Herr Meyer, wie viel Strom aus Ihrer Steckdose in Ihrem Haus in Oberengstringen stammt aus erneuerbarer Energie?

Wir bezogen früher den normalen Strommix, haben aber später umgestellt auf Ökostrom. Das kostet nun ein bisschen mehr, aber wenn ich mich schon für erneuerbare Energien engagiere, dann möchte ich diese auch unterstützen. Heute muss man sich bei der Wahl des Stromproduktes noch für Ökostrom entscheiden, doch beispielsweise in der Stadt Zürich werden in absehbarer Zeit alle Stromprodukte des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ) aus erneuerbaren Energien stammen.

Reicht die inländische Produktion an erneuerbaren Energien, um eine Stadt wie Zürich zu versorgen?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Stadt Zürich hat bereits früh beschlossen, den Ausstieg aus der Atomwirtschaft zu bewerkstelligen. Das EWZ bekam danach den Auftrag von der Stadt, mehr Strom aus erneuerbaren Energien anzubieten. Zu einem beachtlichen Teil gehört weiterhin die Wasserkraft dazu. Das EWZ musste sich aber auch an ausländischen Projekten beteiligen, wie beispielsweise an Offshore-Windanlagen im Ausland, um überhaupt an genügend erneuerbaren Strom zu kommen. Es gibt noch nicht genügend einheimische Quellen. Aber das wird sich ändern. Beispielsweise steigt der Anteil an Strom aus Sonnenenergie stetig.

Dazu tragen Sie auch bei – als Leiter des Projekts «Solarbauern». Seit 2007 unterstützen Sie Landwirte, die in Solartechnik investieren wollen. Wie kamen Sie zu diesem Engagement?

Wenn man pensioniert wird, gibt es eine ganz gefährliche Frage, die einem gestellt wird: «Jetzt hast du doch Zeit?» Und schon hat man sich erwischen lassen (lacht). Nein, ernsthaft: Das Projekt Solarbauern hat mich angesprochen, da es für mich Sinn macht, wenn man Landwirtschaftsbetriebe mit Solartechnik ausrüstet. Sie haben oft grosse Dächer, die aus ökonomischer Sicht für die Erzeugung von Sonnenergie geeigneter sind als beispielsweise diejenigen von Einfamilienhäusern.

Liegt das Problem bei den Einfamilienhäusern an fehlenden Energiespeichern?

Nicht unbedingt. Was die thermische Nutzung betrifft – also die Verwendung der Sonnenenergie zur Erwärmung des Trinkwassers oder das Beheizen der Innenräume –, existieren bereits Speichermöglichkeiten, dank denen sich auch das Betreiben kleinerer Anlagen lohnt. Die Speicherung des Stromes aus Photovoltaik hingegen gestaltet sich noch schwierig. Es fehlen unter anderem günstige und technisch weit entwickelte Energiespeicher, dank denen der zur sonnigen Tageszeit produzierte Strom in der dunklen Tageshälfte selber genutzt werden kann. Bisher gab es auch keine Anreize, Speichertechnik anzuwenden. Es lohnte sich dank der kostendeckenden Einspeisevergütung, den produzierten Strom zu verkaufen.

Könnte sich das nun mit den geänderten rechtlichen Grundlagen per 1. Januar 2014, dass es neu erlaubt, den prduzierten Strom selber zu brauchen, ändern?

Wenn man den selber produzierten Strom auch selber nutzen kann, steigt auch das Interesse daran, den Strom bei sich zu speichern. Somit werden Energiespeicher wieder eine interessante Option. Bisher lohnten sich solche Energiespeicher aus finanzieller Sicht nicht. Im Bereich der Energiespeicherung wird fleissig geforscht und es dauert vielleicht nicht mehr lange, bis günstigere und technisch weit entwickelte Produkte marktreif sind.

Wenn es so weit kommt und geeignete Stromspeicher den Markt erobern, ist es dann vorbei mit der Vorherrschaft zentraler Energiekonzerne?

Es gibt bereits heute, beispielsweise im Bündnerland, Regionen, die eine autarke Energieversorgung aufgebaut haben. Durch kostengünstige und effiziente Energiespeicher könnten immer mehr Produzenten oder Regionen unabhängig werden von grossen Stromproduzenten. Man schlägt bereits heute den Weg in Richtung der dezentralen Stromversorgung ein. Daran haben verständlicherweise nicht alle grossen Energieversorger Freude. Die haben grosse Investitionen, beispielsweise in Speicherwerke, vorgenommen und nun werden diese Investitionen durch die Veränderungen auf dem Strommarkt infrage gestellt. Der Trend zur dezentralen Energieversorgung wird sicher noch zu Diskussionen führen und birgt Konfliktpotenzial.

Es gibt bereits heute Strombörsen. Können Sie uns erklären, wie diese funktionieren?

Eine Strombörse funktioniert wie jede andere Börse, es treffen sich Angebot und Nachfrage, wodurch eine hohe Liquidität erreicht werden kann.

Weshalb wird die Strombörse genutzt, wenn es doch die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) und somit Fördermittel vom Bund gibt?

Es sind nur begrenzt Fördermittel vorhanden. Deshalb befinden sich Tausende von Projekten auf einer Warteliste. Es existiert jedoch auch eine Nachfrage von grossen privaten Unternehmen, wie beispielsweise der Swisscom oder der Migros, die aufgrund ihrer Geschäftspolitik erneuerbare Energien bevorzugen. Damit diese Unternehmen nicht mit jedem einzelnen Bauern oder kleinen Produzenten in Kontakt treten müssen, gehen sie an die Strombörse und treffen dort auf das vorhandene Angebot.

Also auch eine Option für Landwirte, die auf der Warteliste sind und auf die KEV warten?

Der Gang an die Börse ist oft mit Spekulation verbunden und bildet auch Risiken. Es ist nicht garantiert, ob ein Landwirt bei einem Strombörsen-Deal den bestmöglichen Ertrag erhält. Es gibt ausserdem Kantone, die Überbrückungszahlungen für Produzenten anbieten, die sich auf der Warteliste befinden.

Dieses Jahr wird die Debatte über die Energiestrategie 2050 in den eidgenössischen Räten geführt. Was erhoffen Sie sich von der Diskussion und dem daraus resultierenden Gesetzespaket?

Sehr wichtig ist, dass man über längere Zeit klare Rahmenbedingungen hat. Die Unsicherheiten bezüglich der gesetzlichen Bedingungen, beispielsweise der Entschädigungen, hemmen die Investitionstätigkeit.

Sie sind mittlerweile 70 Jahre alt und engagieren sich seit 2007 für das Projekt «Solarbauern». Werden Sie noch lange in dieser Funktion bleiben?

Die Nachfrage nach Unterstützung ist immer noch sehr gross und ich fühle mich zurzeit verpflichtet, weiterzumachen. Ich hoffe aber schon, dass später mal jemand in meine Fussstapfen tritt.

Und was kommt danach?

Dann habe ich mehr Zeit, um Bücher zu schreiben.