Interview
Luciano Alban:«Die Fremdenfeindlichkeit war förmlich zu spüren»

Eigentlich hätte Luciano Alban 1968 am liebsten gleich wieder den Zug zurück nach Italien genommen, weil er sich in der Schweiz so unerwünscht fühtle. Heute ist er froh, geblieben zu sein. Eine Geschichte, wie sie wohl tausendfahc stattgefunden hat.

Katja Landolt
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Für Luciano Alban waren die italienischen Vereine beim Einleben in der Schweiz eine grosse Stütze.

Für Luciano Alban waren die italienischen Vereine beim Einleben in der Schweiz eine grosse Stütze.

azNetz

Luciano Alban, Sie kamen vor 45 Jahren als 22-Jähriger in die Schweiz. Warum?

Luciano Alban: Wie damals viele andere auch wollte ich nur für zwei, drei Jahre hierherkommen und schnell viel Geld verdienen, um dann zu heiraten und ein Haus zu bauen. Und um die Familie zu unterstützen. Wir waren acht Kinder, mussten in den Ferien immer arbeiten, um unseren Vater zu entlasten. Seit meinem elften Lebensjahr verdiene ich Geld.

War es denn damals schwierig, in Italien Arbeit zu finden?

Nein, eine Arbeitskrise gab es damals in unserer Region Veneto nicht. Ich habe am Technikum studiert und wurde daraufhin für Arbeiten in Deutschland und der Schweiz angeworben. Ich habe die Region gleichzeitig mit 90 anderen jungen Technikern verlassen.

Wie hat man Sie in der Schweiz willkommen geheissen?

(Schüttelt den Kopf) Diese 45 Jahre, in denen wir nun hier sind, fühlen sich wie 100 Jahre an. Die Art und Weise, wie wir heute bei der Arbeit oder von der Gesellschaft behandelt werden, ist komplett anders, als noch 1968.

Wie meinen Sie das?

Damals war die Schwarzenbach-Initiative aktuell, die die Schweiz vor Überfremdung schützen sollte. Am Arbeitsplatz habe ich mich nie unwohl gefühlt, da wurden meine Ausbildung und meine Arbeit anerkannt. Aber im öffentlichen Leben war die Diskussion über Ausländer dauernd präsent. Die Fremdenfeindlichkeit war förmlich zu spüren. Ich habe wunderbare Leute kennen gelernt, aber eigentlich wollte ich am liebsten wieder zurück nach Italien.

Was waren die grössten Probleme?

Ich fühlte mich nicht akzeptiert in dieser Gesellschaft. Dass man mich so ausschliesst, konnte ich nicht verstehen. Wir wurden als Tschinggen beleidigt, das war schlimm. Ich fühlte mich als Mensch zweiter Klasse, obwohl ich doch gut ausgebildet und auch sonst ein guter Kerl war. Für alles, was schieflief, wurden wir verantwortlich gemacht.

Wie geht es Ihnen heute, wenn jemand Sie einen Tschinggen nennt?

Heute höre ich das nicht mehr. Heute sind andere die Tschinggen. Heute sind 60 Prozent der Italiener in der Schweiz geboren, über 50 Prozent von ihnen haben den Schweizer Pass. Wir haben gelernt: Wenn man nett ist zu den Leuten, sind sie auch nett.

Sie haben daran gedacht, zurückzukehren. Warum sind Sie geblieben?

Ja, natürlich. Ich wollte sofort zurück, kaum war ich hier. Wir hatten beide furchtbares Heimweh. Aber der Kopf liess es nicht zu. Heute sind wir froh, dass wir geblieben sind. Wir sind hier zu Hause.
Seit wann fühlen Sie sich hier richtig zu Hause?
Die grosse Veränderung fand - für mich persönlich - vor 10, 15 Jahren statt. Wir realisierten, dass das Zurückkehren nach Italien eine erneute Emigration wäre.

Wie haben Sie damals diese unangenehme Zeit überbrückt?

Wie viele andere Italiener wollte ich etwas zur Gesellschaft beitragen. Wir sind der ACLI Dietikon beigetreten, der Associazioni Cristiane Lavoratori Internationali. Da habe ich viele ungelernte Personen kennen gelernt, die ihre Situation verbessern wollten. Diese Menschen habe ich dann angefangen zu unterrichten. Der Verein hatte einen doppelten Zweck: zusammentreffen und unterstützen. Er hat vielen Italienern geholfen, diese Zeit zu überbrücken, wie andere Vereine auch.

Finden Sie es denn gut, wenn sich Fremde nur unter Landsleuten treffen? So lernen sie doch beispielsweise die Sprache nicht.

Das stimmt. Rückblickend war es ein Fehler, die Sprache nicht von Beginn weg zu lernen. Wir wollten wie die meisten Italiener nur kurzfristig hier bleiben und haben nicht darüber nachgedacht, Deutsch zu lernen. Unsere Tochter hatte bei der Einschulung Probleme, sie konnte kein Deutsch. Sie hat aber einen Intensivkurs gemacht und perfekt «Züri-Dütsch» gelernt. Heute hat sie einen Uni-Abschluss.

Aber der Verein hat gegen das Heimweh geholfen.

Ja, die Vereine waren eine grosse Stütze. Wir haben uns am Abend oder am Wochenende getroffen, gemeinsam gegessen und über unsere Probleme diskutiert. Und über Politik. Damals war es uns ja verboten, politische Parteien zu gründen.

Wie hat sich diese Vereins-Kultur unter den Italienern in Dietikon entwickelt?

Viele haben sich nach Region oder sogar nach Provinz aufgesplittert. Der Hauptanteil der Italiener in Dietikon stammt aus einer einzigen Gemeinde in Kalabrien. In den Siebzigerjahren gab es noch viele aus unserer Region; die erste Immigrationswelle kam aus Norditalien, die Süditaliener kamen erst später. Es gab beispielsweise vier verschiedene Fussballclubs, allein in Dietikon.

Norditaliener und Süditaliener, die mögen sich ja nicht unbedingt.

(Lacht) Das stimmt. Aber inzwischen spielt das keine Rolle mehr. Wir haben in der Schweiz Italiener aus allen Regionen kennen gelernt, das wäre in Italien nie passiert. Damals war Kalabrien eine andere Welt. Heute sind wir alle Italiener.

Gehen Sie regelmässig zurück nach Italien?

Wir waren oft da, solange die Eltern noch lebten. Heute besuchen wir die Region nur noch selten. Mit dem Tod der Eltern hat das Heimweh aufgehört.
Sind Sie rückblickend froh, dass Sie in die Schweiz gekommen sind?
Natürlich, zu einhundert Prozent. Es ist ein absolutes Privileg, hier zu leben.

Sind Sie im Herzen Italiener oder Schweizer?

(Lacht) Beides. Ich hoffe, dass ich von beiden Kulturen die besten Eigenschaften habe.