Coronavirus

Limmi-Chefärzte: «Kranke meiden wegen Corona das Spital»

Es ist ruhig beim Spital Limmattal: Das Limmi ruft Personen mit schweren Schmerzen auf, den Arzt aufzusuchen. Kapazitäten seien trotz Coronavirus vorhanden.

Es ist ruhig beim Spital Limmattal: Das Limmi ruft Personen mit schweren Schmerzen auf, den Arzt aufzusuchen. Kapazitäten seien trotz Coronavirus vorhanden.

Das Spital Limmattal verzeichnet markant weniger Patienten. Die beiden Limmi-Chefärzte Alain Rudiger und Urs Zingg befürchten, dass viele aus Angst vor einer Corona-Ansteckung auf einen Arztbesuch verzichten. Dabei sei gerade das Spital «eine kontrollierte Umgebung».

In diesen Tagen sollte die Coronawelle über den Zürcher Spitälern hereinbrechen. Ist sie da?

Alain Rudiger*: Im Spital Limmattal werden Covid-19-Patienten behandelt. Es ist zwar kein Tsunami, aber das Wasser steigt doch spürbar. Derzeit schwimmen wir obenauf, wir haben es im Griff. Es war aber auch Zeit vorhanden, um Vorbereitungen zu treffen und das ganze Spital umzuorganisieren. Vor zwei Monaten wären wir für die aktuelle Situation nicht bereit gewesen.

Urs Zingg*: Das ist eine wichtige Information – wir sind jetzt sehr gut aufgestellt in der Schweiz. Die ergriffenen Massnahmen scheinen zu wirken. Für allfällige Lockerungen ist es meines Erachtens noch zu früh. Wenn jetzt alles auf normal gestellt würde, dann könnte uns doch noch eine Welle überrollen.

Verschiedene Spitäler haben Kurzarbeit beantragt. Warum geht Ärzten gerade in struben Coronazeiten die Arbeit aus?

Rudiger: Um genügend Ressourcen für die Behandlung von Covid-Patienten zu haben, sind den Spitälern nicht dringliche Operationen verboten worden. Dadurch geht die Zahl von Konsultationen natürlich zurück.

Zingg: Es gibt derzeit auch weniger Arbeitsunfälle, da viele Betriebe geschlossen sind. Und es finden keine Sportveranstaltungen, zum Beispiel Fussballspiele, statt, auch das merkt das Limmi.

Rudiger: Die Zahl der Patienten, die uns aufsuchen, ist aber stärker zurückgegangen, als wir erwartet hatten.

Woran liegt das?

Rudiger: Es muss Personen geben, die eigentlich gesundheitliche Probleme haben, aber nicht ins Spital kommen. Dies haben wir zu Beginn zu Kenntnis genommen. Aber je länger desto mehr machen wir uns Sorgen um diese Patienten, die irgendwo sein müssen und wohl einfach in ihrem Zuhause bleiben. Wichtige Diagnosen, etwa bezüglich Krebs, werden nicht oder erst verzögert gestellt, wenn die Patienten heute nicht abgeklärt werden. Dafür wären unsere Sprechstunden da, die auch jetzt zur Verfügung stehen.

Aber bei einem Beinbruch oder einem Herzinfarkt bleibt doch keiner daheim.

Rudiger: Der klassische Notfallpatient, der beispielsweise nicht mehr gehen kann, der sucht uns natürlich auf. Aber bei einem möglichen Herzinfarkt ist es nicht mehr so klar. Für einen Patienten ist es extrem schwierig zu erkennen, ob es sich um ernsthafte Symptome handelt oder nicht. Dieses müssten ärztlich begutachtet werden.

Zingg: Aber wegen der Angst vor dem Coronavirus meiden viele das Spital. Sie befürchten angesichts der Medienberichte, dass hier alles Covid-Patienten liegen und sie die Ausnahme wären, die sich dann bei der Behandlung eines kleineren Leidens ansteckten. Das ist eine falsche Auffassung, denn im Spital ist es sicher. Zudem haben im Limmi rund 90 Prozent der derzeitigen Patienten nichts mit dem Virus zu tun.

Am Limmi werden aber Erkrankte behandelt, es gibt auch sechs infizierte Mitarbeiter. Ist da diese Angst nicht nachvollziehbar?

Zingg: Wir haben bis heute keinen Patienten, von dem wir wissen, dass er sich bei uns im Haus angesteckt hat. Wir haben auch keinen einzigen Mitarbeiter, der sich bei uns infiziert hat. Es gibt Mitarbeiter, die das Virus haben, aber die haben sich ausserhalb des Spitals angesteckt. Zudem sind bisher keine Pflegefachpersonen positiv getestet worden. Wer krank ist oder wer nur schon Symptome zeigt, der arbeitet nicht, der bleibt zuhause.

Rudiger: Im Spital sind wir seit jeher sensibilisiert. Isolationsmassnahmen, wie sie jetzt wegen des Coronavirus nötig sind, gehören für uns zum Alltag. In einem Spital gibt es immer Patienten, die zum Schutz der Angestellten und der Patienten nur mit Schutzkleidung, wie Maske, Schutzkittel, Handschuhen und so weiter behandelt und gepflegt werden dürfen.

Zingg: Im Spital herrscht eine kontrollierte Umgebung. Dies ist draussen anders. Wer an der Limmat entlang spaziert, der muss nur im falschen Moment von einem Jogger angehustet werden. Im Limmi arbeitet derjenige, der hustet, gar nicht erst – und diejenigen, die arbeiten, tragen beim Patientenkontakt zusätzlich eine Schutzmaske.

Rudiger: Die Covid-Bereiche sind auch strikt von den übrigen Bereichen getrennt. Sowohl räumlich auch als personell. Im neuen Spitalgebäude funktioniert diese Trennung gut.

Sie sagen also, im Spital sei es sicherer als draussen?

Zingg: Die Statistik spricht für uns. Wie auch die Tatsache, dass wir hier alle im Limmi noch arbeiten und uns nicht zuhause verschanzen. Viele Mitarbeitende haben in den vergangenen Wochen angeboten, ihr Pensum zu erhöhen, um beim Bewältigen der Coronakrise zu helfen. Das macht niemand, der Angst hat. Respekt vor der Aufgabe, das haben wir aber, und deshalb sind wir auch besonders vorsichtig. 

Ist es Angst? Bleiben gewisse Patienten nicht deshalb fern, weil sie das Gesundheitssystem nicht belasten wollen?

Zingg: Trotz Corona verfügen wir im Spital Limmattal über genügend Kapazitäten, um die Patientinnen und Patienten adäquat abklären zu können. Aber wir müssen die Patienten oder die Zuweisungsschreiben sehen, um beurteilen zu können, wie rasch die weitere Diagnostik durchgeführt werden muss. Ein Teil der Ressourcen ist nun zwar zur Notfallstation und zur Intensivpflegestation geschlagen worden, doch können wichtige Untersuchungen und Eingriffe weiterhin uneingeschränkt durchgeführt werden. Dies belastet das System weniger stark, als wenn Patienten zuwarten, um dann als Notfall eingeliefert zu werden. Und sie belasten das System auch weniger lang, weil sie in einem früheren Stadium behandelt werden.

Widerspricht dies nicht der Auflage, nur dringliche Behandlungen durchzuführen?

Zingg: Nein, denn auch starke Schmerzen oder eine relevante Beeinträchtigung im Alltag kann ein Grund für eine dringliche Abklärung oder einen Eingriff sein. Die Patienten sollten zumindest eine haus- oder spezialärztliche Beratung aufsuchen. So kann entschieden werden, ob sich mit einem allfälligen Eingriff bis nach der Coronakrise noch unbedenklich zuwarten lässt oder ob dadurch weitere Schäden entstehen.

Rudiger: Wir haben viele Spezialisten im Haus. Diese können, falls nötig, auch Hausärzte beraten. Bleibt unklar, ob eine Behandlung dringend ist oder nicht, bieten wir den Patienten für weitere Abklärungen auf, dafür sind die Sprechstunden da. Bleibt er zuhause, könnte er einen Schaden davontragen. Das gilt es auch in Coronazeiten zu verhindern.

*Prof. Dr. med. Alain Rudiger ist Chefarzt der medizinischen Klinik und Prof. Dr. med. Urs Zingg ist Chefarzt der chirurgischen Klinik am Spital Limmattal.

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