Schlieren
Mann fährt mit 95 statt 60 km/h – er schiebt die Schuld seiner Schwester zu

Ein Mann wehrte sich gegen den Vorwurf, auf der Bernstrasse in Schlieren viel zu schnell unterwegs gewesen zu sein. Der 51-Jährige hat das Dietiker Bezirksgericht aber mit keiner seiner verschiedenen Versionen der Geschichte überzeugt.

Louis Probst
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Das Dietiker Bezirksgericht hat einen Autofahrer wegen fahrlässiger Verletzung von Verkehrsregeln verurteilt.

Das Dietiker Bezirksgericht hat einen Autofahrer wegen fahrlässiger Verletzung von Verkehrsregeln verurteilt.

Themenbild: Keystone

Vor Gericht gibt sich der Mann unschuldig; an jenem Abend im Juli 2020, kurz vor elf Uhr, sei nichts Aussergewöhnliches passiert, will er dem Gericht vermitteln. «Die Polizei ist hinter mir hergefahren und hat mich angehalten. Ich dachte, das sei eine ganz normale Kontrolle.» Das war es aber nicht. Gemäss den Erkenntnissen der Polizei hatte der 51-jährige Mann, ein Iraner mit britischem Hintergrund, mit seinem weissen Auto einer bayrischen Edelmarke einige hundert Meter vorher eine Radarkontrolle passiert – mit satten 95 statt den auf der Bernstrasse in Schlieren signalisierten 60 Kilometern pro Stunde. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln. Sie forderte eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 40 Franken sowie eine Busse von 450 Franken. Alles unter Kostenauflage.

«Ich war schockiert, als mir die Polizisten sagten, dass ich zu schnell gefahren sei», erklärte der Beschuldigte, der als Fahrer für einen internationalen Fahrdienst tätig ist, in der Befragung durch Bezirksrichter Benedikt Hoffmann. Er habe gegenüber den Polizisten zuvorkommend sein wollen. Deshalb habe er auf alle Fragen nur mit «Ja, Ja» geantwortet.

«Zu Hause begann ich dann, über die rechtlichen Konsequenzen nachzudenken», führte der Beschuldigte vor Gericht aus. Er stellte sich vor, dass er arbeitslos sei, dass seine Existenz ruiniert sei. Da habe er die Polizei angerufen, um seine Aussage zu ändern. «Aber man sagte mir, dass das schon zu spät sei.» Der Mann wollte der Polizei erklären, dass er gar nicht hinter dem Steuer gesessen habe, als die Radarfalle zugeschnappte. Denn seine Schwester sei gefahren. «Sie ist aber, kurz bevor ich angehalten wurde, ausgestiegen, weil wir uns gestritten hatten.»

«Ich bin einer der besten Fahrer in der Schweiz»

Auf das hartnäckige Nachhaken des Richters zur Person der Schwester – die offenbar in England lebt –, nach dem Hintergrund für den Streit und zum Anruf bei der Polizei meinte der Beschuldigte: «Weshalb konzentrieren Sie sich nicht auf die Fakten, sondern auf meine Schwester?» Das Video der Polizei zeige weder ein Nummernschild noch sein Gesicht. Man sehe nur ein weisses Auto. «Weshalb kann es nicht sein, dass auch die Polizei einmal falsch liegt? Ich habe keinen Grund, schnell zu fahren. Ich bin einer der besten Fahrer in der Schweiz, wenn nicht der beste.»

Gewissermassen als weitere Verteidigungsstrategie versuchte der Beschuldigte, ein zweites weisses Auto ins Spiel zu bringen. Dieser Wagen habe den Radar zu schnell passiert, sei dann aber in eine der in die Bernstrasse einmündenden Nebenstrassen abgebogen. Somit habe die Polizei das falsche weisse Auto verfolgt und angehalten. Dazu verwies der Richter jedoch auf die Aussage eines Zeugen, wonach eine Verwechslung nicht möglich sei. Der Beschuldigte musste sich auch vorhalten lassen, dass er diesen Zeugen angerufen hatte, um ihn möglicherweise zu beeinflussen. Dazu meinte er: «Das muss ein Missverständnis sein. Das lag an meinem Deutsch.»

Die Polizei habe nicht genügend Beweise, machte der Beschuldigte geltend. «Wenn die Polizei ehrlich ist, muss sie sagen, dass sie nicht sicher ist.»

Das Gericht sprach den Beschuldigten am Ende der fahrlässigen Verletzung von Verkehrsregeln schuldig und verurteilte ihn zu einer Busse von 1500 Franken. Zudem muss er Kosten von rund 3000 Franken tragen. «Das Gericht ist überzeugt, dass der Sachverhalt gemäss Anklage erwiesen ist», sagte Bezirksrichter Hoffmann. Die Aussagen der Polizei seien logisch. Es gebe keinen Grund zur Annahme, dass die Polizei da etwas konstruiert habe. Die Aussagen des 51-Jährigen waren für das Gericht hingegen nicht stimmig: «Die Story des Beschuldigten von einem zweiten weissen Auto würde vom Timing her gar nicht aufgehen. Auch die Story mit der Schwester geht einfach nicht auf.»

Zur Qualifizierung der Verletzung der Verkehrsregeln stellte Hoffmann fest, dass bei einer derartigen Übertretung der signalisierten Höchstgeschwindigkeit zwar grundsätzlich von einer groben Verletzung auszugehen sei. Hier liege jedoch ein Grenzfall vor. Es gebe viele erleichternde Momente. Man wisse auch nicht, wie lange der Geschwindigkeitsexzess gedauert habe. Zu Gunsten des Angeklagten sei davon auszugehen, dass es sich allenfalls nur um wenige Sekunden gehandelt haben könnte. Das Gericht gehe daher von Fahrlässigkeit aus. Jedoch liege ein erhebliches Verschulden vor.

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