Schlieren
«Man muss sich nicht dafür schämen»

Gabriela Reichmuth ist Sozialarbeiterin bei der Pro Senectute in Schlieren und berät von Altersarmut betroffener Menschen.

Katja Landolt
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Frau Reichmuth, ab wann gilt jemand als arm?

Gabriela Reichmuth: Der Gesetzgeber hat dies für AHV- und IV-Bezügerinnen und -Bezüger definiert. Wer unter dem Existenzminimum leben müsste, kann Ergänzungsleistungen beziehen. Diese legen somit die Höhe des Existenzminimums fest. Wobei nicht alle Leute, die Anrecht darauf hätten, diese letztlich auch in Anspruch nehmen.

Warum nicht?

Es gibt eine grosse Dunkelziffer von Menschen, die versuchen, mit ihrem bescheidenen Einkommen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und nicht wissen, dass sie eigentlich unterhalb des Existenzminimums leben und darum Anrecht auf Ergänzungsleistungen hätten. Viele Leute warten auch viel zu lange darauf, sich bei einer Beratungsstelle zu melden, um zu schauen, was sie sozialversicherungsrechtlich für Möglichkeiten haben.

Wohl spielt auch die Hemmung eine wichtige Rolle.

Richtig. Viele ältere Menschen setzen Ergänzungsleistungen gleich mit Sozialhilfe oder schlichtweg mit Almosen oder Betteln. Und das wollen sie nicht. Das ist dann die Aufgabe der Sozialberatung, ihnen aufzuzeigen, dass das ein gesetzlich verankertes Bedarfsrecht ist, weil sie schon ein Leben lang AHV- und IV-Beiträge bezahlt haben. Man muss sich nicht dafür schämen, Ergänzungsleistungen zu beziehen.

Was genau ist die Ergänzungsleistung?

Die Ergänzungsleistungen garantieren, dass das Existenzminimum abgedeckt ist. Darauf besteht ein rechtlicher Anspruch. Die Ergänzungsleistungen decken den Lebensbedarf ab, einen Teil der Krankenkasse und einen Teil der Miete. Bei Alleinstehenden beläuft sich dieser auf 19050 Franken pro Jahr beziehungsweise 1587.50 Franken pro Monat. Bei Ehepaaren sind es 28575 Franken pro Jahr oder 2381.25 Franken pro Monat. Diese Sätze gelten schweizweit.

Wann hat man Anrecht auf Ergänzungsleistungen?

Den anerkannten Ausgaben werden die Einnahmen, also AHV, ein Vermögensanteil und weitere Einkommen gegenübergestellt. Sind die Einnahmen kleiner als die gesetzlich festgelegten Ausgaben, hat man Anrecht auf Ergänzungsleistungen.

Das Beispiel von Herrn Felber zeigt, dass er mit knapp 3400 Franken im Monat leben muss. Das scheint auf den ersten Blick nicht als wenig. Es gibt Menschen, die mit 1000 Franken mehr eine Familie ernähren müssen.

Der grosse Betrag täuscht. Einzelpersonen werden beispielsweise maximal 1100 Franken an die Miete angerechnet. Hat eine Einzelperson eine Wohnung, die 1600 Franken kostet, geht die Differenz von 500 beim Lebensbedarf ab. Dann bleiben zum Leben noch 1000 Franken. Ältere Menschen, die in günstigem Wohnraum wohnen können, haben einen grossen Vorteil. Die anderen, die Ergänzungsleistungen beziehen, aber eine teurere Wohnung haben, müssen mit den gleichen Ergänzungsleistungen auskommen.

Günstiger Wohnraum ist aber zunehmend Mangelware.

In den letzten paar Jahren hat sich der Markt tatsächlich stark verändert. Es wird zunehmend schwierig, günstigen Wohnraum zu finden, insbesondere für ältere Menschen.

Nochmals zur Aufstellung zum Lebensbedarf (siehe Tabelle): Muss man darin monatlich 85 Franken für Einrichtungsgegenstände berücksichtigen? Das ist doch Luxus.

Es geht nicht nur um Einrichtungsgegenstände, sondern auch um die laufende Haushaltführung. Die Aufstellung ist nur ein Vorschlag, wie man sein Leben finanzieren könnte. Die Aufschlüsselung des monatlichen Betrags von 1587.50 Franken ist lediglich als Beispiel zu betrachten. Zudem sind die Steuern nicht in der Aufstellung enthalten, und diese können, je nach Gemeinde, gut und gerne 150 Franken oder mehr pro Monat betragen.

Herr Felber leistet sich trotz Armut ein Auto. Wie geht das auf? Muss er nicht da ansetzen und seine Ansprüche runterschrauben?

Wenn jemand ein Auto hat oder täglich in die Beiz geht, ist das seine Sache. Mehr als die 1587.50 Franken gibt es einfach nicht. Wenn er sich ein Auto oder ein Bier leistet, muss er anderswo sparen. Wie Menschen ihren Lebensbedarf aufteilen, ist ihre Entscheidung.

Herr Felbers Einkommen ist 200 Franken zu hoch, er bekommt keine Ergänzungsleistungen. Ist das ein Nachteil?

Das kann ein Nachteil sein. Häufig verfügen diese Personen über eine tiefere Kaufkraft als Bezügerinnen und Bezüger von Ergänzungsleistungen, zudem müssen sie höhere Steuern bezahlen. Wer Ergänzungsleistungen erhält, kann ungedeckte Krankheits- und Behinderungskosten geltend machen. Das heisst: Franchisen und Selbstbehalt bei der Krankenkasse werden bis zu einem Betrag von 1000 Franken pro Jahr zusätzlich vergütet, nebst den Ergänzungsleistungen. Auch andere ungedeckte Krankheitskosten bis zu 25000 Franken werden übernommen.

Das ist ein stolzer Betrag.

Nur auf den ersten Blick. Würde das von den Ergänzungsleistungen nicht bezahlt, müssten viele Personen ins Heim eintreten, was den Staat und die Krankenkasse deutlich mehr kosten würde. Auch entspricht eine Heimeinweisung aus finanziellen Gründen nicht dem Willen der Betroffenen.

Herr Felber ist in die Armut gerutscht, weil er mit 60 Jahren entlassen wurde und sich vorzeitig pensionieren liess. Was sind andere Gründe, weshalb Menschen in die Altersarmut rutschen?

Einer der Gründe ist, dass die 2. Säule häufig nicht ausreichend oder gar nicht vorhanden ist. Im weiteren wird die Pensionskasse manchmal bei Eintritt der Pensionierung ausbezahlt. Im Moment kommen viele Leute in das Rentenalter, die nichts als die AHV haben. Für diese Generation hat man das Ergänzungsleistungsgesetz geschaffen. Die AHV-Maximalrente für einen Alleinstehenden beträgt 2360 Franken, das reicht nicht zum Leben. Viele Gründe sind auch lebensgeschichtlich bedingt, beispielsweise durch eine Scheidung oder eine Krankheit.

Ein grosser Teil ist wohl auch Unwissenheit, beispielsweise, dass die AHV bei einer Scheidung gesplittet wird.

Die Unwissenheit ist ein wichtiger Punkt: Die Leute müssten sich vorzeitig Gedanken darüber machen, was nach der Pensionierung passiert. Bis zu diesem Zeitpunkt verdient man Geld, gibt es aus, hat noch einen 13. Monatslohn. Das fällt nach der Pensionierung alles weg. Das ist eine neue Situation, mit der man lernen muss, umzugehen. Die Leute darauf zu sensibilisieren ist eine wichtige Aufgabe. Viele Leute machen sich im Vorfeld zu wenig oder gar keine Gedanken. Dann kann es passieren, dass das Geld sehr schnell aufgebraucht ist.

Gibt es auch das Gegenteil?

Ja, es gibt Leute, die sich an ihrem Erspartem festklammern. Solche Menschen haben Hemmungen, ihr Geld auszugeben aus Angst, später zu wenig zu haben. Oft sind solche Verhaltensweisen lebensgeschichtlich geprägt.

Wann soll man anfangen, auf das Alter hin zu sparen?

Wenn man im Alter abgesichert sein will, kann man eigentlich nicht früh genug damit beginnen.