Mit einer geschickten Eröffnungspointe nach dem ersten Song hat Marc Sway das Publikum vor der «Live im Park»-Bühne sofort auf seiner Seite: Vor Auftritten sei er selten nervös, meint der Sänger, heute dagegen sei das etwas anders. «Denn egal, wo man in der Schweiz zu meiner Zeit aufgewachsen ist, wer als Kind auch nur ein bisschen Musikgeschmack hatte, war im Besitz einer Platte der ‹Schlieremer Chind›.» Für die nächsten knapp zwei Stunden dieses Donnerstagabends bilden Sways brasilianische Grooves den Mittelpunkt des Schlierefäschts.

Das wird schnell klar, wenn man sich etwas aus dem vollgepackten Rund der «Live im Park»-Bühne entfernt. Die Chilbi-Zone mit Schiessbude, Entenfischen und einer Bahn ist beinahe ausgestorben. Und auch in den sonst für ihre gute Stimmung bekannten Zelten der Fussballer und Faustballer geht in diesem Moment wenig Bier über die Tresen. Zwei Mitglieder des Jodelchors überqueren gerade das Brückchen hinter der reformierten Kirche. «Das ist schon nicht meine Musik», meint einer, «doch wir sind ja nicht lärmempfindlich» – und lacht. Eine Dame in Tracht, die daneben steht, ist anderer Meinung und lobt Sway in den höchsten Tönen. Dennoch bewegt sich die Gruppe nun in Richtung Kaffee und Kuchen.

Das Wasserspiel am Schlierefäscht 2015

Das Wasserspiel am Schlierefäscht 2015

Saufen vertagt

Von der Zentrumsbühne ertönt die Titelmusik des Musikantenstadls, gespielt von einer Kapelle aus der Steiermark. Die Aufforderung des Sängers – «Wenn beim Saufen, bleibst dabei!» – verhallt an den Mauern der reformierten Kirche. Das Schlierefäscht zeigt sich an diesem Abend von seiner gesitteten Seite; das Volk scheint den Exzess aufs Wochenende zu vertagen. Ein paar Stadtpolizisten sitzen an einer Festbank, essen Raclette und scheinen sich zu amüsieren – dringende Alarmbereitschaft sieht anders aus. Im Zelt der mexikanischen Bar «La Cantina» nutzt der DJ die ruhige Stunde und weicht mit ein paar deftigen Electro-Beats für eine Weile vom Latin-Konzept des Zelts ab. «Heute Abend müssen wir uns für Publikum wohl noch bis nach dem Konzert gedulden», sagt Benjamin Andres, der im «La Cantina»-Zelt Jugendliche für Kurse an seiner DJ-Schule «Mischkult» zu begeistern versucht. «Zusammen mit dem Zelt des FC Schlieren war dieses bisher immer das vollste», beteuert er. Ein paar an die Wand gehängte Polaroids mit schräg verkleideten Gästen, die hinter dem DJ-Pult posieren, geben Zeugnis davon.

In den zahlreichen Bars rund um die «Live im Park»-Arena geht das Festtreiben auch während des Konzerts munter weiter. Der Mann hinter einem flammenumzüngelten Grill wippt hin und her und lächelt vor sich hin, während er Wurst um Wurst auf Kartonteller schaufelt. Die leicht erhöhte Zeus-Bar bietet derweil einen kleinen Rückzugsort, wo sich Besucher mit Cüpli und Drinks in Gespräche vertiefen.

Die Familien-Rocker

Besonders auffällig ist die wie ein Wikingerschiff geformte Bar des Motorrad-Klubs Thors. Für den Klub sei die öffentliche Präsenz am Schlierefäscht sehr wichtig, sagt Marco Kunz, der Prospekt des Klubs. «Einerseits können wir hier unser Budget aufbessern, andererseits aber auch unser Image verbessern.» Das von Boulevardzeitungen verbreitete Image des bösen Rockers habe mit dem Thors-Klub überhaupt nichts zu tun. «Wir bezeichnen uns als Familie», betont Kunz. «Wenn Sie um zwei Uhr nachts hier auf dem Festgelände sind, werden Sie sehen, wo die Leute noch verweilen.» Und Marc Sway? «Natürlich mögen die meisten von uns lieber AC/DC», meint Kunz, «doch in unserem sehr gemischten Klub hat Sway bestimmt auch einige Fans.»