Bergdietikon/Zürich
Maxim Essindi kehrt zu seiner grossen Leidenschaft zurück

Er will es noch einmal wissen: Nach einem zwischenzeitlichen Abstecher als Finanzberater widmet Maxim Essindi sich wieder der Musik und tritt heute bei «The Voice of Switzerland» auf.

Sophie Rüesch
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Auf den ersten Blick vermutet man nicht, dass hinter der geschalten Fassade ein Gesangstalent steckt. Doch Maxim Essindis Leben wäre ohne die Musik unvorstellbar.

Auf den ersten Blick vermutet man nicht, dass hinter der geschalten Fassade ein Gesangstalent steckt. Doch Maxim Essindis Leben wäre ohne die Musik unvorstellbar.

Annika Bütschi

«Ich trage meinen Anzug mit Stolz», sagt Maxim Essindi. Doch so richtig wohl ist es ihm darin nicht. Unter all den anderen Bankern, die wie er im Zürcher Kreis 2 tagsüber Geld in der Welt herumschieben, fällt er so auf den ersten Blick zwar nicht weiter auf. Doch schaut man etwas näher hin, registriert man das Schnippen, Summen, Pfeifen, das immer wieder aus ihm herausquillt, merkt man: Essindis Leidenschaft ist die Musik.

Und nach Zeiten, in denen ihm finanzielle Sicherheit wichtiger war als die Selbstverwirklichung, zieht es ihn nun zurück zu seiner ersten Liebe: Heute tritt der 28-Jährige in der zweiten Staffel der SRF-Talentshow «The Voice of Switzerland» bei den Blind Auditions an. Essindi singt auf Sieg: «Halbe Sachen führen zu nichts», sagt er. Doch naiv genug, alle Karten auf die Sendung zu setzen, ist er nicht. «Die Teilnahme sehe ich als grosse Plattform. Klappt es nicht, werde ich meinen Weg aber auch sonst wie finden», sagt er.

Es ist schwierig, sich Essindi ohne die Musik vorzustellen. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch ein Leben, das sonst von wenig Konstanz geprägt war. In Kamerun geboren und aufgewachsen, fiel der singende und zappelnde Junge schon dem Pfarrer in der heimischen Kirche auf. Er begann, im Chor zu singen, bastelte seine eigenen Instrumente, während andere Kinder mit Puppen und Autos spielten.

«Ich wollte es allen zeigen»

Als 10-Jähriger folgte er seiner Mutter in die Schweiz. Sie liessen sich in Baden nieder, doch lange währte das Familienglück nicht. Die Mutter musste die Schweiz verlassen, als Essindi erst 14 Jahre alt war, für ihn begann eine Odyssee durch Jugendheime und Pflegefamilien in der ganzen Schweiz. Über diese Zeit spricht er heute ungerne. «Ich war ein schwieriges Kind», sagt er, «hatte Flausen im Kopf und keine Familie, die mir sagte, wo es langgeht.»

Einen Boden unter den Füssen fand er nach den Heimaufenthalten bei der evangelisch-reformierten «Streetchurch», wo er, ohne je eine Stunde Gesangsunterricht genossen zu haben, mit 19 Jahren Chorleiter wurde. Es war ein erster Triumph über eine Ausgangslage, die normalerweise nichts Gutes erahnen lässt. «Sobald du ins Jugendheim kommst, ist dein Leben eigentlich schon geschrieben für dich: Du wirst rauskommen und es zu nichts bringen.» Doch ihn spornte das erst recht an: «Ich wollte allen zeigen, dass ich es schaffen kann», sagt er.

2006 zog Essindi nach Bergdietikon. Hier genoss er die Ruhe, die Natur, der Ort erinnerte ihn an seine Mutter, die hier vor ihrer Rückkehr nach Kamerun zuletzt lebte. Noch heute hat er hier gute Bekannte. Doch der Grossteil seines Lebens spielte sich längst in Zürich ab, wo er mittlerweile auch wohnt. Durch Bekannte in der «Streetchurch» landete er als Sänger bei der Veranstaltungsreihe «Soul Survivor» im Jazzclub Moods. Es sollte ein sechs Jahre dauerndes Engagement werden, das Essindi heute seine eigentliche Lehrstube nennt. «Im Moods lernte ich, was es bedeutet, Musiker zu sein, mit allen Höhenflügen und Entbehrungen.» Einem nationalen Publikum wurde Essindi in der SRF-Sendung «Chor auf Bewährung» bekannt, wo das Schicksal es wollte, dass er als Stimmcoach junge Straftäter betreute, die im selben Jugendheim einsassen wie er damals.

Als seine Mutter 2012 schwer krank wurde, kehrte er zum ersten Mal seit seiner Kindheit nach Kamerun zurück. Während des Besuchs in der alten Heimat fand Essindi zu seinen Wurzeln zurück. «Als ich sah, wozu meine Landsleute bereit sind, um nach Europa zu kommen, wurde mir erst bewusst, was für ein Riesenglück ich damals hatte», sagt er. Er musste sein Leben keinen Schlepperbanden anvertrauen, um das Mittelmeer zu überqueren. «Ich konnte ins Flugzeug sitzen, und schon war ich hier.»

Ein unstetes Künstlerleben zu führen, nie recht zu wissen, was der nächste Tag bringen würde, schien ihm plötzlich so anmassend, dass er sich entschied, «etwas mit Hand und Fuss» zu machen. «Ich merkte, dass mit dem enormen Glück, das ich im Leben hatte, auch Verantwortung kommt», sagt er. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz begann Essindi, der ursprünglich eine Anlehre als Maurer gemacht hatte, sich im kaufmännischen Bereich fortzubilden, und erarbeitete sich seine heutige Anstellung als Finanzberater.

Genug Geld ist zu wenig

Doch wie das mit den Leidenschaften so ist, liess die Musik ihn nicht lange im bürgerlichen Idyll ruhen. Nun verdiente er genug Geld, führte ein geregeltes Leben – und von einem Tag auf den anderen wurde ihm das zu wenig. Plötzlich war es wieder da, das Jucken in den Gliedern. «Ich hatte schon einmal Starluft geschnuppert», sagt er lachend, «das vergisst man nicht so schnell.» So bewarb er sich bei «The Voice». Er selbst glaubt fest daran, dass er es in der Sendung weit schaffen kann, wie er gesteht: «Es wäre doch eine Verschwendung, wenn ich meine Gabe nur dazu nutzen würde, um in den Bürogängen vor mich hinzupfeifen.»