Schlieren
Markus Bärtschiger: «Vertrauen gewinnen wir im Alltag»

Nachdem das Bezirksgericht Dietikon das Urteil im Strafverfahren gegen die beiden Schlieremer Stadtpolizisten eröffnet hat, reagiert nun die Stadt mit einer Freistellung.

Florian Niedermann
Merken
Drucken
Teilen
«Die Unschuldsbekundigungen der zwei Polizisten erschienen uns glaubwürdig», sagt Markus Bärtschiger.

«Die Unschuldsbekundigungen der zwei Polizisten erschienen uns glaubwürdig», sagt Markus Bärtschiger.

Limmattaler Zeitung

Herr Bärtschiger, am Donnerstag verurteilte das Bezirksgericht zwei Stadtpolizisten, weil sie einen Schrebergärtner verprügelt haben. Den noch im Dienst stehenden Beamten stellte die Stadt frei. Gab es weitere Konsequenzen?
Markus Bärtschiger: Als direkte Konsequenz verschärften wir die Rapportpraxis unserer Einsatzkräfte. Die beiden Angeklagten waren beim Vorfall ja eher zufällig vor Ort und rapportierten das Geschehen im Nachhinein weniger ausführlich, als dies nach einer offiziellen Alarmierung der Fall üblich ist. Künftig müssen nun auch solche spontanen Einsätze - und sei es wegen einer Katze, die man von einem Baum holt - exakt festgehalten werden.
Angesichts der Brutalität der vorgeworfenen Tat fragt sich, warum die Stadt die Polizisten nicht schon freistellte, als die Staatsanwaltschaft die Untersuchung einleitete?
Ich kann diese Ansicht natürlich verstehen. Die beiden vereidigten Beamten bekräftigten, dass die Vorwürfe des Klägers unbegründet seien. Der Polizeichef wie auch der Abteilungsleiter Sicherheit und Gesundheit kannten die zwei Polizisten seit mehreren Jahren und wir vertrauten ihnen. Uns erschienen ihre Unschuldsbekräftigungen glaubwürdig. Ausserdem kann man einen Angestellten nur für sechs Monate freistellen, danach muss im Normalfall die Kündigung erfolgen. Deshalb warteten wir damit bis zum erstinstanzlichen Urteil.
Und wann folgt nun die Kündigung?
Erst, wenn ein rechtskräftiges Urteil vorliegt. Dazu muss entweder eine nächste Instanz zum selben Schluss kommen wie das Bezirksgericht, oder die Angeklagten entschliessen sich dazu, den Fall nach der Ausstellung der schriftlichen Urteilsbegründung nicht mehr weiterzuziehen.
Sind denn die beiden Beamten in der Vergangenheit bereits einmal negativ aufgefallen?
Ich kann diese Frage nicht beantworten, weil ich meinen Angestellten aus arbeitsrechtlicher Sicht schützen muss.
Anders gefragt: Im Jahr 2010 zeigte ein Mann zwei Polizisten an, weil sie ihm vor der Dietiker Stadthalle den Arm dreifach gebrochen hatten. Unsere Recherchen zeigten, dass es sich beim einen Beamten um einen Schlieremer Polizisten handelte. War es einer der beiden, die das Bezirksgericht verurteilte?
Das Obergericht stellte damals das Verfahren ein. Deshalb darf ich auch hier wegen des Arbeitsrechts keine Auskunft geben.
Welche Folgen hat der Vorfall für Polizeichef Marco Weissenbrunner? Er hat die beiden Beamten eingestellt und bei seiner Beurteilung offensichtlich versagt.
Das kann man so sehen, aber Herr Weissenbrunner ist nun mal kein Psychologe. Alle unsere Beamten durchliefen eine strenge Ausbildung und regelmässige Weiterbildungen - nicht nur im Nahkampf, sondern auch in Konfliktmanagement. In der Grundausbildung werden sie auch psychologisch beurteilt.
Wie konnte Weissenbrunner also zwei Polizisten einstellen, die sich zu einer solchen Gewalttat hinreissen liessen?
Er hat sich wie bei jedem Einstellungsgespräch üblich auf die Zeugnisse der Polizeischule und sein Bauchgefühl verlassen. Dieses muss deswegen nicht falsch gewesen sein. Menschen können sich verändern.
Gerade in einem kleinen Polizei-Korps mit 12 Polizisten hätte er aber in der täglichen Zusammenarbeit merken müssen, wenn sich jemand so stark verändert.
Ja, aber einen Menschen so gut zu kennen, dass eine solche Tat vorhersehbar wäre, ist für einen Arbeitgeber ein Ding der Unmöglichkeit.
In welcher Form übt die Stadt die Kontrolle über die Polizei aus?
Die Stadtpolizei wird von Herrn Weissenbrunner geleitet, der wiederum dem Abteilungsleiter in der Verwaltung und mir unterstellt ist. Wir diskutieren Dinge wie Einsatzgebiete und Ziele regelmässig und intensiv. Am Ende ist auch hier das gegenseitige Vertrauen die Basis der Zusammenarbeit, denn weder ich noch der Abteilungsleiter dienten jemals als Polizisten.
Ändert man diese Strukturen nun nach dem Vorfall?
Wir haben uns schon davor oft überlegt, wie man die Führungsstrukturen verbessern könnte. In einer Gemeinde unserer Grösse haben wir aber die Ressourcen nicht, um dem Polizeichef bei Einstellungsgesprächen etwa einen Psychologen zur Seite zu stellen.
Die Stadtpolizei Schlieren hat, im Vergleich zu anderen Gemeindepolizeien, sehr weitreichende Kompetenzen. Müsste man diese angesichts des kleinen Polizei-Korps und der sehr dünnen Kontrollstrukturen nicht eingrenzen?
Auch wir diskutieren immer wieder, was wir leisten können, ob die Zusammenarbeit mit anderen Gemeindepolizeien verstärkt werden könnte und was wir der Kantonspolizei überlassen sollten. Im Normalfall übernimmt die Kantonspolizei, je nach räumlicher Verfügbarkeit und Dringlichkeit der Alarmierung Fälle, bei denen es um Leib und Leben geht. Die Kapo hat aber schlicht nicht die Mittel dazu, mehr Aufgaben zu übernehmen.
Wie Sie es schilderten, beruht das Schlieremer Polizeiwesen stark auf dem Vertrauen, das die einzelnen Exponenten einander entgegenbringen. Wie wollen Sie das Vertrauen der Bevölkerung gegenüber der Polizei wiedergewinnen?

Ich glaube, das ist nur über die tägliche konkrete Tat zu erreichen. Dass wir ein kleines Polizei-Korps haben, hat nämlich auch den Vorteil, dass wir näher bei der Bevölkerung sind und einen persönlicheren Umgang pflegen, als etwa die Kantonspolizei. Es geht also darum, uns auf unsere Qualitäten zu berufen, bei den Einsätzen Fingerspitzengefühl zu beweisen und Hilfsbereitschaft zu demonstrieren, die über den Grundauftrag der Polizei hinausgeht.