Schlieren

Unmut im Kleintiergehege: «Man warf mit Steinen nach den Ziegen»

Das beliebte Kleintiergehege an der Freiestrasse in Schlieren soll weg. Die freiwilligen Seniorinnen, die die Tiere pflegen, blicken zurück auf eine bewegte Zeit.

Maja ist die schreckhafteste der drei Ziegen. Sie galoppiert stets in die Ferne, wenn ein Fremder das Gehege an der Schlieremer Freiestrasse betritt. Coci und Bruna – so die Namen der beiden anderen Tiere – sind ebenfalls schüchtern und verziehen sich hinter die Stallung. Nur zu Denise Holzer und Irmgard Kreis fassten die Tiere Vertrauen. Die beiden Schlieremerinnen kümmern sich seit Jahrzehnten um die Bewohner im stadtbekannten Gehege vis-à-vis dem Stürmeierhuus. Die Tage der Anlage sind jedoch gezählt. Das Gehege, das seit den 1980er-Jahren besteht, soll rückgebaut werden. Die drei Ziegen sowie zahlreiche Hühner und Kaninchen kommen allesamt in einen Gnadenhof im Kanton Luzern.

«Dass bald Schluss sein wird, zeichnete sich schon seit längerem ab», sagt Holzer. Bereits im Sommer hätten Vertreter der Stadt angedeutet, dass das Tiergehege nicht weitergeführt werden würde. Holzer verrichtet die Putzarbeiten sowie die Fütterung ehrenamtlich, Kreis erhält eine bescheidene Entschädigung. Jeden Morgen gegen sechs Uhr kümmert sie sich um die Tiere, lässt sie ins Freie und putzt die Ställe. Am Nachmittag um kurz vor 16 Uhr kehren sie und Holzer zurück, um das Gehege erneut zu reinigen, die Tiere zu füttern und sie über die Nacht wieder in den Stall zu schliessen. Heu und Stroh lässt die Stadt liefern, das Frischfutter wird nach Aufwand abgerechnet oder durch das Eiergeld gedeckt. «Der Stadt ist wohl bewusst, dass sich niemand finden lassen würde, der diese Aufgabe unentgeltlich machen würde. Wie lange wir, die beide im fortgeschrittenen Seniorenalter sind, dazu noch im Stande sind, steht in den Sternen», sagt Holzer. Kreis füttert derweil die Hühner. Nur ihre altrosa Winterjacke und ihr Haarschopf schauen hinter der Holzbaracke hervor.

Leider sei es in der heutigen Zeit nicht mehr möglich, Tiere tagsüber unbeaufsichtigt zu lassen.

Leider sei es in der heutigen Zeit nicht mehr möglich, Tiere tagsüber unbeaufsichtigt zu lassen.

Mit zackigen Handbewegungen schneidet Holzer eine Karotte in kleine Stücke und wirft sie in eine der drei Postkisten, die als Futtertrog dienen. Sie gräbt in einer Tasche und holt einen Lattich hervor, von dem sie einige Blätter klein schneidet und auf die drei Behälter verteilt. Nachdem sie ein bisschen Getreide und Futterpellets zugefügt hat, blickt sie auf die überschaubaren Portionen und sagt: «Davon setzen die Tiere sicher keine überschüssigen Kilos an.» Die Bäuche der Ziegen weisen aber einen besorgniserregend grossen Umfang auf. «Auch wenn ein Fütterungsverbot auf mehreren Schildern ausgewiesen ist, halten sich viele Besucher nicht daran und geben den Tieren viel zu viel Brot.»

Das ist nicht die einzige Gefahr, die von den Besuchern ausgeht. Es komme oft vor, dass die Tiere geplagt würden. 

Leider sei es in der heutigen Zeit nicht mehr möglich, Tiere tagsüber unbeaufsichtigt zu lassen.

Wann das Gehege rückgebaut werden soll, steht noch nicht fest. In seinem Beschluss zur Räumung von Ende Dezember schrieb der Stadtrat aber, dass man den April für die Arbeiten anvisiere. Nebst dem, dass die Gebäudeteile am Ende der Lebensdauer angekommen seien, habe sich der Betrieb des Geheges zunehmend schwieriger gestaltet. «Nicht zuletzt auch, weil regelmässig Tiere aus privater Haltung ins Gehege ausgesetzt werden», schreibt der Stadtrat. All dies habe auch zu Problemen im Bereich des Tierschutzes geführt.

Für den Rückbau der Anlage, die auf einem Zivilschutzkeller erstellt ist, rechnet die Stadt mit Kosten von rund 80000 Franken. Ein Betrag, der im Rahmen der Budgetdebatte im Parlament von Dezember beinahe gestrichen worden wäre. Denn Gemeinderat Thomas Widmer (Quartierverein) forderte, ein Jahr mit dem Rückbau zuzuwarten und eine neue Lösung für die Tierversorgung an diesem Standort zu finden. «Einen solch traditionellen Ort darf man nicht ausradieren», sagte Widmer damals. SVP-Gemeinderat Thomas Grädel schlug vor, wieder Freiwillige zu suchen, die die Pflege übernehmen würden.

«Mit Ihrer beantragten Streichung des Budgetpostens bewirken Sie keineswegs den Erhalt der Tiere hier in Schlieren, sie kommen so oder so in den luzernischen Gnadenhof», sagte die Finanz- und Liegenschaftsvorsteherin Manuela Stiefel (parteilos). Es würde nur für ein Jahr eine Ruine im Herzen Schlierens entstehen. Dieses Argument überzeugte den Rat, mit 31 zu 2 Stimmen lehnte er danach den Antrag ab.

Die drei Postkisten legt Holzer einzeln in die Abteile des Stalls und ruft anschliessend Coci zu sich. Von ihren vorherigen Besitzern sei sie so benannt worden, weil ihr Fell beim richtigen Sonneneinfallswinkel genau wie das Süssgetränk schimmere. Die Seniorin schliesst die Holztür, nachdem Coci ihren Kopf im Futter vergraben hat. Nachdem auch Bruna ins Nachtquartier gelotst wurde, ist nun Maja an der Reihe. Sie versteckt sich jedoch noch hinter der Scheune, da sich mit dem Schreibenden ein Unbekannter im Gehege befindet. «Sie fürchtet sich vor Menschen. Es wird nun eine Weile dauern, bis sie sich in den Stall traut», sagt Holzer, nimmt einen Besen in die Hand und beginnt den Vorplatz zu fegen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1