Er kann sich noch genau erinnern. Sein erster Monatslohn betrug 265 Franken – ein Erfolg auf ganzer Linie. Es war im Frühjahr 1937, als Leo Niggli, geboren am 16. Juli 1914 in Balsthal im Kanton Solothurn, seine erste Stelle bei der Eidgenössischen Konstruktionswerkstätte in Thun antrat. Nach der Ingenieursausbildung ging er selbstbewusst in die Lohnverhandlungen. «Der Direktor wollte mir nur 200 Franken geben, ich verlangte aber 300», erzählt er.

Aufgrund seiner Erfahrung und dank seiner exzellenten Noten einigte man sich auf den Kompromiss. So war es ein Leichtes, die Miete seines Zimmers, immerhin 30 Franken, bei seiner Schlummermutter zu bezahlen. Die Episode ist ein frühes Beispiel dafür, wie Niggli seines eigenen Glückes Schmied war – aber nicht nur.

Am Sonntag feierte Leo Niggli seinen 103. Geburtstag. Er blickt zurück auf ein Leben voller ereignisreicher Jahre. «Man kann mit mir über alles reden, schliesslich wird man nicht alt, sondern nur älter», so Niggli. Seit 1953 lebt er mit seiner zweiten Frau Alice in Weiningen. Mit der Gemeinde ist er seither untrennbar verbunden; man prägte sich gegenseitig. Im Ort gilt er als «lebendes Lexikon», als erste Adresse für Fragen zur Weininger Geschichte – 3500 Jahre, die Niggli 2005 in einer Chronik zusammenfasste. «Die Arbeit dauerte 15 Jahre», sagt er. Sein Werk erfüllt nicht nur ihn mit Stolz. Die Gemeinde benannte auch einen Weg nach dem Chronik-Autor: den Leo-Niggli-Steig.

Als freier Journalist tätig

Es ist gerade diese Liebe zum Schreiben, die den Jubilar nicht nur in Weiningen, sondern im ganzen Limmattal bekannt machte. Obwohl bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1979 bei der Firma Siemens AG tätig, war er neben seinem «ordentlichen Berufsleben», wie er es nennt, als freier Journalist tätig. Sein erster Artikel erschien am 18. Januar 1956 im Limmattaler Tagblatt. Der Text über eine Gemeindeversammlung wurde nicht nur dort, sondern auch in der «NZZ» veröffentlicht. Bald schrieb Niggli auch noch für den «Tages-Anzeiger».

«Während 55 Jahren verfasste ich für die Zeitungen 6450 Berichte mit 3200 eigenen Bildern», so Niggli. Daraus entstand ein 64 Ordner umfassendes Archiv, das er vor fünf Jahren der Gemeinde übergab. Er dokumentierte noch vieles mehr, darunter die Schriften «50 Jahre TV Weiningen» und über das Schlössli Weiningen. Seine letzte Arbeit war die Schrift «100 Jahre Frauenverein Weiningen», die vor zwei Jahren erschienen ist.

Das Geheimnis seines Alters

Niggli erwies sich als Säule der Gesellschaft, wie seine vielen Titel, Aufgaben und Ämter beweisen. So war er von 1955 bis 1970 Gemeinderat in Weiningen, Präsident der Kreismusik Weiningen und Vorstandsmitglied der Schützengesellschaft der Stadt Zürich. «Das aktive Teilnehmen am Leben ist das Geheimnis meines Alters», sagt Niggli. Er habe aber auch sehr viel zu danken. «Ich hatte so viel Glück in meinem Leben.»

Dennoch war auch er nicht gegen einen Schicksalsschlag gefeit. Seine erste Frau Maria starb 1947; Tochter Rosmarie war erst acht Jahre alt. «Eine schwierige Zeit. Rosmarie lebte während der Woche bei einem befreundeten Paar, kam aber am Wochenende zu mir» erinnert er sich. Ein Jahr später veränderte eine Zugfahrt von Olten nach Zürich alles. «Mir gegenüber sass eine junge Dame, die sich rührend um Rosmarie kümmerte.» Bei der Billettkontrolle merkte sich Niggli dank dem Abonnement der Frau ihre Adresse und lud sie telefonisch zu einem Theaterbesuch ein. Die Dame im Zug war Alice Hofer, mit der er erneut den Bund fürs Leben im Juli 1948 schloss.

Mittlerweile sind sie der Mittelpunkt einer grossen Familie. Aus der Ehe mit Alice stammen noch die vier Töchter Brigitte, Ruth, Regula und Esther sowie Sohn Urs. Fünf Enkel und ein Urenkel gesellen sich dazu. Und sie haben viel zu feiern: Vor zwei Wochen heiratete seine Enkelin Eliane, und am Sonntag dominierte der 103. Geburtstag des Familienoberhaupts den Tag.

Nach dem Besuch der Messe in der katholischen Kirche in Geroldswil wurde die beliebte Cremeschnitte aufgetischt, die eine Freundin aus Weiningen für Leo Niggli an jedem Geburtstag selbst herstellt. Und vieles soll in der Zukunft noch folgen; die Agenda von Niggli ist weiterhin gut gefüllt.