Mit ernstem Gesichtsausdruck, irgendwie entrückt. Über ihrem Kopf schieben währenddessen Kunden ihre Einkaufswagen durch die Auslagen eines Grossverteilers.

Miccichès Probelokal befindet sich im Luftschutzkeller eines Geschäftshauses in Zürich Altstetten. Im Unterirdischen zwischen gelagerten Winterpneus und Frostschutzmittelsprays, ohne einen Streifen Sonnenlicht, entsteht Musik.

Was für Musik? Das kann man eigentlich nicht sagen. Nicht einmal Miccichè selbst findet auf Anhieb einen Namen dafür. Es sind Klänge, die tönen, wie in einem kleinen Raum gespielt. Oder Melodien, die die Weite einer Landschaft vertonen. Zauberhafte Musik. Feenhafte. «Wie eine Implosion», so habe mal jemand ihre Musik beschrieben. «Dieser Vergleich gefällt mir», sagt Miccichè.

Mit Effekten Räume nachbauen

Iokoi. Eine Kreation, ein Wortgebastel. Eine Kunstfigur. Iokoi ist kein fixes Gefäss, die Zusammenstellung der Musiker ändert von Mal zu Mal. «Die einzige Fixkomponente bin ich», sagt Miccichè. Mal besteht Iokoi nur aus Mara Miccichès Gesang begleitet von der Kalimba, mal spielt die ganze Band mit Schlagzeug, E-Bass, Wersi Pianostar und Orgel, alles gehörig mit Effekten durchmischt.

Die Effekte sind das Spezielle an Iokoi. «Ich baue mit den Effekten imaginäre Räume nach, setze Text und Musik in die gefühlte Landschaft», sagt Miccichè. Sie versuche, die Vorstellung eines Klangbildes nachzubilden. Weite beispielsweise stellt sie mit Hall dar, das gibt Tiefe. «Oder ich will, dass die Klänge so tönen, als wären sie in Watte eingepackt», erklärt Miccichè und lacht. Manchmal würden ihr die Worte fehlen, um zu beschreiben, was genau sie wolle.

Räume werden aber nicht nur nachgebaut, sondern auch gezielt ausgesucht, um in ihnen zu spielen. Es sind Räume mit einer starken Eigendynamik, die sich Iokoi für die Tour ausgesucht hat. Ein altes Kino, beispielsweise. Oder ein Fabrikgebäude. Oder eben eine Kapelle, wie die in Dietikon. «Iokoi spielt nicht überall, es ist sehr raumabhängig. In einem Pub würde meine Musik untergehen, nicht wirken», sagt Miccichè. Auch vermeidet sie, auf einer Bühne zu spielen. «Ich spiele meist auf dem Boden, am liebsten inmitten des Publikums.»

Ein Gefühl mitteilen

Wo holt sich Miccichè die Inspiration her? «Beispielsweise beim Lesen eines Buches. Oder vielleicht sagt jemand etwas, das mich beschäftigt, das ich weiterspinne.» Sie versuche, keine Geschichten über sich selbst zu erzählen. «Iokoi ist nicht ich», sagt Miccichè. Es gehe nicht um sie als Privatperson, nicht um ihre Erlebnisse. Sondern ein Gefühl, das sie in diesem Moment mitteilen möchte. «Ich male ein Bild und übersetze es in Musik.» Iokoi tönt auch nie gleich, die Melodien sollen interagieren mit dem Raum und dem Publikum.

Diesen Sommer will Miccichè in einer Kirche auf Sizilien Aufnahmen machen. Ganz allein, ohne Band. «Ich weiss noch nicht, was entstehen wird. Aber ich will das auch ganz bewusst offen lassen.» Mit den Aufnahmen will sie einen Punkt in ihrem Schaffen fixieren. «Ich möchte versuchen, die Lieder festzuhalten. In zwei Jahren kann das Gefühl für die Lieder verschwunden sein.»