Sommerserie
Mehr als ein halbes Leben im Schrebergarten

Emil Wegmann ist seit 1967 Mitglied des Familiengartenvereins Spreitenbach. Damals war er 31 Jahre alt, heute ist er 76. Die Freude am Gärtnern hat er nie verloren.

Ladina Trachsel
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Emil Wegmann in seinem Schrebergarten: «Der Garten ist sozusagen mein Lebenswerk.»

Emil Wegmann in seinem Schrebergarten: «Der Garten ist sozusagen mein Lebenswerk.»

Alex Spichale

Der Kontrast ist extrem: Links braust auf der A1 ein Auto nach dem anderen vorbei. Rechts liegt eine idyllische, grün bepflanzte Oase. Inmitten der Kornfelder befinden sich unzählige Gärtchen mit farbigen Gartenzwergen und kleinen, schmucken Häuschen mit wehenden Fähnchen. Es ist ein sorgfältig zurechtgemachter Mikrokosmos mitten in der Agglomeration von Zürich.

Schnell vergisst der Besucher der Familiengärten Hardrütenen das Rauschen der Autobahn und den Geruch von Abgas. Stattdessen taucht er ein in eine Welt, in der Vogelgezwitscher, Froschgequake und Gerüche von Blumen und Grilladen dominieren.

Schon seit der Gründung dabei

Auf der Parzelle 62 steht Emil Wegmann vor seinem Schreberhäuschen inmitten prächtig blühender Blumen und saftiger, roter Tomaten. Er ist seit der Vereinsgründung des Familiengartenvereins im Jahr 1967 ein treues Mitglied. Damals war Wegmann 31 Jahre alt, heute ist er 76.

Die Idee, einen Schrebergarten ins Leben zu rufen, hatte damals Ernst Burri, ein Freund Wegmanns, der in der gleichen Strasse wohnte. «Da wir bei den Hochhäusern keine Grünflächen zur Verfügung hatten, kam uns die Idee, ein Fleckchen Natur zu kaufen, wie gelegen», sagt Wegmann.

Die Gemeinde Spreitenbach fand das Vorhaben der Männer sinnvoll und stellte ihnen eine Landfläche zur Verfügung. Da die Gemeinde einen Vertragspartner für die Nutzung des Landes wollte, hätten sie ohne zu Überlegen einen Verein gegründet, sagt Wegmann. «Die Anfänge waren hart. Wir haben alles selber gemacht: das Areal umzäunt, einzelne Gärten unterteilt, Wege gelegt und so weiter», erzählt Wegmann. Doch gelohnt habe es sich auf alle Fälle: Bald waren es bereits 20 Parzellen und Pächter. Als das ursprüngliche Areal «im Bründli» im Jahr 1987 zu klein wurde, ist der ganze Gartenverein in den heutigen «Hardrütenen» umgezogen.

Kameradschaft nimmt ab

In den letzten 45 Jahren habe sich vor allem eines geändert, sagt Wegmann. Die Kameradschaft unter den Pächtern habe enorm abgenommen. Er wirkt etwas wehmütig. In den ersten Jahren nach der Gründung habe man jede freie Minute in den Gärten verbracht, dabei seien tiefe Freundschaften entstanden.

Damals hat Wegmann als Bierbrauer bei der Löwen-Brauerei in Zürich gearbeitet. «Natürlich habe ich den ganzen Verein mit Bier versorgt», sagt er und lächelt. Dabei sei man mit den Nachbarn oft bis tief in den Abend hinein zusammengesessen und habe über Gott und die Welt geredet.

Zu dieser Zeit gab es im «Hardrütenen» auch jedes Jahr ein grosses Gartenfest, wobei Nichtmitglieder eingeladen wurden, die bei einem Bier und einer Grillwurst die Gärten bewundern konnten. Im Jahr 2004 habe man jedoch an einer Generalversammlung entschieden, dass sich dies finanziell nicht lohne. Das Gartenfest und auch andere soziale Anlässe wurden somit abgeschafft. «Über diesen Entscheid bin ich heute noch traurig. Es sollte doch um die Freundschaft und Gemeinschaft gehen, nicht um Geld», sagt Wegmann.

Heute ist er pensioniert und täglich in seinem Garten, wo er sich wie in den Ferien fühlt. «Der Garten ist sozusagen mein Lebenswerk und ich würde ihn nie mehr missen wollen», sagt er. Auch Wegmanns Frau und seine zwei Kinder verbringen sehr viel Zeit im Familiengarten. Oft wird gemeinsam grilliert und gegärtnert. Gerne beobachtet die Familie dabei die Natur, die sich ständig verändert. Zurzeit seien besonders die Eichhörnchen sehr aktiv und spannend, da sie gerade Junge hätten und lustige Geräusche von sich gäben, erzählt Wegmann.

Verändert habe sich neben der Kameradschaft zudem die Zunahme verschiedener Landsleute, sagt Wegmann. «Seit ein paar Jahren wächst die Anzahl verschiedener Nationen rasant», sagt Wegmann. Er finde die kulturelle Durchmischung spannend und sei jedem neuen Mitglied gegenüber sehr offen. Sicher gebe es bei so vielen verschiedenen Kulturen auch Differenzen. Darum sei für eine funktionierende Gemeinschaft das Einhalten des Gartenreglements sehr wichtig. Besonders schön findet er es, wenn Neulinge die eingesessenen Schrebergärtner um Rat fragen und diese ihr zumeist grosses Wissen weitergeben können.

Erst seit zwei Jahren dabei

Um guten Rat war auch Nedhmije Selmani – die Schrebergarten-Nachbarin von Wegmann – dankbar, als sie und ihre Familie vor zwei Jahren die Parzelle 63 kauften. Bevor die Familie Selmani ihren Garten 2010 bekam, stand sie jahrelang auf einer Warteliste. Das ist keine Seltenheit, denn die Schrebergärten sind sehr beliebt. Viele Spreitenbacher und Spreitenbacherinnen haben keinen eigenen Garten; öffentliche Parks sind eher selten. Da sei ein eigenes Stück Land ideal, um gelegentlich in der Natur zu sein, sagt Selmani. Der Umgang mit den vielen Regeln des Vereins fiel jedoch anfangs etwas schwer. «Wir waren zuerst sehr unsicher, was wir machen dürfen, was verboten ist und wie man sich in der Gemeinschaft verhält», erinnert sie sich. Doch lange dauerte es nicht, bis sich die Familie, die zu Beginn der 1980er-Jahre aus dem damaligen Jugoslawien in die Schweiz kam, akzeptiert gefühlt hat. «Wir haben sehr viel Arbeit in unseren Garten gesteckt. Es war schön, als wir die Anerkennung der anderen Mitglieder gespürt und viele positive Reaktionen bekommen haben», sagt sie.