Limmattal
Max Bürgis tritt zurück: «Ich bin noch heute ein fremder Fötzel»

Der «rote Max» Bürgis tritt als Präsident der SP der Kreisgemeinde Weiningen zurück. Im Interview mit der «Limmattaler Zeitung» spricht der 69-Jährige über seinen Rücktritt, seine Amtszeit und und seine Zukunftspläne.

Florian Niedermann
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Ein Einzelkämpfer – der abtretendende Präsident der SP der Kreisgemeinde Weiningen, Max Bürgis. fni

Ein Einzelkämpfer – der abtretendende Präsident der SP der Kreisgemeinde Weiningen, Max Bürgis. fni

Herr Bürgis, Sie treten nach 13 Jahren als Präsident der SP der Kreisgemeinde Weiningen zurück. Haben Sie resigniert?

Max Bürgis: Nein, überhaupt nicht. Aber ich werde nächstes Jahr 70. Da fand ich, dass es langsam Zeit wird, jüngeren Platz zu machen. Mit Lukas von Wartburg aus der Fahrweid und Barbara Deli aus Geroldswil habe ich zwei sehr gute Nachfolger gefunden, die das Amt im Co-Präsidium übernehmen wollen. Darauf habe ich lange gewartet.

Ihr erklärtes Ziel war es, mindestens ein SP-Mitglied in die Exekutiven aller Gemeinden rechts der Limmat zu hieven. Sie sind gescheitert.

Klar. Aber was hätte ich tun sollen? Für mich gab es kein Aufgeben. Damit hätte ich allen Anderen eine Freude gemacht.

Sie blieben aus Trotz?

Aus Trotz ist übertrieben. Aber ich fand, dass es zumindest eine rote Nummer auf der unteren rechten Limmatseite braucht. In Oberengstringen sieht es mittlerweile besser aus. Da sind wir heute besser verwurzelt.

Wieso gelang es nicht, die SP auch in ihren Gemeinden breiter abzustützen?

Einerseits befand ich mich von Anfang an in SVP-Stammland. Die Ortsansässigen waren schon immer stark mit den Bürgerlichen verbunden. Und es gab, zumindest in den Anfängen, kaum Zuwanderer. Links politisierende Leute waren ausserdem eher in Ortsparteien wie dem Forum Weiningen aktiv, als in der SP. Man wollte sich in der Gemeinde nicht exponieren.

Ihnen war das offensichtlich egal. War Ihre Parteizugehörigkeit im Dorfalltag ein Thema?

Ja sicher. Besonders zu Beginn in den 70er- und 80er-Jahren war das schon hart. Schliesslich war ich nicht nur ein «Roter», sondern als Zugezogener auch noch ein «fremder Fötzel». Ich lebe nun schon 40 Jahre in Weiningen und fühle mich wohl dort. Aber im Grunde bin ich immer ein Fremder geblieben. Zum Glück war ich im Turnverein aktiv. Dort spielte die Parteizugehörigkeit keine Rolle.

Wie bekamen sie die Abneigung zu spüren?

Wenn ich zum Beispiel im Vorfeld einer Abstimmung Plakate aufgehängt habe, wurden diese abgerissen, angezündet oder mit Steinen beworfen. Als Ursula Koch in den Achtzigerjahren für den Nationalrat kandidierte, wurden ihre Plakate in Weiningen gar mit Hakenkreuzen und Judensternen verschmiert.

Mit der Zeit besserte sich das aber.

Ich habe einfach weitergemacht. Irgendwann akzeptierten die Leute mich und auch meine Gesinnung. Sicher hatte das Ende des Kalten Krieges im Jahr 1989 eine beruhigende Wirkung.

Sie haben nicht nur weitergemacht. Sie exponierten sich oft auch mit scharfen Leserbriefen.

Sicher. Das habe ich absichtlich gemacht. Ich habe meine politische Haltung immer offen gezeigt. Die sollten spüren, dass in Weiningen wenigstens ein «Roter» lebt. Auch meine Frau Kathrin hat mich dabei stets unterstützt.

Was Sie dann im täglichen Kontakt mit den Einwohnern zu spüren bekamen.

Aber nicht nur negativ. Ich erlebte es immer wieder, dass Leute – vor allem Lehrer und teilweise sogar Behördenvertreter – auf mich zukamen und sagten, dass sie meine Ansichten teilen würden, dass sie sich in diesem politischen Umfeld aber nicht trauten, dies auch öffentlich zu sagen.

Daneben bauten Sie ein Antiquariat auf, das seit 2003 in Dietikon besteht. Seit 2005 sind sie pensioniert. Ans Aufhören denken Sie aber noch nicht.

Nein. Zum Ersten sind Bücher meine Leidenschaft. Und zum Zweiten ist es mir ein Anliegen, dass in der Region auch weiterhin ein ordentlich geführtes Antiquariat besteht.

Was sind ihre Hoffnungen für die SP Weiningen und ihre neue Führung?

Das Ziel muss es sicher weiterhin bleiben, in allen vier Gemeinden – Weiningen, Geroldswil, Oetwil und Unterengstringen – einen Gemeinderat zu stellen. Ich hoffe, dass meine beiden jungen Nachfolger es schaffen, die Linken in der Bevölkerung und insbesondere die Neuzuzüger politisch zu aktivieren.

Was sind die Pläne für Ihre eigene Zukunft?

Eigentlich habe ich keine Pläne gemacht. Ich will kürzertreten. Bisher war ich noch Mitarbeiter der Weininger Zeitung. Diese Aufgabe habe ich nun nach 23 Jahren aber ebenso abgegeben, wie mein Mandat als Beistand. Es ist für mich Zeit, in den Ruhestand zu treten.