Frau Weber, Ihr Mann ist im Oktober letzten Jahres gestorben. Sie wohnen weiterhin im Herzstück des Bruno Weber Skulpturenparks, im Haus, das Sie über vierzig Jahre lang zusammen bewohnt haben. Ist es nicht schwierig für Sie, täglich an ihn erinnert zu werden?

Mariann Weber-Gordon: Natürlich erinnert mich im Haus alles an ihn. Aber er ist für mich nicht nur in der Erinnerung präsent.

Wie meinen Sie das?

Es gibt Momente, in denen ich ihm etwas sagen will, weil ich das Gefühl habe, er stehe gerade neben mir. Erst nach einem Augenblick merke ich, dass das ja gar nicht stimmt. Ich weiss nicht, ob das daran liegt, dass ich den Ablösungsprozess noch nicht beendet habe. Auf jeden Fall ist er für mich – nicht dauernd, aber doch manchmal – noch sehr gegenwärtig. Das gibt mir aber auch Rückhalt.

Wie haben Sie die Zeit seit seinem Tod überstanden?

Das Wichtigste für mich war die Unterstützung, die ich schon während seiner letzten Monate, bevor er das Irdische verlassen hat, erhalten habe.

Wo haben Sie diese Hilfe erhalten?

Drei Frauen vom Limmattaler Verein Wachen und Begleiten (wabe) sind mir ein Jahr lang zur Seite gestanden. Sie waren jeweils einen halben Tag für Bruno da. Er hatte einen sehr guten Draht zu ihnen. In der schwierigen Endphase haben sie auch Nachtwache gehalten.

Wie haben die Frauen vom Verein wabe Ihnen geholfen?

Es war eine wunderbare Erfahrung, von ihnen zu lernen, wie man sich verabschiedet, wie man am besten die letzte Zeit zusammen verbringt. Zudem war es auch schön, ihnen bei der Betreuung zuzuschauen: Die eine hat eine Klangschale mitgebracht, die andere hat ihm eine «Sommervogelmassage» verpasst – ich habe gespürt, wie Bruno das geniesst. Und das hat auch mir geholfen. So konnten wir uns beide Schritt für Schritt ans Loslassen herantasten.

Was war in dieser letzten Phase am schwierigsten für Sie?

Ich musste zum Beispiel lernen, damit umzugehen, dass Bruno gegen Ende keinen Hunger und Durst mehr verspürte. Ich habe erfahren, dass dabei Hormone ausgeschüttet werden, die bewirken, dass man sich wohl fühlt – so, als hätte man Drogen genommen. Es ist wichtig zu wissen, dass man seinen Angehörigen nicht unbedingt einen Gefallen tut, wenn man sie nicht friedlich gehen lässt.

Dabei waren die Frauen vom Verein wabe Ihnen eine Hilfe.

Ja. Wenn man keine Erfahrung in diesen Dingen hat, ist man von Unsicherheit getrieben, ob man den Sterbenden nicht doch noch irgendwie helfen muss. Heute wird dieser wichtige Schritt des Loslassens oft verhindert, aus purem schlechten Gewissen.

Wurde das Loslassen so auch für Ihren Mann einfacher?

Eine Betreuerin hat während einer Nachtwache, in der Phase ganz kurz vor seinem Tod, zu mir gesagt: «Bruno macht genau das Richtige. Nicht mehr essen, nicht mehr trinken – jetzt ist sein Geist frei.» So hat sich das auch für unsre Besucher angefühlt: Viele haben gemerkt, wie friedlich Bruno wirke.

Wie lange ist diese letzte Phase gegangen?

Bruno hat etwa eine Woche lang nichts mehr gegessen oder getrunken. Übrigens hat er in dieser Zeit einmal plötzlich nach einem Bier verlangt. Ich bin sofort zum Nachbar gerannt, weil wir keines im Haus hatten. Man hat ihm angesehen, wie sehr er dieses Bier genossen hat.

War er in dieser letzten Woche noch ansprechbar?

Während er sein Bier trank, hatten wir Besuch von einem befreundeten Künstlerpaar. Da hat er plötzlich angefangen zu reden wie früher. Er war während seines Lebens gerne der Mittelpunkt des Gesprächs. Er hatte auch eine schöne, bildhafte Art zu erzählen. Am nächsten Tag hat er mich gefragt: «War gestern ein Fest?»

Also hatte er bis zum Schluss auch wache Momente?

Ja. Wenn der Körper nicht mehr belastet ist, ist der Geist offenbar frei. Das haben schon die Indianer gewusst.

Was waren schöne Momente in der Zeit unmittelbar vor seinem Tod?

Es war schön, dass er sein neues Buch noch sehen konnte. Der Verlag hat es extra per Express geschickt; drei Tage vor seinem Tod ist es eingetroffen. Man hat gemerkt, dass ihm das extrem gutgetan hat. Vom nächsten Tag an hat er die Augen nicht mehr gross geöffnet.

Ein anderes Werk, dessen Vollendung er selber nicht mehr erleben durfte, ist der Wassergarten, in dem seit letztem Monat das Wasser sprudelt. Denken Sie, er wusste, dass der Wassergarten auf gutem Weg zur Fertigstellung war?

Ja, ich denke, diese Sicherheit hatte er. Eine Garantie dafür waren für ihn auch unsere langjährigen Mitarbeiter Jimmy Kryeziu und Gabi Spögler. Beide kennen Brunos Vision sehr gut. Er war ja auch beim ganzen Prozess dabei. Er hat noch bis etwa drei Wochen vor seinem Tod jeden Tag einen Besuch im Wassergarten gemacht. Als die Bagger auffuhren, um die Wasserkanäle zu legen, sass er auf seinem Stuhl und betrachtete zufrieden das Geschehen.

Denken Sie, dass Ihr Mann seine Vision des Wassergartens erfüllt sähe, wenn er ihn heute sehen könnte?

Definitiv. Wir haben ja nach seinen Vorgaben und mit seinen Zeichnungen gearbeitet. Das Wasser war für ihn immer ein wichtiges Element. Er ist an der Reppisch aufgewachsen und hat sie geliebt. Er hatte viele glückliche Kindheitserinnerung im Zusammenhang mit dem Dietiker Fluss. Mit dem Wassergarten ist der Skulpturenpark jetzt abgerundet. Er bildet neben unserem Haus ein weiteres Herzstück des Parks.

Seit der Erkrankung ihres Mannes haben auch Sie enorm viel geleistet. Sie waren ihm nicht nur privat eine Stütze, sondern haben auch im künstlerischen Bereich viel übernommen. Wie muss man sich die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Ihrem Mann vorstellen?

Es lagen Zeichnungen und Werke von Bruno vor, die unserem Team als Vorlage dienten. Die Pfauen-WCs zum Beispiel sind inspiriert von einem Stuhl, den Bruno vor langer Zeit gemacht hat.

Die Pfauen sind sowieso allgegenwärtig in Ihrem Reich: Sie haben ein Pfauenpaar als Haustiere.

Genau, Josef und Mara. Der Pfau war Brunos Lieblingstier und schon früh in sein Werk integriert. Der Pfauentisch, der im Skulpturenpark steht, ist ein weiteres Beispiel dafür.

Zurück zu Ihrem Arbeitsprozess: Sie haben wohl vieles in Rücksprache mit Ihrem Mann gemacht?

Auf jeden Fall. Er hat sich die Sachen jeden Tag angeschaut. Wenn für ihn etwas nicht stimmte, ging man noch einmal über die Bücher. Er hatte bis zuletzt eine klare Vision für sein Werk.

Wie war es für Sie, als Sie nach seinem Tod sozusagen die letzte EntscheidInstanz wurden?

Das wurde ich gar nicht. Ich treffe alle Entscheide zusammen mit unseren Zwillingstöchtern Rebecca und Mireille. Sie waren immer schon involviert in die Arbeit im Skulpturenpark. Sie sind beide sehr kreativ– oder anders gesagt: Sie haben beide sehr viel von ihrem Vater. Es gehört zum Prozess jedes Künstlers dazu, auch an andere abgeben zu können.

Seine Vision wird nun also als Familienunternehmen weiter ausgeführt.

Ja. Dazu kommt die Unterstützung der Bruno-Weber-Stiftung. Privat alles zusammenhalten, wäre schlichtweg nicht möglich. Mit der Stiftung bleibt für die Familie alles tragbar.

Meinen Sie strukturell oder finanziell?

Beides. Man hat bei einer Stiftung verständlicherweise eher Gönner, als wenn die Gelder ins Private fliessen würden. Ein Teil des Parks gehört auch der Stiftung, der Rest – darunter das Haus – ist in Familienbesitz. Mit dem neuen Präsidenten Peter Meier ist bei der Stiftung vieles vorwärtsgegangen. Zudem haben wir ein tolles Team. Unsere Mitarbeiter nehmen viel auf sich. Dank alledem geht es weiter.

Letzten Monat wurde der Wassergarten mit Wasser belebt. Planen Sie noch eine Einweihungsfeier oder wurden solche Pläne nun etwas überschattet?

Die wurde schon überschattet, ja. Geplant ist aber ein Benefizanlass im Herbst, bei dem wir hoffen, die Investitionen für den Wassergarten ein Stück weit aufzufangen. Nächstes Jahr wird es ausserdem einen Tag der offenen Tür für die Dietiker Bevölkerung geben.

Besucher können den fertiggestellten Wassergarten aber bereits jetzt betrachten kommen.

Ja, genau. Nur ein offizielles Einweihungsfest gab es noch nicht. Am nächsten Dienstag wird es einen Anlass für unsere Gönner geben. Das ist wichtig, damit sie sehen können, was wir mit ihrem Geld gemacht haben.

Wie geht es mit dem Skulpturenpark nun weiter?

Das nächste Projekt wird das Kopfhaus sein, das im Aufgang zum Wassergarten zu stehen kommen soll. Von diesem Gebäude bestehen diverse Skizzen von Bruno. Danach wären die Raupen dran. Dieses Konstrukt oberhalb des Wassergartens hat Bruno als einen Raum der Wandlung visioniert. In ferner Zukunft ist auch noch der Liebesgarten geplant, den meine Töchter realisieren möchten.

Gab es auch Leute, die Sie gefragt haben, ob es nun überhaupt noch weitergehe mit dem Skulpturenpark?

Nicht direkt. Ich denke, das traut man sich nicht. Aber ich habe entsprechende Rückmeldungen von unserem Kiosk erhalten. Es scheint die Leute offenbar schon interessiert zu haben, ob der Park nun geschlossen wird. Doch das wird nicht so schnell passieren.

Wie sind die Leute nach dem Tod Ihres Mannes auf Sie zugegangen?

Sehr, sehr herzlich. Ich habe wirklich gestaunt, wie fürsorglich sich alle zeigten. Ich wurde auch von verschiedenen Seiten eingeladen, Ausflüge zu unternehmen, damit ich etwas Abstand von allem gewinnen könnte.

Haben Sie solche Angebote wahrnehmen mögen?

Eher weniger. Ich war einmal 14 Tage weg, aber das hat mir nicht viel gebracht. Ich habe gemerkt, dass ich Brunos Tod hier verarbeiten muss.

Wie haben Sie das getan?

Ich spaziere oft auf den Wegen, auf denen wir früher zusammen gegangen sind. Leider nehme ich mir dafür im Moment noch zu wenig Zeit. Ich bin in letzter Zeit nahe an ein Burnout gekommen; es war auch alles sehr viel. Doch es tut mir gut, mich in der Natur aufzuhalten. Auch für Bruno war die Natur sehr wichtig. Es hat ihn immer fasziniert, was draussen kreucht und fleucht. Er konnte draussen in den Wiesen und Wäldern immer Erholung finden. Ich versuche nun, ihm das nachzumachen.