Spital Limmattal

«Limmi» rüstet sich: Der Nachwuchs will Teilzeit arbeiten

(Archiv)

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Der Ärztenachwuchs will vermehrt Teilzeit arbeiten. Ein Umdenken ist gefordert. Für diese Studienabgänger - Teil der Generation Y, zwischen 1985 und 2005 Geborene - ist Arbeitsklima und Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtiger als nur Karriere.

Im Ärzteberuf zeichnet sich ein Strukturwandel ab: Wie eine Umfrage des Unternehmens JDMT Medical Services zeigt, wünschen sich zwei von drei Medizinstudierenden, die 2012 ihren Abschluss an der Universität Zürich machten, künftig Teilzeit zu arbeiten. Für diese Studienabgänger - Teil der sogenannten Generation Y, also zwischen 1985 und 2005 Geborene - ist Arbeitsklima und Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtiger als reine Karriere.

Auch im Spital Limmattal sind Teilzeitarbeitende keine Seltenheit, wenn sie auch immer noch in der Minderheit sind. Die Chefärzte sind hier alle im Vollzeitpensum angestellt, während einige Leitende und Oberärzte - Männer wie Frauen - weniger als 100 Prozent arbeiten.

Problem: Mangel an Kontinuität

«Der Wandel kommt, so viel ist sicher», sagt Basil Caduff, Chefarzt und Leiter Ärztliches Departement II am Spital Limmattal. Begeistert ist er davon nicht: «Es ist natürlich schwieriger, einen stationären Patienten optimal zu betreuen, wenn man nur zwei Tage die Woche vor Ort ist.» Auf der Notfallstation sei dies gut möglich, doch in den Kliniken stelle es ein Problem dar, wenn die Kontinuität im Umgang mit den Patienten fehle.

Um sich auf eine künftige Generation von Teilzeitarbeitenden einzustellen, hat Caduff zur Probe zwei Assistenzärztinnen im Jobsharing eingestellt. «Bis der Druck grösser wird, bereiten wir uns aber nicht weiter darauf vor», so der Chefarzt. Unmöglich sei ein Jobsharing auch auf Facharztstufe nicht, wie frühere Erfahrungen zeigten. Doch: «Es ist mit einem grossen zusätzlichen Aufwand für die Teilzeitarbeitenden verbunden», erwähnt Caduff.

Der grosse Wandel steht noch aus

Zurzeit spürt man am Spital Limmattal vom Wunsch nach neuen Arbeitszeitmodellen noch wenig: Viele der Ärzte und Ärztinnen, die Teilzeit arbeiten, sind nicht nur am Spital Limmattal angestellt und arbeiten unter dem Strich trotzdem Vollzeit. Zudem seien die meisten dieser Teilpensen in hochspezialisierten Bereichen angesiedelt. In Bereichen also, in denen das Spital Limmattal für eine 100-Prozent-Stelle ohnehin nicht genügend Fälle hätte.

Auch bei den Assistenzärzten, die zurzeit unter Caduff arbeiten, scheint der Wunsch noch nicht weit verbreitet zu sein: «Die wollen etwas erreichen. Die Freizeit steht bei ihnen nicht im Vordergrund», sagt der Chefarzt.

Bei den Assistenzstellen habe das Spital Limmattal bislang nie Mühe gehabt, Stellen im Vollzeitpensum zu besetzen. Fachärzte zu finden, werde hingegen zunehmend schwieriger. Hier sei ein Umdenken gefordert: «In den Fachgebieten, in denen Mangel herrscht, muss man schon etwas bieten können», so Caduff. Das könne auch heissen, künftig vermehrt auf Teilzeitanfragen eingehen zu müssen.

Mehr Teilzeit, mehr Ausbildungen

Eine künftige Generation von Teilzeitärzten würde auch zur Folge haben, dass in der Schweiz massiv mehr Ärztinnen und Ärzte ausgebildet werden müssten. Experten sprechen von 1300 anstelle der heutigen 800 Ausbildungsplätze. «Das würde eine grundlegende Umstrukturierung des Studiums bedingen. Dafür müssten entsprechende Gelder gesprochen werden», sagt Caduff, der in der Kommission Lehre am Zürcher Universitätsspital Einsitz hat. Ohne diese wären die zusätzlichen Ausbildungsplätze weder für die Universitäten noch die Spitäler tragbar.

Noch ist der Teilzeit-Boom nicht hauptverantwortlich für den Mangel an medizinischem Kaderpersonal. Schwerer wiege zurzeit der versiegende Zufluss von Fachkräften aus dem Ausland, sinkendes Interesse am Hausarztberuf und die Feminisierung des Medizinberufes, erklärt Caduff.

Laut Bundesamt für Statistik sind heute rund 60 Prozent der Personen, die in der Schweiz Medizin studieren, Frauen. Die Folge, so Caduff: «Viele von ihnen wollen verständlicherweise auch eine Familie gründen, was längerfristig eine Reduktion des Arbeitspensums oder gar einen kompletten Berufsausstieg zur Folge haben kann.»

Generationenkonflikt schwelt

Gemäss JDMT-Umfrage ist der Wunsch nach Teilzeitarbeit unter den Nachwuchsmedizinerinnen mit 84 Prozent tatsächlich deutlich stärker ausgeprägt. Doch auch bei ihren männlichen Kollegen ist er nicht vernachlässigbar: Immerhin 39 Prozent der befragten Studienabgänger wünschen sich ein Arbeitsmodell mit weniger Präsenzstunden. «Dass diese Zahl so hoch ist, hat mich überrascht», sagt Caduff.

Es sind also nicht nur die Frauen, die den Teilzeitwunsch vorantreiben. Vielmehr zeichnet sich ein grundlegender Generationenkonflikt ab. Denn die ältere Ärztegeneration hat für den Wunsch nach Teilzeitarbeit nur beschränkt Verständnis, wie Caduff gesteht: «Für viele der Generation Y ist die Work-Life-Balance wichtiger als die Karriere. Für die ältere Generation war der Ärzteberuf noch mehr eine Berufung, und nicht nur ein Job», sagt er.

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