Dietikon
Markus Notters Blick in die Zukunft: «Es gibt keinen Weg zurück ins Dorf»

Alt Regierungsrat Markus Notter (SP) entwirft an einer Gewerbeveranstaltung ein positives Zukunftsszenario für die Stadt und plädiert für ein kommunales Stimmrecht für ausländische Einwohner.

Gabriele Heigl
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VZD-Präsident Elio Frapolli (links) freute sich, dass Markus Notter an der Generalversammlung das Gastreferat hielt.

VZD-Präsident Elio Frapolli (links) freute sich, dass Markus Notter an der Generalversammlung das Gastreferat hielt.

Gabriele Heigl

«Ich werde einiges sagen, was ihr gar nicht hören wollt.» Der von den Mitgliedern der Vereinigung Zentrum Dietikon (VZD) freudig erwartete Gastredner begann mit einer kleinen kalten Dusche. Dennoch lauschten die Gewerbler konzentriert dessen Ausführungen und erwärmten sich an den Zukunftsperspektiven, die er für die Stadt aufzeigte.

Markus Notter ist geboren und heimatberechtigt in Dietikon und wohnt auch hier. Von 1990 bis 1996 war er der Präsident der Stadt.

Eine neue Generation zieht in den Vorstand ein

Drei neue junge Mitglieder wurden am Dienstagabend in den Vorstand der Vereinigung Zentrum Dietikon (VZD) gewählt. Mit Katarina Novacovic, Mona Sorcelli und Tim Ungricht ist laut VZD-Präsident Elio Frapolli der Generationenwechsel im Verein gesichert. Auch die Bisherigen stellten sich wieder zur Wahl. Alle Kandidaten wurden per Akklamation wieder- beziehungsweise neugewählt.

In seiner Rede sprach Frapolli davon, dass die Märkte, wie der Frühlings- und Herbstmarkt, attraktiver werden und Flohmarktideen integrieren müssten. Darüber hinaus müsse man Immobilienbesitzer für Investitionen sensibilisieren, um ein qualitatives Wachstum im Zentrum zu ermöglichen. Nur so könne man der stetig wachsenden Digitalisierung im Einkaufsbereich etwas entgegenhalten.

In diesem Jahr will die VZD den veralteten Einkaufsführer aktualisieren und baldmöglichst auch online lesbar machen. In seiner Ansprache, die er in Vertretung von Stadtpräsident Otto Müller hielt, kündigte Dietikons Vizepräsident Jean-Pierre Balbiani einen Gewerbe-Zmorge am 5. Juli an, auf dem die Stadt darüber informieren wird, was die Bauphase der Limmattalbahn für das Gewerbe bedeuten wird. (GAH)

Auch Kantonsrat, Regierungsrat und Präsident der Regierung waren Stationen im erfolgreichen politischen Leben des Juristen. An diesem Abend sprach er aber vor allem als leidenschaftlicher Dietiker. «Ich habe mir vorgenommen, wieder etwas mehr auf die Stadt zu schauen», meinte er, und legte los mit seinem planungspolitischen Szenario.

Ein Faxgerät und zwei PCs hat es im Stadthaus gegeben, als Notter 1990 als Präsident antrat. Als er 1996 ging, gab es im dann neuen Stadthaus keinen Arbeitsplatz mehr ohne PC. Als Regierungsrat hat er sich noch gegen ein Handy gewehrt, inzwischen hat er längst eines. «Die Welt hat sich in den letzten 20, 30 Jahren enorm verändert. Da wurden Grenzen gesprengt.» Das sehe man auch an den gewaltigen Zuwachsraten beim Online-Shopping. Man kaufe von der ganzen Welt. «Auch Sie alle hier», und deutet auf die Zentrumsgewerbler.

Wenn man auf staatliche, kantonale und gemeindliche Strukturen schaue, sehe es dagegen noch aus wie im Jahr 1803, meint Notter und bringt als Beispiel die Gemeinde Bergdietikon, die doch eigentlich in den Kanton Zürich gehöre und nur wegen eines Fehlers von Napoleon dem Aargau zugeschlagen wurde. «Wir schauen mit einer Brille des 19. Jahrhunderts auf das 21. Jahrhundert.» Das Ergebnis sei ein verschwommener Blick. Probleme wolle man immer nur innerhalb von städtischen und kantonalen Grenzen lösen, das sei kurzsichtig und anachronistisch. Glücklicherweise gebe es aber Bemühungen das aufzuweichen.

Und Dietikon ist nicht dabei

Etwa die Metropolitankonferenz Zürich (MKZ), ein Verein, der in neuen Grenzen denkt und sich für einen starken Wirtschafts- und Lebensraum einsetzt. Acht Kantone und 111 Gemeinden inklusive Agglomeration Luzern arbeiten in der MKZ mit. Der Raum schliesst auch grosse ländliche Gebiete mit ein, die mit den Hauptzentren der Region durch wirtschaftliche Verflechtungen oder Pendlerströme in enger Verbindung stehen. Der Verein ist schweizweiter Vorreiter in der Förderung der Zusammenarbeit zwischen Kantonen, Städten und Gemeinden in einem grossstädtisch geprägten Raum. Die MKZ bietet nicht nur eine Plattform für den Informationsaustausch, sondern realisiert auch Projekte in den Bereichen Lebensraum, Verkehr, Gesellschaft und Wirtschaft und setzt sich auf Bundesebene für die Anliegen des Metropolitanraums Zürich ein.

Notter nennt beeindruckende Zahlen: In dem Gebiet leben 1,9 Millionen Einwohner, 900 000 Arbeitsplätze finden sich hier, das entspricht 29 Prozent der Arbeitsplätze der Schweiz, hier werden 37 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet, fallen 41 Prozent der direkten Bundessteuer an, und auch als Hochschul- und Forschungsstandort spielt der Metropolitanraum Zürich in der Schweizer Bildungslandschaft eine herausragende Rolle. Notter: «Und jetzt raten Sie mal, welche Gemeinde nicht dabei ist.» (Kunstpause) «Dietikon». Er verstehe nicht, dass man diese Gelegenheit für eine neue Herangehensweise an die Problemstellungen unserer Zeit nicht nutzt, das Potenzial nicht erkennt. Dort könnte man mit Selbstbewusstsein auftreten, zeigen, dass man nicht zu den Kleinsten gehört. Es wäre so wichtig, meint Notter, davon wegzukommen, dass sich Dietikon immer als Agglomeration definiert, «diesen Raum der Ambivalenz», der nicht mehr Dorf und noch nicht Stadt ist, ein Zwischending ohne Struktur. «Aber wir können kein Dorf mehr sein, auch wenn das viele betrauern.»

Lichtblick Limmattalbahn

Grosse Hoffnungen setzt Notter in die Limmattalbahn (LTB). Mit ihr gäbe es die Chance, dass Dietikon ein städtisches Profil entwickeln könnte. Die drei grossen in-frastrukturellen Entwicklungen hätten das nämlich immer verhindert: der Bau der Bahn, der Autobahn und der S-Bahn. Die Eisenbahn leitete die Entwicklung zur sogenannten Bandstadt ein, die Autobahn beeinflusste darüber hinaus die Siedlungsentwicklung und das Verkehrsaufkommen. Mithin ist die LTB die vierte infrastrukturelle Entwicklung, die über die Geschicke der Stadt bestimmt, dieses Mal in positiver Weise, davon ist Notter überzeugt. «Für mich erklärt sich die Gegnerschaft gegen dieses Projekt auch daraus: Dass die Bahn aus der Region etwas anderes machen, sie verändern wird – dass aus Dietikon jetzt endgültig eine Stadt wird.» Dieser Schritt sei aber unerlässlich und unumgänglich. Eine andere Lösung gebe es nicht.

Am Ende hat Notter auch noch einige Anregungen und Handlungsanweisungen parat, was jetzt zu tun wäre.

  • Die Stadt sollte sich bemühen, Teil eines Metropolitanraums zu werden und die Chance zur Zusammenarbeit zu nutzen.
  • Sie sollte neue Wege gehen, indem sie beispielsweise die vielen jungen Leute, die die Bildungsstätten der Region besuchen, gezielt anspricht und die Stadt für diese Zielgruppe als Wohnort attraktiver macht.
  • Die Dietiker sollten mit einem gewissen Stolz auf ihre «unaufgeräumte» Stadt agieren und vor allem zusammen mit der ganzen Bevölkerung. «Sind denn eigentlich beim VZD die vielen ausländischen Läden im Zentrum vertreten?», fragt Notter und schaut in die Runde.
  • Dietikon sollte das kommunale Wahlrecht für ausländische Bürger einführen. «Man kann eine Stadt nicht weiter entwickeln, wenn 43 Prozent der Bevölkerung dabei nichts zu sagen haben.» Nur wenn man sie mitstimmen lasse, könnten sie ihren Beitrag leisten und stünden auch in der Verantwortung.