Populäres Kulturgut
«Manchmal ist es schön, in eine heile Welt flüchten zu können» – oder warum der Jodel die Limmattaler fasziniert

Die Dietiker Stadtjodler sind bereit für ihren grossen Jodelabend. Sie beweisen auch, dass Jodeln Jung und Alt begeistern kann: Walti Bolfing (80), der Älteste im Verein, und Kevin Steffen (30), der Jüngste, erklären warum.

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Populäres Kulturgut Jodeln
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Die Dietiker Stadtjodler sind bereit für ihren grossen Jodelabend.

Populäres Kulturgut Jodeln

Anina Gepp

Es wird so richtig urchig in Dietikon: Am 9. April findet der traditionelle Jodlerabend in der Stadthalle statt. Mit Walti Bolfing (80) und Kevin Steffen (30) singen bei den Stadtjodlern zwei Mitglieder, die einen Altersunterschied von 50 Jahren vorweisen. Während der Ältere auf dem Land mit Ländlermusik gross geworden ist, wuchs der Jüngere in stadtnaher Umgebung und mit modernen Klängen auf. Was sie verbindet, erklären sie im Gespräch mit der Limmattaler Zeitung.

Der Jodelgesang handelt von einer noch heilen Welt, besingt Alpenblumen und Sonnenaufgänge. Passt das noch in die heutige Zeit?

Walti Bolfing: Wenn man die Blumen noch beim Namen kennt, schon, ja (lacht).

Kevin Steffen: Popmusik besingt ja auch nur Liebe und Herzschmerz. Bei der Jodelmusik ist es eben die Natur und die Einfachheit des Lebens. So bedient jedes Genre seine Klischees. Wenn man die Liedertexte aber studiert, haben sie viel Stimmiges, das sowohl auf frühere Zeiten sowie auf das Hier und Jetzt zutrifft.

Wenn wir schon von Klischees sprechen: Schweizer Volksmusik wurde lange mit einer bürgerlichen Einstellung in Verbindung gebracht. Ist dem so?

Steffen: In ländlichen Klubs entspricht dieses Klischee sicher oftmals der Wahrheit. Hier in Dietikon ist das aber nicht der Fall. Hier sind die Menschen offener. Wir lesen alle die Zeitung, wir verschliessen uns der Welt nicht. Und doch ist es manchmal auch schön, für zwei Stunden in eine heile Welt flüchten zu können.

Bolfing: Ich sehe das ähnlich. Leider ist es tatsächlich so, dass der Jodlerklub von jungen Menschen gemieden wird, weil die Musik mit so vielen Klischees in Zusammenhang gebracht wird. Viele Leute denken, wir seien alles Bauern. Ich mag Tiere zwar auch gerne, deswegen bin ich aber noch kein Landwirt.

Interessant ist, dass auf der anderen Seite das Gesellige heute wieder an Beliebtheit gewinnt. Das Schwingfest beispielsweise wird regelrecht überlaufen. Kann das auch der Schweizer Volksmusikszene geschehen?

89 Jahre ist der Verein der Dietiker Stadtjodler alt.

Er wurde 1927 gegründet und hat den Ruf zu den besten der Region zu gehören. Als Präsident amtet Franz Vogel aus Aesch und Ruth Matter-Riedi steht als Dirigentin am Pult. Die Mitglieder treffen sich jeden Mittwoch im Alters- und Gesundheitszentrum Dietikon zum Proben. Den traditionellen Jodlerabend veranstaltet der Verein seit über vierzig Jahren in der Stadthalle. Vor zwei Jahren wurde allerdings darüber nachgedacht, den Ort der Miete wegen zu wechseln. Eine Einigung mit der Genossenschaft der Stadthalle sowie der Unterstützung der Stadt konnte dies verhindern.

Wagen Sie einen Ausblick in die Zukunft: Nächstes Jahr feiert der Klub sein 90-Jahre-Jubiläum, wie geht es für die Stadtjodler weiter?

Bolfing: Zurzeit haben wir eine gute Dirigentin. Was geschieht, wenn sie den Job einmal nicht mehr macht, ist schwierig zu sagen.

Steffen: Ich bin in diesem stadtnahen Umfeld aufgewachsen und weiss daher, dass es schwierig ist, neue junge Mitglieder zu akquirieren. Ich bin schon froh, akzeptiert mein Umfeld, dass ich Mitglied der Stadtjodler bin. Zum Singen will ich aber niemanden überreden.

Und weshalb nicht?

Steffen: Das liegt nicht einmal daran, dass sie nicht singen könnten. Denn jeder kann singen lernen. Ich hätte nie gedacht, dass ich so viele Fortschritte mache. Es gibt mittlerweile aber solch ein Überangebot an Vereinen, da sind andere Klubs für junge Menschen einfach attraktiver.

Bolfing: Ich bin da nicht ganz einverstanden. Bestimmt kann jeder singen lernen, ja. Eine gewisse musikalische Grundbegabung muss aber schon vorhanden sein. Bis ein Lied perfekt stimmig mitgesungen werden kann, braucht es fast ein Jahr Zeit.

Als der Jodelklub Dietikon gegründet wurde, waren Sie neun Jahre alt, Herr Bolfing. Hat damals das Jodeln schon eine Rolle gespielt in Ihrem Leben?

Info

Der Jodlerabend der Dietiker Stadtjodler findet am 9. April um 19.30 Uhr in der Dietiker Stadthalle statt. Tickets gibt es im Vorverkauf bei der Buchhandlung Scriptum oder direkt an der Abendkasse.

In Ihrer Jugend, Herr Steffen, standen doch eher Bon Jovi oder Britney Spears hoch im Kurs. Wie kommt es, dass Sie heute in einem Jodelklub mitsingen?

Steffen: Schon als Kind mochte ich Musik. Nur war ich nie der Geduldige, der gerne und gut Instrumente erlernte. Deshalb lag mir das Singen mehr. Ich sang also in verschiedenen Chören und wurde vor drei Jahren von einem ehemaligen Mitglied überredet, eine Schnupperstunde bei den Stadtjodlern zu besuchen.

Hören Sie privat auch gerne Jodlermusik?

Steffen: Ich habe mir früher nie etwas aus Volksmusik gemacht. Und so höre ich auch heute noch im Alltag eher gerne moderne Lieder.

Bolfing: Ich höre gerne Ländlermusik. In der Innerschweiz, wo ich aufgewachsen bin, ist das gang und gäbe.

Zwischen Ihnen beiden liegen 50 Jahre Altersunterschied. Gibt es etwas, das Sie dennoch gemeinsam haben?

Steffen: Wir teilen sicher die Freude an der Musik. Zudem sind wir beide ziemlich unkompliziert.

Bolfing: Das stimmt. In der ganzen Jodlerszene ist man beispielsweise per Du. Wir helfen einander und sind sehr kollegial.

Und wie lässt sich das Zusammenleben im Klub beschreiben?

Steffen: Mir als Jüngstem kommt es manchmal so vor, als hätte ich 20 Grossväter dazugewonnen. Das ist doch toll (lacht).

Bolfing: Man besucht auch gemeinsam Jodlerabende, es findet sich immer jemand, der mitkommt. Man ist also nie alleine, die Geselligkeit ist uns wichtig.

Was gibt Ihnen das Singen?

Steffen: Das Singen gibt mit Genugtuung. Nach der Arbeit bin ich oft unruhig, wenn ich aber singen kann, ist das verschwunden.

Bolfing: Schön ist auch, dass man immer auf ein Ziel hinarbeitet, wie beim bevorstehende Jodlerabend. Im Herzen hat man diese Lieder zwar schnell drin, sie wiederzugeben ist aber um einiges schwieriger. Es dauert oft Stunden, bis jeder Ton sitzt.

Das klingt nebst Freude auch nach viel Disziplin, die man mitbringen muss. Fühlen Sie sich vorbereitet für den grossen Auftritt am 9. April in der Stadthalle?

Bolfing: Man kann sich immer noch verbessern, aber wir sind bereit. Wir üben schliesslich auch intensiv.

Steffen: Bestimmt. Jeder, der am 9. April nicht in der Stadthalle ist, verpasst etwas (lacht).