Es ist ein seltenes Bild, das sich Fussgängern beim Spaziergang über die Brücke beim Kraftwerk der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) in Dietikon gestern Morgen bietet. Der Oberwasserkanal scheint beinahe ausgetrocknet. Am Ende des 300 Meter langen und 30 Meter breiten Beckens stehen 25 Männer knöcheltief in der Limmat. In der Hand tragen sie Fischernetze und Eimer. Das Wasser rauscht stromabwärts an ihnen vorbei. Verrostete Migroswägeli und Velos kommen zum Vorschein.

Impressionen der Abfischaktion beim EKZ-Kraftwerk in Dietikon

Impressionen der Abfischaktion beim EKZ-Kraftwerk in Dietikon

   

«Einen Köpfler kannst du hier nicht mehr machen», sagt einer der Männer und zeigt auf das Bassin vor den Turbinen, wo sich das Wasser sammelt, bevor es in den Unterwasserkanal fliesst. «Ich vielleicht schon. Mein Köpfler ähnelt eher einem Bäuchler», sagt Alfred Senteler und lacht. Er ist Fischereiaufseher für das Limmat- und Glattal und trägt vor Ort die Verantwortung für die gross angelegte Abfisch-Aktion. Im Rahmen des Kraftwerkneubaus werden Fischpässe erstellt. Damit diese Arbeiten durchgeführt werden können, muss der Oberwasserkanal grösstenteils trockengelegt sein. Insgesamt werden 34'000 Kubikmeter Wasser abgelassen.

Fische unter Schock

«Unsere Aufgabe ist es heute, die Fische im Kanal möglichst unversehrt abzufischen und im Unterwasserkanal auszusetzen», sagt Senteler. Zur Anwendung kommen dabei Elektroabfischgeräte. «Damit verpassen wir den Fischen einen kleinen Schock. Sie werden für kurze Zeit betäubt.» So könne man sie in nützlicher Frist fangen. «Zudem sind die Tiere dadurch weniger Stress ausgesetzt», sagt Senteler. Der Fischereiaufseher hat schon viele Gewässer abgefischt. Doch eine so grosse Aktion hat er in seiner Karriere bisher noch nicht organisiert. «Für jeden Fischer, der heute dabei ist, ist das etwas Besonderes. Das macht man nur einmal im Leben», sagt er.

Dieser Meinung ist auch Hans Matzinger aus Zollikon. Er fischt seit acht Jahren in der Limmat und war bis vor einem Jahr Präsident des Fischervereins Zürich 1883, dessen Hauptrevier sich vom Stauwehr bis unter den Einlauf der Reppisch in die Limmat erstreckt. «Das Projekt ist grossartig. Was mich besonders freut, ist, dass die EKZ und die Fischer zusammenspannen.» Wichtig sei ihm zudem einen Beitrag daran zu leisten, dass künftig noch weniger Fische in den Kraftwerkturbinen ihr Ende finden.

1974 fand das letzte Mal ein Abfischen beim Dietiker Kraftwerk statt. Für die seltene Aktion hat Senteler zwei Dutzend Fischereiaufseher und Fischer lokaler Vereine aufgeboten. Dies vor allem wegen der grossen Unbekannten: die Flusssohle, die sich erst nach dem Abfliessen des Wassers zeigt. «Wir wissen nicht, wie der Untergrund aussieht. Ob es Schlick oder gar Löcher hat, in dem sich die Fische verstecken können», sagt Senteler. Daher habe man so viele Helfer hier. Man wolle auf alles gefasst sein. «Damals hat man vier Tonnen Fische aus dem Kanal gezogen.»

Fünf Männer stehen unterdessen hüfttief im Bassin vor den Turbinen. Zwei bewaffnet mit Netzen, die drei anderen sind mit gelben Elektroabfischstäben ausgerüstet. Als ein Fisch an ihnen vorbei schwimmt, dauert es nicht lange, bis er im Netz landet. «Ist es eine Forelle?», «Oder eine Barbe?», wollen die Zuschauer am Beckenrand wissen.

Schutz vor Turbinen

Vor Ort ist auch Lukas Bammatter von der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung. Er beaufsichtigt als Adjunkt die Fischereiaufseher im Kanton. «Wir haben die EKZ bei der Planung der Fischwanderhilfen eng betreut», sagt Bammatter. Derzeit existiert eine kleine Fischtreppe beim Wehr. Die soll bestehen bleiben. Hinzu kommen aber noch andere Massnahmen, damit Fische das Dietiker Kraftwerk besser passieren können. «Geplant ist eine Fischaufstiegshilfe im Oberwasserkanal beim erneuerten Hauptkraftwerk und eine beim neu entstehenden Dotierkraftwerk», sagt Bammatter. Zusätzlich werden für den Fischabstieg horizontale Feinrechen beim Einlauf des Dotierkraftwerks und vor dem Hauptkraftwerk erstellt. «Diese Rechen sollen verhindern, dass die Fische in die Turbinen geraten und sich verletzen.» Über einen Bypass beim Hauptkraftwerk würden die Tiere sicher in den Unterwasserkanal gelenkt.

Die Bauarbeiten für die Fischauf- und -abstiegshilfen beginnen im September und dauern bis etwa im Frühling 2019. Die Massnahmen für die Fischwanderhilfen würden vom Bund übernommen, so Bammatter. Es sei mit einem hohen einstelligen Millionenbetrag zu rechnen.

Rückgang des Fischbestands

Um 16 Uhr können Alfred Senteler und seine Kollegen die Gummistiefel und Wathosen ausziehen. «Wir haben alle Fische rausgeholt. Ich bin sehr zufrieden», sagt Senteler. Alles habe ohne Zwischenfall geklappt. Sie seien weder auf Löcher noch auf Schlick gestossen. Insgesamt landeten 1200 Fische, also rund eine halbe Tonne, in den Netzen. «Davon waren die meisten Barben und Forellen», sagt Senteler. Schön sei, dass man auch auf einige seltene Fischarten wie Nasen, Alets und Aeschen gestossen sei. «Zahlenmässig ist ein Rückgang zu 1974 festzustellen.» Um ein genaues Urteil abzugeben, sei es aber noch zu früh. Die Daten würden von der Fischerei- und Jagdverwaltung ausgewertet.