Es war eine denkwürdige Versammlung der Oberstufenschulgemeinde Weiningen. Auf der Traktandenliste stand die Einführung eines neuen Oberstufenschulmodells. Schulpflege und Lehrerschaft setzten sich für die Dreiteilige Sekundarschule ein, die Mehrheit der anwesenden Stimmberechtigten votierte hingegen für die Gegliederte Sek. Die Behörde reagierte darauf mit einem Antrag auf Urnenabstimmung – und kam damit durch. An der Urne setzte sich die Schulpflege mit ihrem Vorschlag schliesslich deutlich durch.

«Es war eine eindrückliche Versammlung. Es kamen wesentlich mehr Stimmberechtigte als üblich. Einige mussten sogar stehen», erinnert sich die heutige Oberstufenschulpräsidentin Ingrid Donatsch, die damals als Vizepräsidentin amtete. Die Diskussion über die Oberstufenreform sei in der Kreisgemeinde – sie umfasst Unterengstringen, Weiningen, Geroldswil und Oetwil – äusserst emotional geführt worden. «Es gab eine grosse Opposition gegen unseren Vorschlag, entsprechend vorbereitet gingen wir in die Versammlung», sagt sie.

Nächsten Mittwoch steht wieder eine Kreisgemeindeversammlung auf dem Programm. Für Donatsch wird es eine spezielle werden. Denn nach fast 26 Jahren in der Schulpflege, davon 16 Jahre als deren Präsidentin, ist es ihre letzte Versammlung. Dass sie ebenso emotional werden wird, wie jene vom November 1998, ist nicht anzunehmen. Für Donatsch wäre es aber kein Problem. «Herausforderungen anzugehen, Aufgaben zu analysieren und dann Lösungen zu finden, hat mich all die Jahre fasziniert», sagt die Unterengstringerin. Deshalb sei sie auch so lange dabei gewesen. Zudem bringe einen ein solches Amt auch persönlich weiter. «Man hat viel mit Menschen zu tun, lernt viel, etwa Leute zu motivieren und bekommt dafür auch viel zurück», sagt Donatsch.

Viele Neuerungen

An Herausforderungen mangelte es in den zweieinhalb Jahrzehnten nicht. In Ingrid Donatschs Amtszeit fielen unter anderen die Einführung der geleiteten Schule oder der Schulsozialarbeit. Beides habe dazu beigetragen, die Schulpflege zu entlasten, sagt sie. «Durch die Schulleiter und die Schulsozialarbeit konnten wir uns immer mehr aus dem operativen Geschäft zurückziehen. Heute frage ich mich manchmal, wie wir das früher alles geschafft haben», sagt Donatsch.

So würde etwa die Organisation von Informationsabenden für Eltern von Sechstklassschülern, die an die Oberstufe wechseln, in die Verantwortung der Schulleitung fallen und nicht mehr in jene der Schulpflege. «Zudem erhalten wir Schulpfleger heute weniger Telefonate von Eltern als früher. Diese gehen nun an die Schulleitung», so Donatsch.

Das Schulleitermodell führt aber auch dazu, dass die Schulpfleger nicht mehr so oft in den einzelnen Klassen anzutreffen sind. «Früher mussten wir jeden Lehrer vier Mal im Jahr besuchen, heute geschieht dies nur noch ein Mal jährlich», sagt Donatsch. Das habe zur Folge, dass einen viele Schüler gar nicht mehr kennen würden. «In gewisser Weise hat dadurch der Kontakt zu den Klassen und Lehrpersonen nachgelassen. Deshalb ist es mir wichtig, an möglichst vielen Anlässen dabei zu sein», sagt sie. Erst vergangene Woche sei zum Abschluss einer Projektwoche ein ‹Märtfäscht› in der Schule veranstaltet worden. «Alle, Schüler, Lehrer und Eltern, waren so fröhlich. Solche Erlebnisse zeigen, dass das Team gut funktioniert und wir auf dem richtigen Weg sind», so Donatsch.

Neben der Einführung der Schulleitung habe auch jene der Schulsozialarbeit zu einer Professionalisierung in der Schule beigetragen. «Als ich in die Schulpflege gewählt wurde, waren Drogen und das Rauchen grosse Themen, inzwischen sind es Handys und Cybermobbing. Dank der Schulsozialarbeit haben wir nun seit über zehn Jahren eine Stelle, die durch ihr niederschwelliges Angebot Probleme schon früh angehen kann», sagt Donatsch.

Auch das habe zu einer Entlastung der Schulpflege beigetragen. Wobei nicht vergessen werden dürfe, dass der Grossteil der Schülerinnen und Schüler keine Probleme machen würde. Bei jenen Einzelfällen, etwa solchen die ständig Unruhe in eine Klasse brächten, sei man bestrebt, eine Lösung zu finden, die von allen Seiten getragen werde. Das sei zumeist auch gelungen.

Die gute Zusammenarbeit im Team sei mit ein Grund, dass sie in all den Jahren nie einen Wechsel in die Politik in Erwägung gezogen habe, sagt Donatsch. «An den Schulpflegesitzungen hatte ich nie das Gefühl, dass Politiker am Tisch sitzen. Es wurde stets sachlich diskutiert, und wenn man mit einem Anliegen nicht eine Mehrheit fand, wurde das akzeptiert», sagt sie. In der Politik müsse man sich stärker an der Parteilinie ausrichten. Gleichwohl war Donatsch all die Jahre Mitglied der FDP. «Durch eine Parteimitgliedschaft kommt man mit den politisch aktiven Leuten in der Gemeinde in den Kontakt. Das war mir stets wichtig», sagt sie.

Wandel der Sonderschule

Ein Anliegen ist ihr auch, dass möglichst alle Schüler nach dem Ende der Oberstufe eine Anschlusslösung finden. Gerade im Sonderschulbereich hätten sich diesbezüglich ganz neue Möglichkeiten ergeben in den letzten Jahren. «Als ich anfing, war die Sonderschule noch mit einem negativen Touch behaftet. Das hat sich durch die verschiedenen sonderpädagogischen Massnahmen gewandelt.

Allerdings müssen wir aufpassen, dass nicht zu hohe Ansprüche an die Schule gestellt werden», sagt Donatsch. Heute werde erwartet, dass möglichst für jedes Kind eine individuelle Schulbildung angeboten werde. «Wir sind diesbezüglich auf einem sehr hohen Niveau», sagt Donatsch. Ihr falle immer wieder auf, dass Kinder zu Hause derart verwöhnt würden, dass sie es nicht gewohnt seien mit Widerständen umzugehen. «Dann wird von der Schule erwartet, dass sie den Kindern die Probleme aus dem Weg räumt», sagt sie.

Donatsch ist überzeugt, dass die Oberstufe Weiningen gut aufgestellt ist, um die gestiegenen Ansprüche und die weiteren Herausforderungen erfolgreich zu meistern. Deshalb sei nun ein guter Zeitpunkt aufzuhören. Was sie mit der neu gewonnenen Zeit anfangen wird, weiss sie noch nicht genau. Sicher werde sie aber die Sitzungen und den Austausch mit ihren Kolleginnen und Kollegen sowie Schulleitung und Schulverwaltung vermissen.