Kunstturnen
Linda Stämpfli: «Ich vermisse das Turnen gar nicht»

Im Herbst gab sie ihren Rücktritt vom Spitzensport bekannt. Die ehemalike Kunstturnerin Linda Stämpfli über ihren neuen Alltag, ihre Pläne und über ungehegte Comeback-Pläne.

Luca Muntwyler
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Linda Stämpfli arbeitet gegenwärtig beim Turnverband, danach wird sie einen KV-Abschluss anstreben.

Linda Stämpfli arbeitet gegenwärtig beim Turnverband, danach wird sie einen KV-Abschluss anstreben.

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Linda Stämpfli, seit Ihrem Rücktritt als Spitzensportlerin arbeiten Sie beim Schweizerischen Turnverband. Was sind dort Ihre Aufgaben?

Linda Stämpfli: Ich arbeite temporär als Sekretärin beim STV. Zuerst war ich in der Abteilung Breitensport, als Aushilfe für eine Arbeitskollegin, die sich an der Hüfte operieren musste. Nun arbeite ich bis Ende Juni in der Abteilung Spitzensport. Dort bin ich eingesprungen für eine Mitarbeiterin, die am Rücken operiert werden muss. Meine Tätigkeiten sind hauptsächlich Telefondienst und Organisation.

Wie geht es danach weiter?

Danach lege ich oberste Priorität auf einen eidgenössischen Abschluss. Im August beginne ich mit dem KV-Abschluss, zwei Jahre auf der Privatschule Minerva, davon ein Jahr Praktikum. Das ist okay, hoffe ich zumindest. Als 23-Jährige möchte ich nicht noch drei oder vier Jahre in die Lehre. Wichtig ist mir, dass ich nun so schnell wie möglich einen Abschluss habe.

Wie sieht zurzeit Ihr Alltag aus?

Anfangs war es sehr hart nach dem Rücktritt. Es war schwierig, wieder ins neue Leben zu finden. Zu Beginn hatte ich ein wenig Mühe damit. Seit ich arbeite, sieht mein Alltag so aus, wie ziemlich jeder andere auch.

Treiben Sie noch viel Sport?

Ich gehe dreimal pro Woche Thaiboxen.

Kein Turnen mehr?

Nein, es reizt mich nicht mehr, in die Halle zu gehen. Ich vermisse das Turnen gar nicht.

Fehlt Ihnen denn nichts?

Wenn mir etwas fehlt, dann ist es das ganze Drumherum. Das Umfeld, die Kolleginnen. Obwohl ich noch viel Kontakt habe. Aber das Turnen an und für sich vermisse ich gar nicht. Ich bin davon selber ein wenig überrascht. Aber vielleicht ist das auch ein Zeichen, dass ich im richtigen Moment aufgehört habe.

Leiden Sie auch nicht unter Entzugserscheinungen?

Ich brauche die Bewegung. Deshalb gehe ich ins Thaiboxen, was mir sehr grossen Spass bereitet. Dort werde ich auch auf andere Art gefordert. Entzugserscheinungen habe ich nicht. Es ist ja nicht der Fall, dass ich einmal pro Woche in die Turnhalle springen muss.

Nun haben Sie viel Freizeit. Wofür nehmen Sie sich im Moment mehr Zeit, was zu Ihren Spitzensport-Zeiten noch ein wenig zu kurz gekommen ist?

Ich kann viel mehr mit Kollegen abmachen. Ich kann viel mehr unternehmen, das war vorher durch das Turnen nicht möglich. Allgemein bleibt viel mehr Zeit für mein Umfeld und meine Familie. Ich wohne ja wieder zu Hause. Das war auch eine grosse Umstellung. Mit 14 Jahren bin ich von zu Hause weg und komme nun mit 23 Jahren wieder zurück.

Gibt es sogar etwas, dass Sie neu für sich entdeckt haben?

Ich backe im Moment extrem viel (lacht). Aus Langeweile habe ich angefangen zu backen, nun tue ich es mindestens einmal pro Woche. Es macht mir enorm Spass.

Was gefällt Ihnen an Ihrem neuen Leben am meisten?

Man kann viel spontaner sein. Vorher hatte man fixe Trainingszeiten und musste alles den Wettkämpfen anpassen. Jetzt kann ich das viel besser managen und spontan etwas unternehmen. Das lag vorher einfach nicht drin.

Sie haben gesagt, Turnen reizt Sie nicht mehr. Kann man also ein Comeback ausschliessen?

Ich wüsste nicht, was passieren müsste, damit ich ein Comeback gebe.

Also bleibt Olympia ein unerfüllter Traum, auch wenn sich in vier Jahren eine neue Chance bietet?

(Überlegt lange.) Klar ist es der Traum jedes Athleten. Für mich ging dieser nicht in Erfüllung. Ich habe eine schöne Karriere gehabt, vieles erlebt, wovon andere nur träumen. Tokio war mein Olympia. Ich habe diesen Anlass total genossen und war überhaupt nicht nervös.

Es erstaunte mich selber, dass ich die Ruhe selbst war. Das war ein Zeichen: Es war mein letzter Wettkampf, den ich geniessen und mit dem Sport im Reinen abschliessen konnte.

Aber werden Sie nicht ein bisschen wehmütig, wenn Sie im Fernsehen die weltbesten Turner in London sehen?

Natürlich wäre ich gerne dabei, wenn ich zuschaue. Aber ich habe mich entschieden und mein Leben geht auch ohne Olympia weiter.

Sie wirken nicht so, als ob Sie zu einhundert Prozent ein Comeback ausschliessen.

Doch, ich bin hundertprozentig überzeugt, dass ich kein Comeback geben werde. Das kommt nicht infrage. Ich bin auf dem Höhepunkt meiner Karriere zurückgetreten und ich bereue es nicht. Ich habe nun andere Ziele, auf die ich mich konzentrieren werde.