Wer in Paris ist, fotografiert den Eiffelturm, in Berlin das Brandenburger Tor. Wer in Hamburg war, bringt Bilder vom Hafen und der Reeperbahn nach Hause. Matthias Brücker nicht. Matthias fotografiert Essen. Hamburger. Und Pommes frites. Und Erdbeerdessert. Matthias liebt Essen.

Matthias hat Trisomie 21 und ist Schauspieler beim Theater Hora. 2002 stand er zum ersten Mal auf der Bühne, im Sommer 2011 hat er die zweijährige Ausbildung zum Schauspielpraktiker abgeschlossen. Seitdem ist er fixer Bestandteil des elfköpfigen Hora-Ensembles und tourt mit der Gruppe kreuz und quer durch Europa. Eben ist er aus Hamburg zurückgekehrt, in wenigen Wochen geht es zum ersten Mal nach Asien.

Da, wo Chinesen leben

Am Kühlschrank zu Hause bei Matthias' Eltern in Bergdietikon klebt der Tourneeplan 2013. Hamburg, Berlin, Budapest, Brescia, Milano; das die Destinationen bis Mitte März. Dann wird es exotisch: Anfang April fliegt das Ensemble nach Seoul und Daejeon. Südkorea. Ein Land, in dem geistig Behinderte einen schweren Stand haben, viele von ihren Familien versteckt werden.

Matthias war mit seinen Eltern bereits in Singapur und Thailand in den Ferien. Weiss Matthias etwas über Korea? «Da leben Chinesen», sagt er im Brustton der Überzeugung. Nicht doch eher Koreaner? Er zuckt mit den Schultern. «Da hat es Leute mit Schlitzaugen - so wie ich.» Dann schiebt er sich blitzschnell ein Kirschstängeli in den Mund und strahlt übers ganze Gesicht, als Mutter Bea mit ihm schimpft. «Matthias, da hats Schnaps drin!» Matthias kneift die Augen zusammen, schnalzt mit der Zunge und flüstert: «Aber es isch fein.»

Kein Blick zurück

Matthias ist ein glatter Kerl. Manchmal etwas widerborstig, aufmüpfig. Aber herzensgut, wild entschlossen und erst recht nicht um eine Antwort verlegen. Nein, er werde auf dem Zwölfstundenflug nach Südkorea nicht schlafen. «Ich bin nie müde, aber ich schlafe sehr gerne.» Heimweh? «Nie.» Macht es ihm nichts aus, so oft weg von Zuhause zu sein? «Nein, das ist geil», sagt er und nimmt einen Schluck aus der Kaffeetasse, die er bis zum Rand mit Rahm aufgefüllt hat.

Mutter Bea Brücker nickt. «Matthias schaut bei der Abreise nicht ein Mal zurück. Zum Glück.» Es ist noch nicht lange so, dass sie damit so locker umgehen kann. «Am Anfang habe ich grausam Mühe damit gehabt, Matthias ziehen zu lassen.» Oftmals habe sie sich gefragt, ob er wohl heil wiederkomme. Aber es sei eine Gewöhnungssache. Auch, dass Matthias so oft im Ausland ist. Das Reisen habe ihn verändert. «Er ist selbstbewusster und selbstsicherer geworden.» Das schaffe bei ihr Vertrauen. Und wie richtet die Familie ihr Leben nach dem Tourenplan aus? Bea Brücker lacht. «Man muss flexibel sein.» Wenn Matthias mit seinem Koffer nach Hause komme, dann müsse man halt die Wäsche machen und den Koffer für die nächste Reise packen.

«Grossartige Möglichkeit»

Manchmal begleiten Matthias' Eltern ihren Sohn. Nach Avignon, beispielsweise. Sie sind stolz auf ihn, darauf, dass er an Orte reisen darf, von denen andere nur träumen. «Dass Matthias diese Möglichkeiten hat, ist grossartig», sagt Vater Peter Brücker. «Manches Profiensemble von nicht behinderten Schauspielern wäre froh, es hätte nur einmal im Jahr ein Engagement im Ausland.» Doch nicht nur die Reisen, sondern überhaupt diesen Beruf ausüben zu können, sei gewaltig. Es sei doch ein absolutes Privileg, sein Hobby zum Beruf zu machen. «Bei wem klatschen die Leute schon nach Feierabend für die geleistete Arbeit?» Matthias packt seinen Vater am Arm. «Theater ist mein Leben», sagt er laut. «Ich bin gern ein Serienkiller.» Die Eltern schauen ihn entrüstet an und Matthias kichert.

Geröstete Insekten an der Bar

Matthias fährt mit dem Finger über seinen iPod. Auf der letzten Reise nach Hamburg hat er auf dem Gerät die Weltzeituhr entdeckt, jetzt sucht er nach den Zeitzonen für Budapest und Seoul. Er kann die Zeit nicht lesen, aber er merkt, dass es in Budapest gleich spät ist wie in Bergdietikon.

Freut er sich auf Südkorea? Matthias nickt. Und auf das Essen? Er nickt wieder und Vater Peter erzählt, wie Matthias in Thailand an einer Bar ohne mit der Wimper zu zucken geröstete Insekten gegessen hat. «Ich esse alles», sagt Matthias. Fast alles. «Nüsslisalat habe ich nicht gern.» Hund habe er auch schon gegessen, behauptet er steif und fest. Mutter Bea Brücker schüttelt es. «Mir graut schon davor, was Matthias uns für Essens-Fotos aus Korea zeigen wird.»