Massnahmenzentrum Uitikon

Massnahmenzentrum: «Die Ausbildung ist das Beste»

S.M. freut sich, in Freihei wieder seine eigenen Entscheidungen treffen zu können. (Foto: Flavio Fuoli)

S.M. freut sich, in Freihei wieder seine eigenen Entscheidungen treffen zu können. (Foto: Flavio Fuoli)

S.M. steht kurz vor dem Austritt aus dem Massnahmenzentrum Uitikon und dem Lehrabschluss als Metallbauer. Im Interview sagt er, was es für ein Gefühl ist bald ein freier Mensch zu sein und was er vom Leben draussen erwartet.

S.M. aus dem Kanton Zürich hat mit 18 ein folgenschweres Delikt begangen. Im Ausgang kam es zu einer Schlägerei, bei der er eine Menschen schwer verletzte. Danach hat man ihn fünf Tage lang polizeilich gesucht und darauf kam er für einen Tag in Untersuchungshaft. Weil seine Aussage von einem Zeugen gedeckt wurde, kam er aber wieder frei.

Erst nach zweieinhalb Jahren kam sein Fall vor das Bezirksgericht. Es verurteilte ihn zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe aufgeschoben zugunsten einer Massnahme. Beide Seiten gingen in Berufung. Anderthalb Jahre später urteilte das Obergericht härter: Sechs Jahre Freiheitsstrafe aufgeschoben zugunsten einer Massnahme für junge Erwachsene.

S.M. ist heute 25 Jahre alt. Der Schweizer absolvierte die Realschule, später eine Lehre als Elektromonteur, die er aber abbrach. Er arbeitete temporär und leistete ein Jahr Militärdienst bei den Übermittlern als Durchdiener.

Direkt in die halboffene Abteilung

Nach dem Gerichtsurteil hiess es, er solle sich in Uitikon melden, Eintritt August 2008. S.M. hatte bereits eine kleine Ahnung, worauf er sich einliess. «Ich hatte mich zuvor zweimal vorgestellt hier, einmal 2006, einmal 2008. «Ich durfte reinschauen und mit ein paar Leuten reden. Man wird aufgeklärt, was die Erwartungen an einen jungen Straftäter sind.» Er kam dementsprechend auch freiwillig ins MZU, ohne Polizei und trat gleich in die halboffene Abteilung ein, was ungewöhnlich ist. Wieso? «Weil ich aus der Freiheit kam, mit 22 erst eingetreten bin und damit zu alt war für die geschlossene Abteilung und weil das Delikt lange zurück lag. In den vier Jahren dazwischen hatte ich kein anderes Delikt mehr begangen.»

Sofort Lehre angefangen

Bereits drei Wochen nach dem Eintritt begann S.M. mit einer Metallbaulehre. Er hätte sowieso noch einmal mit einer Lehre beginnen wollen, erzählt er. Draussen hätte er eine ähnliche Wahl getroffen. Dorothea Bieler, Leiterin halboffene Abteilung, die während des ganzen Gesprächs mit S.M. mit am Tisch sitzt, ergänzt: «Die vierjährigen Lehren hier als Schreiner oder Metallbauer sind hoch qualifiziert.»

Diese gute Ausbildung hat S.M. bald hinter sich. In fünf Monaten erfolgt die Lehrabschlussprüfung. Er bekam immer sehr gute Qualifikationen, war schulisch immer über einem Fünfer-Schnitt und wird auch im Betrieb hoch eingestuft. Spätestens im August 2012 wird er seine Massnahme beenden. «Vier Jahre ist die gesetzlich vorgesehene längstmögliche Dauer für eine Massnahme», erklärt Dorothea Bieler. «Der junge Straftäter wird bedingt entlassen und erhält eine Probezeit zwischen zwei und drei Jahren. Die restlichen zwei Jahre der Strafe werden hinfällig, wenn die Massnahme erfolgreich abgeschlossen wird. Bei Nichtbewährung ist eine Rückversetzung in die Massnahme für weitere zwei Jahre möglich.»

Was ist das für ein Gefühl, bald ein freier Mensch zu sein?

S.M.: Ich freue mich, aus diesem Rahmen rauszukommen und selber meine Entscheidungen treffen zu können. Hier wird man nicht nur betreut, man sagt einem auch, wodurch man muss. Freiheit bedeutet, seine eigenen Entscheidungen zu treffen.

Wie war das Gefühl, als Sie eingeliefert wurden?

Ich habe mich schlecht gefühlt. Ich war traurig. Man lässt vieles zurück. Man weiss nicht genau, was auf einem zukommt. Man kann sich nicht auf vier Jahre Ungewissheit vorbereiten.

Wie haben Sie während Ihrer Massnahme das Betreuungspersonal erlebt?

Verschieden. Wie die Klienten besitzen auch die Mitarbeiter Persönlichkeiten. Ich bin ein Typ, der nicht mit allen super auskommt. Es gibt verschiedene Leute, mit denen ich gut ausgekommen bin. Das Gegenteil war auch der Fall. Es sind hier aber viele Mitarbeiter. Deshalb kann man gewissen Personen auch ein Stück weit aus dem Weg gehen. In der Regel wird man aber unterstützt, wenn man ein Problem hat.

Was war das Mühsamste, das Ihnen während der Massnahme passiert ist?

Der Bunker, die Arrestzelle. Die habe ich genügend Male erlebt. Ich war wegen diversen Dingen im Disziplinarrest: Kiffen, Flucht, Öffnungsmissbrauch, weil ich zum Beispiel zu spät von der Schule kam. Mühsam war auch die Umbauphase. Ich bin der einzige Klient, der noch das alte System erlebt hat, in dem die Regeln noch etwas lockerer waren. Im neuen Konzept gibt es zusätzliche Einschränkungen.

Was ist das Beste an der Massnahme?

Die Ausbildung, welche einem ermöglicht, in Zukunft einen guten Lohn zu erhalten. Ich habe gute Aussichten diesbezüglich. Dann hat man hier eher die Möglichkeit, Kontakte zur Aussenwelt zu behalten als im Gefängnis. Auch kann man die Berufsschule besuchen. Ich durfte von Anfang an raus, andere müssen mindestens ein Jahr intern zur Schule gehen.

Als wie gut beurteilen Sie die berufliche Ausbildung, welche sie hier absolvieren durften?

Als sehr gut. Obwohl es am Lehrling selber liegt, ob er sich Mühe gibt. Man bekommt hier eher anspruchsvolle Arbeiten als draussen, weil hier der Druck mit Terminen nicht so hoch ist wie draussen. Hier ist man schneller auf einem höheren Standard bei der Ausbildung als in einem normalen Betrieb. Wenns einem nicht gut läuft in der Berufsschule, erhält man zudem Unterstützung in der internen Schule.

Konnten Sie Ihren Wunschberuf erlernen?

Man muss nehmen, was angeboten wird. Ich wollte handwerklich arbeiten. Als Metallbauer kann ich mich auch auf anderen Gebieten entwickeln. Ich kann mir draussen eine Stelle aussuchen, weil Metallbauer sehr gesucht sind.

Was erwarten Sie vom Leben draussen?

Schwierig zu sagen. Ich habe keine direkten Erwartungen. Ich bin mit 22 Jahren hierhergekommen. Ich hatte schon eine Wohnung. Ich muss wieder auf den Stand von damals kommen. Ich denke für die Zukunft auch an eine Familie, wenn ich das Gefühl habe, die Zeit sei reif dazu. Aber in erster Linie will ich ein paar Jahre lang wieder das Leben geniessen.

Haben Sie keine Angst, draussen wieder rückfällig zu werden?

Eigentlich nicht. Das Delikt war eine einmalige Sache. Ich kann jetzt Situationen schneller erkennen und dementsprechend anders handeln. Es gibt allerdings keine 100-prozentige Sicherheit, so was kann allen passieren. Aber ein Delikt wie meines werde ich sicher nicht mehr begehen.

Was raten Sie einem jungen Delinquenten, der neu eintritt?

Er soll seine Chance nutzen. Erstens was seine Ausbildung betrifft und zweitens soll er merken, dass er hier mehr Freiraum hat als im Gefängnis. Er soll es nicht so machen wie ich. Ich hatte lange, bis ich in die Wohngruppe Austritt eingetreten bin. Ich habe aber auch vieles richtig gemacht, zum Beispiel die Massnahme erfolgreich abgeschlossen.

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