Unterengstringen
Luxus-Altersheim ist ein Jahr in Betrieb – zu Besuch in der Villa Sparrenberg

Das Interesse war riesig, als die Villa Sparrenberg vor einem Jahr ihre Türen öffnete, bevor sie zum Altersheim wurde. Nun leben dort vier Senioren, drei Kaninchen, eine Hündin und die Chefin.

David Egger
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Die betreute Alters-WG in der denkmalgeschützten Villa Sparrenberg ist nun seit einem Jahr in Betrieb. Erhalten Sie einen Einblick mit unseren 25 Bildern.
25 Bilder
Sie sind das Herz der Villa Sparrenberg: Elvedina Agic, die Australian-Shepherd-Dame Sunny und Aila Haavisto.
Am Morgen geht es ab 7.30 Uhr mit dem Frühstück los. Elvedina Agic bringt es den Bewohnern aufs Zimmer. Das Personal frühstückt danach um 8 Uhr. Auf dem Sparrenberg gibt es immer selbstgebackenes Brot.
Dem 86-jährigen Jakob Marantelli gefällt es auf dem Sparrenberg. Er wohnt seit einem Sturz im Februar hier. Auf dem Sparrenberg hat er sich vom Sturz gut erholt.
Chefin Aila Haavisto (links) und Elvedina Agic (rechts) bereiten das Mittagessen zu. Die beiden haben früher zusammen in einem Altersheim mit über hundert Bewohnern gearbeitet. Auf dem Sparrenberg sind es hingegen vier Bewohner.
Zu Beginn hatte Aila Haavisto noch eine Köchin angestellt. Inzwischen kocht sie selbst, weil das bei den Bewohnern noch besser ankommt.
Am Dienstag gab es gefüllten Hackbraten zum Zmittag.
Hündin Sunny weiss genau: In die Küche darf sie nicht. Darum macht sie es sich vor der Küchentüre gemütlich.
Sunny ist aber nicht die einzige tierische Bewohnerin hier auf dem Sparrenberg. Im Garten hat es auch ein Gehege für drei Kaninchen. Die kriegen natürlich auch was zu mampfen: Heu.
Und auch frisches Grün gehört zum Speiseplan.
Mitarbeiter Marcelo Saxer deckt den Tisch. Der Brasil-Schweizer, ursprünglich Chemieingenieur, ist vor zwei Jahren ins Land gekommen.
Die Villa Sparrenberg verfügt über schöne historische Kachelöfen, wie zum Beispiel jenen im Wohn- und Esszimmer.
Der fertige Hackbraten wird aufgetischt.
Elvedina Agic schöpft das Mittagessen.
Auf dem Sparrenberg haben die Bewohner das Sagen. Wer will, lässt sich das Essen aufs Zimmer bringen.
Die 92-jährige Margrit Speiser ist letzten August als erste von vier Bewohnerinnen in die Villa Sparrenberg eingezogen. Im Gespräch mit der Limmattaler Zeitung schwärmt sie von Aila Haavisto.
Für Speiser wurde extra ein Flügel auf den Sparrenberg gezügelt. Die erfolgreiche Pianistin ist früher auch in der Zürcher Tonhalle und im Ausland aufgetreten.
So sieht es im Gang im Erdgeschoss heute aus.
Villa Sparrenberg
Bewässert wird der Garten von Vlatko Jovanovski. Der frühere Automechaniker ist zuständig für Garten und Technik.
Viel Raum: Der Garten mit den schattigen Plätzen und dem grossen Magnolienbaum hat es den Bewohnern angetan. Als Aila Haavisto 2016 vor der Eröffnung des Sparrenberg-Altersheims einen Tag der offenen Tür veranstaltete, kamen mehrere hundert Personen auf das Anwesen.
Die Geschichte des Anwesens geht zurück bis ins 14. Jahrhundert. Ebenfalls eindrücklich ist der Springbrunnen.
"Wir kaufen keine Fertigprodukte", sagt Aila Haavisto. Zur Versorgung dient auch der Sparrenberg-Gemüsegarten.
Dort wachsen unter anderem auch Tomaten.
Schöne Aussicht: Der Blick vom Sparrenberg hinunter ins Tal. In der Ferne der Uetliberg.

Die betreute Alters-WG in der denkmalgeschützten Villa Sparrenberg ist nun seit einem Jahr in Betrieb. Erhalten Sie einen Einblick mit unseren 25 Bildern.

SEVERIN BIGLER

Wozu soll man das ganze Leben krampfen, wenn man sich am Schluss nichts wünschen kann? Aila Haavisto stellt diese rhetorische Frage. Und liefert damit die Erklärung dafür, wieso sie ein Luxus-Altersheim führt, hier auf dem Unterengstringer Sparrenberg oben, von dessen Garten der Blick zwischen Steinsäulen hindurch über das Limmattal schweift, über das gerade ein Flugzeug Richtung Osten düst.

Hier im Villengarten sitzt Haavisto an diesem sommerlichen Dienstagmorgen. Es ist 7:30 Uhr, eine Zigarette der Sorte Vogue Slim Bleue und ein Kaffee wecken die Lebensgeister, dazu Vogelgezwitscher. Und Sunny, die Australian-Shepherd-Dame, die jetzt an Haavistos Seite mit dem Schwanz wedelt. Sie kann auch anders; bellt unmissverständlich, wenn jemand von unten daherkommt.

Im August 2016 ist die erste Seniorin in die Sparrenberg-Villa eingezogen, inzwischen sind es vier Personen. Dazu kommen hin und wieder temporäre Gäste, die hier Ferien machen oder sich von einem Spitalaufenthalt erholen. Bis zu 25 Personen hätten Platz, aber bis zum Vollbetrieb dauert es noch lange. Ein Investment und eine Bewilligung der kantonalen Gesundheitsdirektion wären nötig, Haavisto nimmt sich Zeit dafür.

Auch ein Automech arbeitet hier

Und die Bewohner haben auch kein Problem damit, wenns noch ein Weilchen dauert, schliesslich geniessen sie die Ruhe hier oben, den vielen Platz. Bewohner Jakob Marantelli zum Beispiel hat vor seiner Pensionierung jahrelang als Bauführer gekrampft. Im Februar ein Sturz. Das Knie. Seither wohnt er hier. Jetzt ist er wieder sicher auf seinen Beinen, kann problemlos zum Gehege der drei Kaninchen, um ihnen Grasbüschel mitzubringen. Nur nicht an diesem Dienstagmorgen, gleich mehrere Termine stehen an. Optiker, Augenarzt, ab in die Stadt; Vlatko Jovanovski bringt ihn ins Tal. Später wässert Jovanovski den Rasen, die Rebstöcke und Rosen zwischen den Steinsäulen. Der frühere Automechaniker ist hier für Garten und Technik zuständig.

«So lebt das Limmattal»: Sommerserie (2/12)

Wohnformen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Die Redaktion begab sich auf die Suche nach unkonventionellen Lebens- und Wohnformen im Limmattal, die wir Ihnen in unserer zwölfteiligen Sommerserie 2017 vorstellen. Die nächste Folge erscheint am kommenden Samstag.

Lesen Sie hier die vorherige Folge.

Nachdem Elvedina Agic den Bewohnern das Frühstück aufs Zimmer gebracht hat, steht jenes des Personals an, unter anderem selbstgebackenes Brot, Butter, selbstgemachte Mirabellenkonfitüre, Kaffee.

Auch Marcelo Saxer sitzt am Tisch. Der Brasil-Schweizer kam vor zwei Jahren ins Land, fand auf seinem angestammten Job als Chemieingenieur keine Arbeit und ist heute Pfleger mit Leib und Seele, so wie alle Mitarbeiter hier. «Die Bewohner sind sehr nett, sie sprechen Hochdeutsch und haben Geduld mit mir», sagt Saxer.

Die Konfi mundet sehr. Haavisto sagt, dass das Brot immer selbstgebacken ist: «Wir kaufen keine Fertigprodukte.» Die Zeit, als hier noch eine Köchin angestellt war, ist vorbei. Haavisto und Agic kochen jetzt selber, denn den Bewohnern gefällt das noch besser, es ist mit Liebe gemacht.

Das Gegenbeispiel

Die beiden kennen sich schon länger, arbeiteten früher beide in einem Zürcher Altersheim mit über 100 Bewohnern, wo sie jeweils zusammen Nachtschicht hatten. Und sich schnell darüber im Klaren waren, dass sie den älteren Menschen eine andere Form der Betreuung bieten möchten. «Wenn eine Frau aus dem Bett fällt und klingelt, dann aber über eine halbe Stunde auf dem Boden warten muss, weil man bei einer anderen Bewohnerin gerade nicht weg kann, dann ist das unmenschlich», sagt Haavisto und fügt an, dass die Wartezeit im Sparrenberg höchstens zwei Minuten beträgt.

Auch sonst ist hier mehr Spontanität gefragt. Es gibt keinen fixen Plan, wer an welchem Tag in der Woche duschen muss. Die Bewohner sagen es, wenn es ihnen passt. Bei den einen dauert es 20 Minuten, bei den anderen 40, es ist egal, die Bewohner haben das Sagen. Sie bestimmen auch, wann es Zeit fürs Bett ist. Das verlangt von Haavistos Mitarbeitern einiges an Flexibilität: Den fixen Feierabend gibt es nicht. «Feierabend ist, wenn der letzte Bewohner zu Bett geht», erklärt Haavisto. An manchen Tagen kann es auch mal nach Mitternacht werden. Aber eben, die Bewohner sollen wünschen und selbst bestimmen, schliesslich haben sie ihr ganzes Leben gekrampft. Die Wünsche erfüllen, sich Zeit nehmen: «Das ist Pflege, wie ich sie in der Schule gelernt habe», sagt Haavisto.

Das Klavierzimmer der Villa

Als erste Bewohnerin war Margrit Speiser eingezogen, mitsamt dem Flügel, den die langjährige Pianistin, die auch in der Zürcher Tonhalle und im Ausland auftrat, zum Leben braucht. Wenn sie spielt – zurzeit lernt sie ein paar neue Stücke des US-Jazzpianisten Chick Corea –, dann stört das die anderen nicht, schliesslich hören hier oben nicht mehr alle gut. Hierhergekommen ist Speiser nicht etwa wegen der Villa, sondern wegen Haavisto. «Sie verliert nie den Humor, stellt alle auf, ist quicklebendig und hat viel Erfahrung, auch medizinisch, ihr kann man voll vertrauen», schwärmt Speiser. Ihr Mann hatte lange bei der Badener BBC (heute ABB) in der Forschungsabteilung gearbeitet. Was wäre, wenn sie heute in ein normales Altersheim ziehen müsste? «Ich würde mir dort eher wie in einem Spital vorkommen», sagt Speiser.

Mittagessen: Gefüllter Hackbraten, Bratkartoffeln, panierte Auberginen, frischer Salat aus dem Garten, dazu frisches Wasser aus der eigenen Quelle. Es mundet. Marcelo Saxer sitzt neben der Bewohnerin, die etwas mehr Hilfe braucht, ist stets zur Stelle, wenn sich ein Kartoffelstück nicht aufspiessen lassen will.

Aila Haavisto, wie läuft das Geschäft? «Wir müssen gut rechnen, aber haben die Balance», sagt sie. Interessenten gibt es auch genug. «Zuerst sind sie skeptisch und fragen sich, ob es funktioniert, wenn keine grosse Firma dahintersteht. Sobald sie den Sparrenberg dann anschauen kommen, sehen sie, wie wunderschön es hier ist», erklärt Haavisto. Und dass es wunderschön ist, ist unbestreitbar. Dass an diesem Vormittag bei vier Bewohnern fünf Mitarbeiter im Einsatz sind, spricht auch für sich. Wenn man es sich leisten kann, umso besser.

Zur Vorgeschichte: Der Sparrenberg ist einer der bedeutendsten Landsitze im Limmattal

Einst war es unter vermögenden Zürchern in Mode, auf dem Land eine Sommerresidenz zu unterhalten. So entstanden vom 16. bis zum 18. Jahrhundert verschiedenste Landsitze rund um die Stadt Zürich, unter anderem auch am Südhang des Gubrists. Viele sind mittlerweile verschwunden, einige wenige stehen aber immer noch. Unter ihnen ist der Sparrenberg wegen seines trotz mehrfachen Umbaus gut erhaltenen Interieurs der bedeutendste.

Das heute noch bestehende Landhaus wurde zwischen 1758 und 1760 erbaut. Die Geschichte des Sparrenbergs reicht jedoch weiter zurück. Aufgrund urkundlicher Erwähnungen ist anzunehmen, dass dort bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ein nicht genauer lokalisierter Hof existierte. Nach verschiedenen Besitzerwechseln wurde der Orientalist und Theologe Johann Heinrich Hottinger in den Jahren 1662/1663 neuer Besitzer des Landsitzes. Das Gut umfasste ein Wohnhaus, ein Ökonomiegebäude, ein weiteres Nebengebäude, sowie einen Brunnen.

Im 18. Jahrhundert wurde der Sparrenberg zum eigentlichen Musterbetrieb, wo man Edelobst und exotische Gewächse züchtete. Durch Erbfolge ging er 1744 an Anna Hottinger, Urenkelin des Orientalisten, über. Sie heiratete Hans Heinrich Landolt, der von 1778 bis 1780 – dem Jahr seines Todes – als Zürcher Bürgermeister amtete. Die beiden zeichneten für den Umbau des Hauses verantwortlich. Die Familie Landolt blieb bis 1970 in Besitz des Landgutes. Dann kaufte die Gemeinde Unterengstringen den Sparrenberg. 1985 wurde er an Christina Gräfin von Podewils verkauft. 2011 starb sie, das Landgut ging an ihre Kinder über. Diese haben es an Aila Haavisto vermietet, die letztes Jahr dort ein Altersheim eröffnete. (zim)