Herr Caduff, die ambulante Onkologie wird 2014 wieder in die Strukturen des Spitals Limmattal integriert. Die Praxis Tucare, die unter der Leitung von Heidi Dazzi bisher damit beauftragt war, zieht nach Dietikon. Beginnt nun der Kampf um die Patienten?

Basil Caduff: Nein, einen Kampf wird es sicher nicht geben. Es gibt genügend Patienten für beide. Das Limmattal ist spezialärztlich unterversorgt. Heute lassen sich immer noch viele Patienten aus der Region in der Stadt Zürich behandeln. Das doppelte Angebot wird diesen Pa-tientenstrom wohl etwas beeinflussen: Gibt es in der Nähe Spezialisten, werden diese auch aufgesucht. Hinzu kommt, dass die Onkologie immer wichtiger wird. Die Leute werden älter und brauchen mehr Betreuung, zudem wird die Medizin komplexer und kurze Wege werden im Behandlungspfad immer wichtiger. Wichtig ist letztlich, dass die Patienten im Zentrum stehen und es ihnen gut geht.

Auch die Orthopädie wurde im Frühling reintegriert. In diesem Fall konnte das «Limmi» die private Praxisgemeinschaft übernehmen. Gab es auch für die Praxis Tucare solche Bestrebungen?

Selbstverständlich. Die neue Spitalstrategie legt fest, dass alle Kernleistungen, die ausgelagert wurden, wieder in die Spitalstrukturen zurückgeholt werden. Neben Onkologie und Orthopädie betraf das auch das MRI, das früher als externe AG betrieben wurde. Es war für uns immer klar, dass wir diese Gebiete möglichst telquel übernehmen wollen. Mit Tucare endete der Weg anders.

Woran ist es gescheitert?

Letztlich lag der Entscheid bei Frau Dazzi. Wer so viele Jahre selbstständig gearbeitet hat, muss sich fragen, ob er wieder in eine Organisation zurückgehen will, in der er gewisse Rahmenbedingungen einhalten muss. Es wäre mir sehr recht gewesen, wenn die Integration mit dem vollständigen Team gelungen wäre, aber ich kann den Entscheid auch gut verstehen. Zudem bleibt die Zusammenarbeit mit Frau Dazzi bestehen, sie hat einen Konsiliarvertrag mit dem «Limmi».

Das Spital Limmattal fängt mit dem Aufbau seiner eigenen ambulanten Onkologie nun noch einmal ganz von vorne an. Wird sich für die Patienten etwas verändern?

Nein, für unsere Patienten ändert sich nichts. Die Räumlichkeiten bleiben bestehen, das Angebot und die Abläufe bleiben ebenfalls dieselben. Die Strukturen sind bereits vorhanden.

Wie lange wird es gehen, bis der Betrieb normal läuft?

Unser Ambulatorium wird natürlich nicht vom ersten Tag an voll belegt sein. Das wird eine gewisse Anlaufzeit brauchen. Aber das Team ist zusammengestellt, und es ist ein gutes Team.

Die Leitende Ärztin Claudia Papet nimmt ihre Arbeit bereits im Dezember auf.

Um den Übergang lückenlos zu gestalten, wird Frau Papet diesen Monat in einem 20-Prozent-Pensum und mit einem kleinen Teil des Teams starten. Die stationäre Betreuung bleibt wie gehabt bis Ende Jahr.

Am 1. Januar 2014 geht es dann aber richtig los.

Genau, dann wird der Leitende Arzt Ludger Kneuper zu Frau Papet stossen. Am Anfang werden beide in einem 80-Prozent-Pensum arbeiten. Das restliche Team ist vollständig angestellt und wird in den kommenden Monaten dazustossen.

Wird die spitaleigene ambulante Onkologie dieselben Leistungen anbieten wie zuvor die Praxis Tucare?

Ja. Wie werden eine breite onkologische Betreuung anbieten. Denn es liegt in der Natur der Onkologie, dass man nicht nur die technische Seite der Behandlung – wie etwa die Chemotherapie – ins Zentrum stellen kann. Wir bieten eine gesamtheitliche Betreuung an.

Was heisst das?

Auf dem Gebiet der Krebsforschung wurden in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Als ich meine Arbeit am «Limmi» aufnahm, hatten wir noch nicht einmal einen Onkologen im Haus. Heutzutage ist das nicht mehr denkbar. Das neue Wissen und daraus folgende neue Therapieoptionen sind in den letzten Jahren förmlich explodiert. Ein einzelner Onkologe kann heute gar nicht mehr alle Aspekte der Krebsbehandlung abdecken. Dafür ist man auf einen engen fachlichen Austausch angewiesen.

Wir wird die spitalinterne interdisziplinäre Zusammenarbeit aussehen?

In erster Linie werden der Onkologie verschiedene Spezialisten des Spitals Limmattal zur Verfügung stehen. Das reicht vom Gastroenterologen über die Pneumologin bis hin zum Chirurgen und zur Radiologin. Doch die hausinterne Zusammenarbeit allein reicht natürlich noch nicht aus.

Was fehlt noch?

Die Ergänzung durch hoch spezialisierte Fachbereiche wie die Strahlentherapie oder Bereiche der Onkologie selber. Auch in der Pathologie decken wir nicht alles ab.

In diesen Gebieten arbeiten Sie weiter mit Triemli und Unispital zusammen?

Ja. In der Onkologie sind Netzwerke enorm wichtig. Onkologisch und hämatologisch arbeiten wir eng mit dem Universitätsspital Zürich zusammen, im Bereich Radioonkologie und Pathologie mit dem Triemli. Diese Netzwerke wollen wir auch noch verstärken. Entsprechende Gespräche finden zurzeit statt.

Welche Rolle wird die Palliative Care in der spitaleigenen ambulanten Onkologie spielen?

Die palliative Pflege ist allgemein ein sehr wichtiges Thema. Jeder breitinternistische Arzt muss die Grundzüge der Palliative Care beherrschen. Ein Spital, das dies nicht gewährleisten kann, ist für mich kein gutes Spital. Selbstverständlich werden wir dieses Angebot weiterhin anbieten. Herr Kneuper verfügt auch über eine Spezialausbildung in Palliativmedizin.

Mit der Reintegration der Onkologie bietet das Spital Limmattal alle seine Kernleistungen wieder selber an. Wie definiert das Spital diese?

Im stationären Bereich hat das Spital Leistungsaufträge mit der Gesundheitsdirektion. Grundsätzlich haben wir neben unseren Spezialgebieten wie der bariatrischen oder der Gefässchirurgie einen sehr breit definierten Leistungsauftrag als Grundversorger mit einer Notfallabteilung. Diesen möchten wir beibehalten.

Sind aus Spitalsicht nun alle nötigen Kernleistungen intern abgedeckt oder sollen weitere hinzukommen?

Für neue Leistungsaufträge müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Doch es gibt bei uns schon noch zwei, drei Gebiete, bei denen eine Bewerbung für einen neuen Leistungsauftrag denkbar wäre.

Zum Beispiel?

Auf der Hand liegt eine Bewerbung um den Zuschlag für Akutgeriatrie. Mit der neuen Geriaterin Marion Baumann-Frey haben wir eine Fachfrau mit einem breiten Erfahrungsschatz im Haus. Da stellt sich schon die Frage, ob wir hier nicht einen Schwerpunkt setzen wollen.

Kann davon auch die Langzeitpflege profitieren?

Ja. Wir stehen zurzeit im Kontakt mit den Gemeinden, um die Frage auszuhandeln, wie wir unser Pflegezentrum in Bezug auf die Langzeitpflege positionieren wollen. Die Frage ist, ob ein Kompetenzzentrum am Spital Limmattal für die Gemeinden eine Unterstützung darstellt oder ob sie es nicht vielmehr als Einmischung in ihre Aufgaben empfinden. Zurzeit ist ein grösseres Projekt im Gang, das diese Fragen klären soll. Auch der Leistungsauftrag Akutgeriatrie ist ein Teil davon.

Welche Überlegungen bewegten das Spital dazu, die ausgelagerten Bereiche ambulante Onkologie, MRI und Orthopädie wieder einzugliedern?

Das war ein politischer Prozess, das Spital war nicht die treibende Kraft dahinter. Die Privatisierungsvorhaben in der Vergangenheit wurden zu Beginn noch gut aufgenommen. Als sich dann aber zu zeigen begann, was diese genau bedeuten, regte sich sowohl spitalintern wie auch -extern massiver Widerstand. Das hat das Spital ziemlich durchgeschüttelt. Der Verwaltungsrat zog dann schnell die Handbremse und definierte die Strategie neu. Das «Limmi« sollte Schritt für Schritt zu einem kompletten eigenen Angebot zurückfinden. Diese Schritte haben wir nun vollzogen.

Ist das für Sie nun der Abschluss eines unangenehmen Kapitels?

Das Gesundheitswesen wurde im Laufe der letzten Jahre immer komplexer, und diese Entwicklung wird anhalten. Eine gewisse Spannung liegt immer in der Luft: Die Gesundheitsdirektion will das eine, der Bund das andere. Ich denke nicht, dass mit den Reintegrationen nun ein Kapitel abgeschlossen ist. Wir befinden uns in einem Prozess, in dessen Natur es liegt, dass er nie abgeschlossen sein wird.