Sonntagsgespräch
Margrith Gysel: «Der Fall Üetliberg kann sich hinziehen»

Seit knapp zehn Jahren liegen der Verein Pro Üetliberg und der Uto-Kulm-Hotelier Giusep Fry im Streit um Bauten auf dem Zürcher Hausberg. Nun will die in Uitikon wohnhafte Vereinspräsidentin Margrith Gysel das Verbandsbeschwerderecht.

Alex Rudolf
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«Wir haben nichts gegen innovative Köpfe», sagt Margrith Gysel. Ihr ist aber wichtig, dass der gesetzliche Rahmen eingehalten wird.

«Wir haben nichts gegen innovative Köpfe», sagt Margrith Gysel. Ihr ist aber wichtig, dass der gesetzliche Rahmen eingehalten wird.

Frau Gysel, werden Sie noch immer von Sympathisanten des Uto-Kulm Betreibers, Giusep Fry, angefeindet?

Margrith Gysel: Von Angesicht zu Angesicht eher selten. Dies mag daran liegen, dass ich eher selten in der Gemeinde unterwegs bin. Die Anfeindungen kommen in der Regel per Post oder Mail. Selten auch per Telefon. Ich muss aber sagen, dass die Leute das Problem erkannt haben, sodass in letzter Zeit solche Feindseligkeiten eher ausblieben.

Wie kamen Sie zu dieser exponierten Rolle als Präsidentin des Vereins Pro Üetliberg?

Sie wurde an mich herangetragen. Als Giusep Fry vor rund zehn Jahren mit dem Kino am Berg starten wollte, kamen viele Anwohner und Anwohnerinnen zu mir und forderten mich dazu auf, etwas dagegen zu unternehmen. Sie hatten Angst vor dem Mehrverkehr.

Der Verein Pro Üetliberg möchte Lärm- und Lichtemission, Helikopterlärm, kommerzielle Nutzung und die Ausübung von Bike-Sportarten begrenzen. Wie sieht die ideale Nutzung dieses Naherholungsraums aus?

So etwas wie eine ideale Nutzung gibt es nicht. Man muss sich aber darüber Gedanken machen, was zuträglich für diesen Berg ist und was nicht. Die Biker beispielsweise können eine Gefahr für die Spaziergänger darstellen.

Eben haben Sie gesagt, Sie seien nicht oft unterwegs auf dem Üetliberg. Dann wären Sie ja selbst nicht betroffen. Wie bringen Sie die Motivation auf, sich für die Anliegen anderer Leute zu engagieren?

Unser Einsatz für den Schutz des Naherholungsgebiets entspringt nicht eigennützigen Motiven. Allerdings wissen auch Mitglieder von Pro Üetliberg es zu schätzen, wenn ihnen auf einem Spaziergang nicht mehrere Autos entgegenkommen. Der Üetliberg ist kein Spielplatz der Spassgesellschaft.

Haben Sie nicht das Gefühl, dass der Gedanke der Nachhaltigkeit heutzutage vielen Leuten wichtig ist?

Ja, aber das kam nicht von selbst. Ich und mein Mann engagieren uns auch in der grünen Partei. Ein ökologisches Bewusstsein in der Gesellschaft zu wecken, war ein Dauerkampf, teilweise auch gegen Windmühlen. Dass der Mensch nicht so weitermachen kann wie bisher, das dämmert nun langsam einigen Leuten.

Am vergangenen Donnerstag nahm der Verein Pro Üetliberg eine Statutenänderung an. So soll er künftig auf dem ganzen Kantonsgebiet agieren können.

Es geht dem Verein Pro Üetliberg nicht primär darum, in anderen Gebieten des Kantons agieren zu können, sondern um das Verbandsbeschwerderecht. Dieses haben wir bis anhin nicht.

Bisher arbeitete Ihr Verein gemeinsam mit dem Heimatschutz, der dazu berechtigt ist, Rekurse einzureichen.

Genau. In diesem Bereich wollen wir ein Stück Unabhängigkeit. Dies mag daher rühren, dass wir über Jahre eine enge Zusammenarbeit mit dem Heimatschutz hatten. In den letzten Jahren gab es jedoch einige personelle Veränderungen in dessen Vorstand. Die Beziehungen zum Vorstand sind nicht mehr so eng wie früher. Bis uns die Gerichte das Beschwerderecht aber zusprechen, kann es noch eine Weile dauern. In der Zwischenzeit sind wir offen für die Zusammenarbeit mit verlässlichen beschwerdeberechtigten Partnern.

Ihr Verein weiss sich aber auch selber zu helfen. Im September zählten Sie und Ihr Verein an mehreren Wochenenden Autos auf dem Üetliberg.

Das stimmt. Aber für solche Aktionen muss man auch das Personal finden.

Kämpft auch Pro Üetliberg mit Nachwuchsproblemen?

Fast jeder Verein tut dies. An der Generalversammlung wurde besprochen, dass wir gerne mehr jüngere Mitglieder hätten.

Vielleicht liegt dies auch daran, dass sich junge Menschen nicht so sehr für die Aktionen des Vereins interessieren.

Möglich. Aber die Rechtsstaatlichkeit sollte eigentlich jeden interessieren. Herr Fry mag zwar innovativ sein in der Nutzung des Üetlibergs. Wir haben nichts gegen innovative Köpfe. Aber wir setzen uns dafür ein, dass alles innerhalb des gesetzlichen Rahmens passiert, der für alle Bürger gilt.

Ist dies in der Schweiz nicht gegeben?

Es hat auch hier blinde Flecken. Dessen muss man sich bewusst sein. Was Giusep Fry gebaut hat, ohne eine Bewilligung nachzusuchen, ist unglaublich.

Kürzlich wurde bekannt, dass Giusep Fry beim Verwaltungsgericht Beschwerde gegen die vom Regierungsrat geforderten neuen Richtlinien zur Nutzung des Üetlibergs einreicht. Beunruhigt Sie das?

Es war für den Verein hoch erfreulich, dass die kantonale Exekutive von Regierungsrat Kägi ein neues Konzept verlangte. Frys Rekurs beim Verwaltungsgericht ist aus meiner Sicht aussichtslos und dient nur dazu, Zeit zu gewinnen.

Sie haben beim Verwaltungsgericht ebenfalls Rekurs gegen den Richtplan eingereicht. Wollten auch Sie Zeit gewinnen?

Wir haben gute Gründe für einen Rekurs. Wenn wir damit Zeit gewinnen, haben wir nichts dagegen. Würde die Umzonung von einer Landwirtschaftszone in eine Erholungszone rechtskräftig, hätten Giusep Fry und Regierungsrat Markus Kägi mehr Spielraum in der Kompromissfindung. Dies liegt nicht in unserem Interesse.

Aber wenn die Richtplanänderung nicht durchkommt, dann ist man wieder auf Feld eins.

Eher bei null. Danach müssten neue Lösungen gefunden werden. Herr Fry könnte als Reaktion seinen Aussichtsturm abbrechen oder dafür Eintritt verlangen. Das würde manchen Leuten zwar auch nicht passen, aber Pro Üetliberg würde deswegen nicht klein beigeben.

Haben Sie jemals ein schlechtes Gewissen gegenüber den Angestellten von Giusep Fry, die ihren Job verlieren könnten?

Das Arbeitsplatz-Argument lasse ich nicht gelten. Auch Waffenfabriken können so gerechtfertigt werden.

Kreuzen sich Giusep Frys und Ihre Wege ab und zu?

Kürzlich machten wir auf dem Üetliberg eine Verkehrszählung. Fünf Minuten nachdem ich meine Schicht begonnen hatte, fuhr Frys schwarzer Volvo vor. Er hielt an, liess das Fenster herunter und wünschte mir einen schönen Tag. Das war aber noch vor dem Entscheid des Regierungsrates.

Ist ein Ende dieses Disputs in Sicht?

Unser Rechtssystem schützt die Betroffenen. Entscheide können mehrere Rekursinstanzen durchlaufen. Was gleichermassen gut, aber kostspielig ist. Daher kann sich der Fall Üetliberg noch hinziehen.