Frau Schoch, können sich Geschäftsfrauen weniger gut inszenieren als ihre männlichen Konkurrenten?

Carole Schoch: Ich glaube nicht. In der Regel können sich Männer aber besser verkaufen, sie sind direkter. Frauen sind oft etwas zurückhaltend: Während ein Mann freimütig von seinen Erfolgen erzählt, erwähnt dies eine Frau beiläufig in einem Nebensatz. Wir wollen nun den Frauen Mut machen, das zu ändern. Sie sollen zu sich stehen und auch stolz auf ihre Erfolge sein. Denn: Häufig verkaufen sie sich unter ihrem Wert und ihren Leistungen.

Warum?

Oft fehlt ihnen der Mut. Gerade in der Wirtschaft müssen sich Frauen ohnehin stärker behaupten, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Hinzu kommt dann das noch immer vorhandene Rollenbild. Etwa wenn eine Frau schwanger wird.

Ist denn die Gründung von «Frau Buchstäblich» aus einem feministischen Antrieb heraus entstanden?

Nein überhaupt nicht. Es war so: Bevor wir den Blog gestartet haben, suchten wir ein interessantes Thema. Es gibt genügend Agenturen, die professionell über Social Media-Themen berichten. Da wollten wir nicht auch noch mitmischen. Letztlich kamen wir auf die Idee, Geschäftsfrauen zu porträtieren. Der Blog hilft uns nun, unseren anderen Kunden, etwa den KMU, anhand eines konkreten Beispiels zu zeigen, wie wir ihr Unternehmen vermarkten könnten. Wir verfolgen somit keine politische Absicht.

Sind Sie aber für eine Frauenquote?

Ganz ehrlich? Ich finde es schlimm, wenn es eine bräuchte. Ich möchte selber ja auch keine Frau sein, die aufgrund einer Frauenquote eingestellt worden ist. Wir sollten uns vielmehr durch Leistung auszeichnen. Aber: In der Schweiz sollte dennoch ein gewisses Umdenken stattfinden.

Inwiefern?

Wenn man Kinder hat und nebenbei arbeitet, sind besonders die Sommerferien ein Problem. Da fehlt es an sinnvollen Angeboten für die Kinder. Ich kenne bereits viele Paare, die ihre Sommerferien verschieben müssen.

In der Agentur seid ihr drei Frauen und alle haben Kinder. Wie funktioniert das?

In erster Linie sind wir gut organisiert. Dank der heutigen Technik kann man auch gut einmal von Zuhause aus arbeiten, und deshalb funktioniert das. Wenn es sein muss, kann man freinehmen und dafür am Abend noch etwas erledigen, wenn die Kinder schlafen. Das ist ja auch der Grund, weshalb sich viele Frauen als Kleinstunternehmerinnen selbstständig machen. Damit sie diese Flexibilität haben und dadurch Kinder und Karriere miteinander vereinbaren können.

Inwiefern helfen die Porträts von Geschäftsfrauen, um deren Karriere voranzutreiben?

In einem ersten Schritt wollen wir Geschäftsfrauen dazu sensibilisieren, dass sie überhaupt von ihrer Geschäftsidee erzählen. In einem zweiten geht es darum, sie mit guten Inhalten zu vermarkten. Gerade dank den sozialen Medien kann man mit geringem Aufwand einiges erreichen. Es gibt viele Frauen mit guten Geschäftsideen, von denen man aber noch zu wenig hört. Kürzlich haben wir über eine geschrieben, die eine Parfum-Bar eröffnet hat. Das kannte ich vorher nicht.

Nun habt ihr seit einem Jahr Frauen porträtiert. Hat es ihnen etwas gebracht?

Bestimmt. Wir haben viele positive Rückmeldungen erhalten. In einem der ersten Porträts schrieb meine Kollegin, Franziska von Aesch, über die Erfolgsgeschichte von drei Schneiderinnen aus Bern. Diese haben den Artikel ausgedruckt und an ihr Schaufenster geklebt. Die Kunden fanden das interessant und sprachen sie dann oft darauf an. Insofern hat allein das etwas gebracht. Und: Eine andere Frau hatte zuerst grosse Hemmungen, sich porträtieren zu lassen. «Über mich muss man nicht schreiben», sagte sie zuerst. Am Schluss gefiel es ihr. Wir versuchen jeweils, die Frauen in wenigen Worten treffend zu beschreiben. Die Porträts eignen sich dann besonders gut, um sie auf den Social-Media-Kanälen zu verbreiten.

Braucht es denn für den Erfolg überhaupt die Aufmerksamkeit in sozialen Medien?

Egal, ob für eine einzelne Geschäftsfrau oder für eine Firma. Heute muss man sich darauf einlassen: Wer nicht auf Facebook, Twitter und Co ist, ist nicht auffindbar im Internet. Für viele unserer Kundinnen macht beispielsweise auch ein Onlineshop Sinn. Da ist es umso wichtiger, dass man diesen verlinkt und in sozialen Netzwerken darauf aufmerksam macht.

Gibt es für Frauen konkrete Vorteile dank den sozialen Medien?

Die gibt es. Männer haben üblicherweise ein besseres Netzwerk. Sie sind etwa in Männerklubs, im Rotary oder im Lions Club. Männer treffen sich am Abend auch eher noch auf ein Bier oder sind in Sportvereinen. Solche Netzwerke haben immer gut funktioniert. Diese Verbindungen fehlten den Frauen häufig. Und da können die sozialen Medien helfen, sich auch stärker zu vernetzen. Sie ändern die Art, wie wir miteinander interagieren. Wir sind auch dadurch auf unsere Fotografin und Kamerafrau gestossen.

Wer sich in den sozialen Medien zu stark selber darstellt, kann auch schnell einmal narzisstisch wirken. Schädigt das dann nicht eher der Karriere?

Wichtig ist, dass man authentisch schreibt, und nicht, «wir sind die Schönsten und die Besten». Was zählt, ist der Inhalt, den man verbreitet. Bevor jemand also loslegt, sollte er sich eine Strategie zurechtlegen und sich fragen: Wo will ich hin und welchen Inhalt muss ich dafür veröffentlichen? Wenn bei den Posts ein roter Faden zu erkennen ist, wird man auch eher greifbar. Deshalb bieten wir nebst den Porträts auch Beratungen an. Man muss in seine Social-Media-Strategie investieren.

Sind das eher jüngere Frauen, die auf euch zukommen?

Durchschnittlich sind sie zwischen 30 und 50 Jahren. Es sind also nicht «Digital Natives», die auf uns zukommen.

Ist dann euer Geschäft auf längere Zeit nicht zum Scheitern verurteilt? Die Jüngeren können das ja alles selber.

Nein, das denke ich nicht. Oftmals können die Jüngeren jedoch nicht mehr sonderlich gut schreiben. Auch wenn ich Blogs von jüngeren Leuten lese, fallen mir oft die vielen Schreibfehler auf. Einwandfreie Texte gehören jedoch zu einer Visitenkarte eines Unternehmens. Gute Texter sind deshalb auch gesucht, und das «Storytelling» gewinnt mehr und mehr an Gewicht, gerade für Unternehmen. Zum Scheitern sind wir also nicht verurteilt.