanne zwischen Abend und Morgengrauen bringt erstaunliche und überraschende Erkenntnisse ans Tageslicht. Denn die Begegnung mit Sisyphos rüttelt an der Fassade des leistungsorientierten Karrierelebens von Isabelle.

«Ich habe ein gutes Jahr eng zusammen mit Regisseur Ueli Bichsel am Stück gearbeitet», sagt Katja Baumann. Für sie beide sei das Spiel mit Puppen neu gewesen. Denn: «Puppen dürfen Tabus brechen, ohne moralisch zu werden», ergänzt Baumann, «es ist eine sanfte Form, heikle Themen anzusprechen.» Über dreihundert Stunden nähte die Schauspielerin die Puppe Sisyphos von Hand. «Ich legte grossen Wert auf das kleinste Detail», erklärt sie. Und da die Puppe ja nackt sei, lasse sich nichts unter den Kleidern verbergen. «Besonders die beweglichen Augen haben mich wirklich herausgefordert», so Baumann. Einmal sei für sie allerdings genug gewesen, sagt die Theaterfrau: «Eine solche Puppe würde ich nie mehr herstellen.»

Mit «Im Bett mit Sisyphos» ist Katja Baumann ein einmaliges Theaterstück von gesellschaftlicher Brisanz mit einer tüchtigen Portion Humor sowie einer ungewöhnlichen Liebeserklärung an sich selbst gelungen. So meinte Rahel Huggel aus Dietikon nach der Vorstellung: «Mir hat das Stück, vor allem das Spiel mit der Puppe, ausgezeichnet gefallen.»