Das Limmattal muss sich definitiv nicht mehr verstecken: Es hat die siebthöchste Standortqualität der ganzen Schweiz - von insgesamt 110 Regionen. Das sagte Fabian Hürzeler, der für die Credit Suisse im Bereich Wirtschaftsresearch und regionale Analysen arbeitet, am Mittwochabend im Giardino Verde in Uitikon. Hürzeler sprach an der Generalversammlung der Standortförderung Limmattal über die Standortfaktoren der Region - und diese sind gemäss seinen Analysen ziemlich gut.

Bewertet werden im Vergleich der Credit Suisse die Steuerbelastungen für natürliche und juristische Personen, der Ausbildungsstand der Bevölkerung, die Verfügbarkeit von Hochqualifizierten sowie die verkehrstechnische Erreichbarkeit. Vor allem im letzten Bereich punktet das Limmattal enorm.

Gute Standortqualität kostet auch etwas

Das findet auch Victor Gähwiler, der als Gemeindepräsident von Uitikon und Gastgeber des Abends gleich selber auf dem Podium sass, das dem Referat von Hürzeler folgte. «Lage, Lage, Lage»: Mit diesen Argumenten würde er einen potenziellen Neuzuzüger von seiner Gemeinde überzeugen, sagte Gähwiler. Ob er auch den äusserst attraktiven Steuerfuss erwähnen würde, fragte Moderator Jürg Krebs, Chefredaktor der Limmattaler Zeitung. «Wenn wir eine gute Standortqualität wollen, dann müssen wir uns das auch etwas kosten lassen», antwortete Gähwiler. Er habe Mühe mit Leuten, die sinnvolle Investitionen ablehnten, nur weil sie den Steuerfuss nicht gefährden wollten.

Das «Überlaufbecken» der Stadt Zürich

Michael Hermann, Leiter der Forschungsstelle Sotomo, wies darauf hin, dass die beiden Seiten links und rechts der Limmat sehr unterschiedliche Standortqualitäten hätten: «Limmattal ist nicht gleich Limmattal.» So sei der Raum links der Limmat viel städtischer und biete ein viel grösseres Freizeitangebot und mehr Wohnraum, rechts von der Limmat überwiegten sogenannte «weiche Standortfaktoren». Auf beiden Seiten profitiere man von der Nähe zu Zürich. Dass man auch «das Überlaufbecken der Stadt» sei, müsse man nicht negativ bewerten. «Der Wunsch nach urbanem Leben ist eine Chance für die Region.» Man müsse das Limmattal als Teil der Metropolitanregion Zürich sehen und auch froh sein, dass man von dieser Anziehungskraft profitiere, so Hermann.

Ausserordentliche Qualität

Auch Balz Halter, Verwaltungsratspräsident der Halter Unternehmungen, strich die «ausgezeichnete Lage» des Limmattals hervor. «Ich habe immer gesagt, das Limmattal wird unter seinem Wert gehandelt», sagte er. Zudem habe das Limmattal sehr unterschiedliche Qualitäten: einerseits Urbanität, andererseits sehr schöne Naherholungsräume. «Das ist ausserordentlich.» Im Bereich Immobilien habe das Limmattal Potenzial, da mit dem Niedergang der Industrie grossartige Areale an bester Lage frei würden. Man könne ruhig sagen, dass «jeder blöd ist, der nicht ins Limmattal zieht», sagte Halter - und erntete dafür einige Lacher.

Brigitta Johner, Urdorfer FDP-Kantonsrätin, wehrte sich gegen den von Hermann verwendeten Ausdruck «Überlaufbecken»: Er sei ihr zu negativ. Sie wohne seit 30 Jahren «sehr gerne» im Limmattal. Urdorf habe sie gewählt, «weil wir wollten, dass unsere Kinder auf Bäume klettern können.» Das Limmattal biete zudem viel im Bereich Betreuung und Ausbildung: gute Krippen, Horte, Schulen, ein gutes Angebot an Lehrstellen und eine Kantonsschule, auf die sie sehr stolz sei.

Anonymität als Gefahr

Dass sich das Limmattal durch das Bevölkerungswachstum verändere, sorge sie nicht per se, sagte Johner. Doch sei es wichtig für die Lebensqualität, dass die Leute sichin der Gemeinde engagierten: «Die grösste Gefahr für mich ist Anonymität.» Zudem müsse man die Standortfaktoren fördern und entwickeln: «Man wird nicht glücklich, wenn man sich der Zukunft verweigert.»

Auch Gähwiler betonte, er schätze die Dynamik, die das Bevölkerungswachstum mit sich bringe. «Ich freue mich, dass ich Gemeindepräsident in einer wachsenden Gemeinde sein darf.» Für die Bevölkerung sei es aber nicht immer einfach, mit der Veränderung umzugehen: «Wir sind in einem Prozess.»

Nun kommen die Unbefangenen

Die Veränderung der Bevölkerung im Limmattal könne man in zwei Phasen unterteilen, sagte Hermann. Durch die «Seefeldisierung» in der Stadt Zürich seien in der ersten Phase eher die ärmere Schicht ausgewichen. Nun sei man aber in einer zweiten Phase, in der zunehmend qualifizierte Menschen ins Limmattal kämen, weil sie hierhin wollten. «Nun kommen viele Leute, die unbefangen sind.» Dies seien zwar zum Teil auch Ausländer, aber eher aus dem Norden, eher aus gebildeten Schichten. Heute sei der Ausländeranteil einer längst kein Indikator mehr für den sozialen Stand einer Region - denn auch am Zürichberg steige er aufgrund hoch qualifizierter internationaler Zuzüger. Vielmehr gebe ein hoher Ausländeranteil Auskunft darüber, wie urban eine Region sei.