Herr Zumbühl, die Kunsteisbahn Urdorf wird mit einem sogenannten Eisgleiter ausgerüstet, die es Menschen im Rollstuhl ermöglichen Schlittschuh zu laufen. Entspricht das tatsächlich einem Bedürfnis oder ist das Symbolpolitik?

Mark Zumbühl: Menschen mit einer Behinderung haben ein sehr grosses Bedürfnis sich sportlich zu betätigen. Das sieht man daran, dass viele beispielsweise auch Skifahren in Skibobs oder Schwimmen gehen. Einige Bäder sind bereits mit Liften ausgerüstet, um Menschen im Rollstuhl ins Wasser lassen zu können.

Die Kunsteisbahn ist ein Beispiel. Wie sieht es bezüglich anderer Freizeitangeboten für Menschen mit einer Behinderung aus?

Es gibt immer noch zu wenig, aber es wird immer besser. Ferienregionen in den Bergen haben zum Beispiel damit begonnen rollstuhlgängige Wanderwege anzulegen. Das sind Wege, die keine zu grossen Steigungen oder ein Gefälle aufweisen. Zudem ist der Belag so beschaffen, dass ein Rollstuhlfahrer nicht permanent durchgeschüttelt wird. Aber prinzipiell steht Menschen mit einer Behinderung jede Sportart offen. Das sieht man nur schon an den vielen verschiedenen Disziplinen bei den Paralympics. Heute gibt es sogar Rollstuhlrugby.

Die Eisgleiter sollen zur Integration beitragen. Wie ist es generell um die Integration von Menschen im Rollstuhl in den Alltag bestellt?

Die Integration von Menschen im Rollstuhl steht und fällt mit der Zugänglichkeit von Gebäuden und Verkehrsmitteln. Diesbezüglich sind laufend Fortschritte zu verzeichnen. Ein Beispiel sind die SBB. Früher wurde ein Rollstuhlfahrer mit einer Art Kran in den Gepäckwagen gehievt. Heute sind bereits viele Züge mit niveaulosen Eingängen unterwegs. Dabei darf nicht vergessen werden, dass solche Eingänge oder breitere Türen auch anderen Personen zugute kommen. Ältere Menschen, Eltern mit Kinderwagen oder Passagiere mit viel Gepäck profitieren ebenso davon.

Sie haben die Fortschritte bei den Verkehrsmitteln angesprochen. Wo besteht derzeit der grösste Handlungsbedarf?

Eindeutig beim Bauen. Die Schweiz ist praktisch fertig gebaut. Es gibt aber immer noch Bauten, die nicht hindernisfrei sind. Bei öffentlichen Gebäuden muss dies gewährleistet sein. Das ist im Behindertengleichstellungsgesetz geregelt. Es gibt diesbezüglich Übergangsfristen, die zurzeit noch laufen.

Woran liegt es, dass es immer noch öffentliche Einrichtungen gibt, die nicht behindertengerecht gebaut sind?

Die Schweiz als kriegsverschontes Land hat eine andere Kultur im Umgang mit Menschen mit einer Behinderung, als dies beispielsweise in Frankreich der Fall. Nach den beiden Weltkriegen gab es dort praktisch in jeder Familie ein Mitglied, das kriegsversehrt war. Man musste sich dementsprechend mit der Thematik auseinandersetzen.

Ist die Schweiz nun aber auf dem richtigen Weg?

Wir sind auf dem richtigen Weg. Aber es geht sehr langsam voran. Wir wollen alles perfekt machen. Das ist gar nicht nötig. Oft reicht eine einfache Rampe, um ein Hindernis aus dem Weg zu räumen. Allerdings zeigen sich da oft auch Konflikte bei der Güterabwägung – gerade mit dem Denkmalschutz. Oft heisst es, seit über 200 Jahren gehört eine Treppe zu diesem Haus. Daran darf sich nichts ändern. Das ärgert mich.