Bauboom

«Man hörte, dass jemand Dietikon schlecht gemacht habe» – dieser Film erzürnte ein ganzes Dorf

Das Restaurant zum Neuen Bahnhof im März 1986 kurz vor dem Abriss.

Das Ortsmuseum zeigt einen Dok-Film über den Wandel Dietikons, der vor 30 Jahren umstritten war. Der Verursacher des Trubels war Roland Huber, der Filmemacher. Die Dietiker waren damit gar nicht zufrieden, denn der Film war ihnen zu negativ.

Dietikon war im Fernsehen – und das zur besten Sendezeit um 20.05 Uhr. Doch was die Dietikerinnen und Dietiker 1989 gebannt auf dem damals noch «DRS» genannten Kanal verfolgten, irritierte viele – oder erzürnte sie gar.

«Rundum war zu hören, dass da einer Dietikon schlecht gemacht habe», erinnert sich Regula Stauber, die Leiterin des Ortsmuseums. Von diesen kritischen Stimmen war Roland Huber, der den Dokumentarfilm «Requiem auf mein Dorf» gedreht hatte, nicht überrascht, wie er heute sagt. Denn: «Ich wollte ja zeigen, was im Argen liegt.»

Dietiker verlangten Aussprache

Nach der Ausstrahlung musste Huber bei einer Gruppe wichtiger Dietiker antraben: Dort sei er abgekanzelt worden, weil er nur Negatives gezeigt habe. Die Kritiker hätten ihm aber keinen inhaltlichen Fehler vorgeworfen. «Für sie war der einzige Fehler, dass ich den Film nicht über einen anderen Ort gedreht habe», sagt Huber schmunzelnd.

Am 25. Oktober 1989 flimmerte der Dokumentarfilm über die Mattscheibe.

Im knapp einstündigen Dokumentarfilm spürt der in Dietikon aufgewachsene Huber dem Wandel vom Bauerndorf in ein stadtähnliches Gebilde nach. Dabei lässt er im «Dorf» bekannte Exponenten, etwa den damaligen Stadtpräsidenten Hans Frei oder Alice Seiler, die Wirtin des abgerissenen Restaurants zum Neuen Bahnhof, zu Wort kommen.

Als dramaturgischen roten Faden bedient sich Huber dem Titel entsprechend dem Requiem: Er lässt im Film, der rund um das Dietiker 900-Jahr-Jubiläum entstanden war, das «Dorf» zu Grabe tragen. Die Festbeizen am Stadtfest wiesen für Huber beispielsweise einen «Leichenmahl-Charakter» auf, wie er 1989 in einem Interview mit der Limmattaler Zeitung sagte. Dieser Vergleich geriet einigen Einwohnern in den falschen Hals: Dietikon sei doch nicht tot, hielten in der Folge Leserbriefschreiber fest.

Für den Dokumentarfilmer war das «Leichenmahl», das neben der Trauer ebenfalls zu einem Requiem gehört, aber durchaus auch positiv besetzt: «Leute, die sonst nicht viel miteinander zu tun haben, setzten sich an einen Tisch, tranken und redeten miteinander.»

In seinem Film beleuchtet Huber insbesondere den Bauboom und dessen Folgen. Für den City-Bau mit der neuen Hauptpost wurde unter anderem das Haus abgerissen, in dem er selber seine ersten sechs Lebensjahre verbracht hatte. Sein Urgrossvater hatte das Chalet 1918 erstellt, das Bauland hatte er zuvor für 3 Franken pro Quadratmeter gekauft. 1956 wechselte es für 52 Franken den Besitzer, zehn Jahre später bezahlten die «PTT» 800 Franken dafür.

«Dorfleben» im Quartier möglich

Die Entwicklung vom Dorf zur Stadt stufte Huber – trotz seines filmischen Abgesangs – nicht nur negativ ein. Er wolle das Rad nicht zurückdrehen, führte er damals im Limmattaler-Interview aus. So hätten in den 1950er Jahren ja an der Gyrhaldenstrasse noch Leute in Baracken gewohnt, was nichts Lustiges gewesen sei.

Dennoch: «Die schönen Dinge, die ein Dorf ausmachen, die eine lebendige Gemeinschaft bedeuten, sind verloren gegangen, das stimmt mich schon traurig».

Dies sieht der ehemalige Limmattaler, der nun seit vielen Jahren in der Region Viamala im Kanton Graubünden lebt, noch heute so: «Neue Überbauungen sind nicht per se schlimm, und es muss ja auch nicht jedes alte Bauernhaus auf Teufel komm raus erhalten bleiben.»

Auch in einem neuen Quartier könne eine Gemeinschaft, eine Art Dorfleben entstehen. «Aber die Entwicklung muss stimmen – sonst geht die Seele verloren.»

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