Die Dietiker Traditionsfirma Pestalozzi feiert ihr 250-jähriges Bestehen und ist damit eine der ältesten Firmen der Schweiz. Der 35-jährige Matthias Pestalozzi wird voraussichtlich im Herbst 2014 die Leitung in neunter Generation von seinem Vater Dietrich übernehmen. Seine ersten öffentlichen Auftritte hat Matthias Pestalozzi aber bereits in den kommenden Wochen im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten. Die Limmattaler Zeitung traf sich mit Vater und Sohn, um über die heikle Phase des Übergangs, die viel gelobte Firmenkultur und das Geheimnis des Erfolgs zu sprechen.

Herr Pestalozzi, Sie laden sich als künftiger Firmenchef 250 Jahre Firmentradition auf die Schultern und übernehmen die Verantwortung für 300 Mitarbeitende. Ist Ihnen dabei nicht mulmig zumute?

Matthias Pestalozzi: Nein. Ich kann auf ein eingespieltes Führungsteam und tolle Mitarbeiter zählen. Ich habe keine Angst vor der Aufgabe.

Wie bereiten Sie sich auf den Tag der Übernahme vor?

Matthias Pestalozzi: Ich bin seit drei Jahren in der Firma tätig, davon habe ich zwei Jahre lang eine Tochterfirma geleitet. Bei einem anderen Händler aus der Branche werde ich ein Praktikum absolvieren. Aktuell bin ich Assistent des Delegierten des Verwaltungsrats (lacht seinen Vater an, der neben ihm sitzt).

Pestalozzi ist ein Familienunternehmen. Atmet man die Firmenluft bereits als Kind ein?

Matthias Pestalozzi: Ja, sicher. Die Firma wurde durch meine Familie geprägt, das spüre ich im Unternehmen. Ich fühle mich hier zu Hause. Ich verbinde viele Erinnerungen meines Lebens mit dem Unternehmen, etwa Firma-Fussballturniere oder Ferienjobs. Auch das Firmenjubiläum 1988 habe ich in guter Erinnerung, obwohl ich erst zehn Jahre alt war. Das Zirkuszelt für die Feierlichkeiten hat mir Eindruck gemacht.

Wie nehmen Sie Ihren Vater als Firmenchef wahr?

Matthias Pestalozzi: Mein Vater ist sehr gut darin, die richtigen Leute ins Führungsteam zu holen und sie zu coachen. Er gibt ihnen Sicherheit und delegiert Verantwortung so, dass seine Mitarbeitenden sich entfalten und ihre Aufgabe gut erledigen können. Er ist sehr offen, aber auch sehr bestimmt und direkt. Er spricht an, was ihm nicht gefällt.

Gibt es Eigenschaften Ihres Vaters, die Sie zum Nachmachen animieren?

Matthias Pestalozzi: Was ich über ihn als Chef gesagt habe, damit kann ich mich identifizieren. Wir haben einmal einen Persönlichkeitstest gemacht und dabei herausgefunden, dass wir uns vom Charakter her sehr ähnlich sind.

Dietrich Pestalozzi, seit 250 Jahren wurde die Firmenleitung von der älteren auf die jüngere Generation übertragen. Müssen Vorgänger und Nachfolger eigentlich ähnlich sein?

Dietrich Pestalozzi: Nicht unbedingt. Aber es ist bei uns tatsächlich so, dass Ähnlichkeiten feststellbar sind. Das haben wir schon beim Jubiläum 1988 festgestellt, als wir in der Historie gegraben haben. Wir fanden eine Beschreibung meines Ururgrossvaters Rudolf Alexander Pestalozzi, die von seinem Sohn Friedrich Otto gegen Ende des 19. Jahrhunderts verfasst worden war. Was er über seinen Vater geschrieben hat, hätte er auch über mich schreiben können.

In dieser Beschreibung heisst es unter anderem: «Mein Vater war ein freundlicher Mann, aufrecht in Statur, Wahrhaftigkeit und sittlich-religiösen Grundsätzen, konservativ ohne Engherzigkeit und wahrhaft sozial gesinnt. Was ihm fehlte, war der Trieb zum rücksichtslosen Geldverdienen.»

Dietrich Pestalozzi: Wenn die Väter und Söhne sich so ähnlich sind wie bei uns, dann bringt dies natürlich Kontinuität in die Firma. Allerdings ändert sich das wirtschaftliche Umfeld ständig. Jede neue Generation muss deshalb die Fähigkeit haben, beweglich zu sein.

Heutige Manager sind eher extrovertiert, sie heischen nach Aufmerksamkeit. Die Pestalozzis hingegen gelten als zurückhaltend und sind dabei höchst erfolgreich. Ist dies auf lange Sicht vielleicht doch der erfolgversprechendere Weg?

Dietrich Pestalozzi: Wir sind keine Manager, die Eigenwerbung machen müssen. Wir können uns auf die Firma konzentrieren. Abgesehen davon: Als Unternehmer prägt man mit seiner Person die Firma. Man ist, wer man ist. Man kann im Büro nicht einen völlig anderen Hut aufhaben als in der Freizeit.

Matthias Pestalozzi, was bedeutet Ihnen als noch junger Geschäftsmann eigentlich Tradition?

Matthias Pestalozzi: In einer langen Firmengeschichte kristallisieren sich gewisse Werte heraus, die von den jeweiligen Firmeninhabern eingebracht worden sind. Wir haben viele langjährige Mitarbeiter, die diese Werte verinnerlicht und ebenfalls weitergegeben haben. Aus all dem hat sich über die vielen Jahre eine Firmenkultur herausgebildet, die es zu pflegen gilt. Aufs Geschäft bezogen, bedeutet dies: Nicht das Was ist unsere Tradition, sondern die Art und Weise des Herangehens.

Ethisches Handeln und Verantwortung sind für Sie, Dietrich Pestalozzi, wichtige Werte. Wie drückt sich dies aus?

Dietrich Pestalozzi: Auf unserer Firmenbroschüre steht «Engagement» und «Verantwortung». Das haben nicht wir erfunden, sondern eine Agentur, die der Ansicht ist, dass uns diese Begriffe am besten Charakterisieren. Das Bekenntnis, ein Familienunternehmen zu sein, ist zentral. Verantwortung bedeutet für mich, das Wohl der ganzen Firma im Auge zu behalten. Und noch immer basieren geschäftliche Abmachungen auch auf mündlicher Basis und Vertrauen, auch wenn vieles formalisiert und reglementiert ist.
Was die Ethik betrifft: Wir haben natürlich dieselben Standards, die alle anderen Unternehmen auch haben, etwa dass wir unser Geschäft korrekt verrichten. Wichtig ist mir auch, was mein Vater mir auf den Weg mitgegeben hat. Er sagte, bevor du dir eine Meinung bildest, höre dein Gegenüber an. Ich stelle immer wieder fest, dass dies der beste Weg ist, eine Entscheidung zu treffen. Eine solche Haltung zeugt von Respekt und Interesse am Gegenüber.

Es ist nicht einfach, vom Vater die Firma übertragen zu erhalten. Man ist mit Vorurteilen konfrontiert, muss sich vielleicht mehr beweisen. Wie war oder ist das bei Ihnen beiden?

Dietrich Pestalozzi: Als ich in die Firma eingetreten bin, waren neben der Familie Pestalozzi noch Vater und Sohn Burckhardt Miteigentümer. Ich stiess also als Vierter dazu, weshalb der Druck nicht ganz so stark auf mir lastete. Was für einen Sohn die Übernahme schwierig macht, ist ein dominanter Vater. Das war bei mir nicht der Fall. Ich konnte mich entfalten.
Matthias Pestalozzi: Ich spürte keinen Druck, die Firma übernehmen zu müssen. Eine Erwartungshaltung bestand eher seitens der Mitarbeitenden. Viele wollen explizit in einem Familienunternehmen arbeiten und sind jetzt froh, dass die Nachfolge entsprechend geregelt ist. Ich übernehme die Firma ja auch nicht als Unbekannter. Ich bin mittlerweile seit drei Jahren in der Firma.

250 Jahre Firma Pestalozzi, was ist das Geheimnis des Erfolgs?

Matthias Pestalozzi: (lacht) Das verraten wir nicht. Wir halten es wie die Appenzeller im Käse-Werbespot. Wir schweigen stoisch.

Geschäftsgeheimnis?

Dietrich Pestalozzi: (lacht) Nein, für mich sind vier Gründe entscheidend: Erstens: Wir haben die Kunden gerne und haben deshalb unsere Geschäftsbereiche kunden- und nicht produktorientiert ausgerichtet. Zweitens: Wir tragen zu unseren Mitarbeitenden Sorge. Drittens: Wir bewegen uns. Und viertens: Wir achten aufs Geld.

Matthias Pestalozzi, was werden Sie anders als Ihr Vater machen? Ein Chefwechsel bringt doch immer Veränderungen.

Matthias Pestalozzi: Pestalozzi wird auch unter meiner Führung Pestalozzi bleiben. Wir haben aber gesagt, dass sich die Firma bewegen muss. Wir werden uns noch mehr als Dienstleister positionieren, um uns gegenüber anderen abzugrenzen.

Können Sie konkreter werden?

Matthias Pestalozzi: Ohne ins Detail zu gehen. Wir haben heute schon Produkte, die übers eigentliche Handelsgeschäft hinausgehen. Beispielsweise planen und bearbeiten wir Brandschutztüren mit Zuschnitten der Profile, Ausschnitten für die Schlösser. Wir werden ähnliche Angebote entwickeln.