Birmensdorf
Limmattalerin des Jahres: «Nach meinem Unfall habe ich diese Sturheit entwickelt»

Hélène Vuille, die Limmattalerin des Jahres, wird seit ihrer Wahl immer wieder auf der Strasse angesprochen. Die Suche nach Fahrern für ihr Tagesfrischprodukte-Projekt wurde dadurch leichter. Und sie hat ein weiteres Projekt in Planung.

Florian Niedermann
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Hélène Vuille erhielt bei der Wahl zur Limmattalerin des Jahres mit Abstand am meisten Stimmen.

Hélène Vuille erhielt bei der Wahl zur Limmattalerin des Jahres mit Abstand am meisten Stimmen.

Florian Niedermann

Frau Vuille, Sie haben nach 15 Jahren harten Kampfes die Migros-Genossenschaft Zürich davon überzeugen können, Tagesfrischprodukte nach Ladenschluss gratis an Bedürftige abzugeben, statt in den Müll zu werfen. Woher kommt diese Hartnäckigkeit?

Hélène Vuille: Ich denke das hat viel mit dem Autounfall zu tun, den ich mit 17 Jahren erlitt. Ich habe damals nur mit viel Glück überlebt, musste für mein Leben kämpfen und danach mühsam alle alltäglichen Bewegungen wieder neu lernen. Ich denke, in dieser Zeit habe ich diese Sturheit entwickelt.

Die Food-Aktivistin

Hélène Vuille ist Autorin und wohnt mit ihrem Mann im Birmensdorfer Sternenquartier. Seit 15 Jahren kämpft sie gegen die Lebensmittelverschwendung und für Obdachlose Menschen. In ihrem Buch «Im Himmel gestrandet» beschrieb sie die Schicksale mehrerer Bewohner eines Obdachlosen-Hospizes im Zürcher Kreis 5, das sie zweimal wöchentlich mit Tagesfrischprodukten einer Migros-Filiale in Wiedikon versorgt. Vergangenen September gelang es der 60-Jährigen, einen Vertrag zwischen der Migros- Genossenschaft Zürich und der Caritas zu erwirken, womit zertifizierte Fahrer nach Ladenschluss Tagesfrischprodukte wie Canapés, Sandwiches und Patisserie, die ansonsten im Abfall landen würden, gratis abholen dürfen, um sie an Sozialwerke zu liefern. Noch immer kämpft Vuille für eine nationale Verwirklichung ihres Projektes. Die Leserinnen und Leser der Limmattaler Zeitung ehrten Vuille für ihren Einsatz im Dezember mit der Wahl zur Limmattalerin des Jahres 2013. (fni)

Sie erhielten bei der Wahl zur Limmattalerin des Jahres mit Abstand am meisten Stimmen, und dies bei einer Rekordbeteiligung. Wie erklären Sie sich das?

Erst einmal war ich sehr überrascht, dass es diese Wahl gibt und dass ich nominiert wurde. Ich denke, mein Buch «Im Himmel gestrandet» hat dabei eine Rolle gespielt. Den Leuten ist es nicht egal, was man mit Lebensmitteln macht.

Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Ich bekomme seit dem Erscheinen meines Buches viele Mails und Anrufe von wildfremden Menschen, die mir zu meinem Engagement gratulieren. Sie sagen mir etwa, dass sie von den Politikern enttäuscht seien, die nichts gegen die Lebensmittelverschwendung unternehmen. Oft werde ich auch von Leuten spontan auf der Strasse angesprochen, die mein Buch oder die Artikel über mich in der Zeitung gelesen haben.

Was sagen Ihnen diese Fremden jeweils?

Vor kurzem stand ich zum Beispiel in einem Geschäft in Kilchberg, als mich die Verkäuferin ansprach. Ob ich die Frau Vuille sei, dass sie mein Buch gelesen und bei ihrer Recherche gesehen habe, dass ich zur Limmattalerin des Jahres gewählt wurde. Sie gratulierte mir und bedankte sich für meinen Einsatz. Ich bin immer wieder überwältigt von den vielen schönen Rückmeldungen.

Vor einigen Wochen suchten Sie noch verzweifelt nach Fahrern, um neben den vier Bestehenden weitere Obdachlosenheime und andere Sozialwerke mit Tagesfrischprodukten beliefern zu können. Wie viele haben Sie in der Zwischenzeit finden können?

Nach der Publikation des Artikels meldeten sich viele Leserinnen und Leser bei mir, die für mich fahren wollten. Vielen war aber nicht bewusst, dass sie sich damit über längere Zeit verpflichten. Einige sprangen auch wieder ab. Dennoch konnte ich bis jetzt 15 Fahrer verpflichten, die zusammen neun Heime mit Tagesfrischprodukten aus verschiedenen Migros-Filialen beliefern.

Und wie läuft eine Lieferfahrt ab?

Zunächst erhalten die Fahrer, die sich zu regelmässigen Lieferfahrten bereit erklären, eine Berechtigungskarte der Caritas. Das ist wichtig, damit mit den Esswaren keine Schindluderei betrieben wird. Auch müssen sie in ihrem Verwandten- oder Bekanntenkreis Ersatzfahrer finden, die für sie übernehmen, wenn sie krank oder anderweitig verhindert sind. Ich koordiniere die Einsatzabende und Filialen, die angefahren werden. Ab dem Moment können die Freiwilligen ein- bis zweimal die Woche nach Ladenschluss dort vorbei, um die verpackten Tagesfrischprodukte abzuholen. Sie bringen sie anschliessend mit ihrem eigenen Auto bei einem Sozialwerk vorbei.

Wird das Projekt noch weiter wachsen?

Ja. Ich habe noch einige interessierte Heime sowie Fahrerinnen und Fahrer, die ich im neuen Jahr kontaktieren werde. Derzeit versuchen die Sozialwerke Pfarrer Sieber eine Sammelzentrale in Seebach in Form einer Küche zu errichten, in der die Produkte verschiedener Migros-Filialen gesammelt und anschliessend an mehrere zusätzliche Heime verteilt werden können.

Das klingt nach einem riesigen administrativen Aufwand. Können Sie daneben überhaupt noch arbeiten?

Nein, es ist ein Fulltime-Job. Meine Familie unterstützt mich, wo sie nur kann. Mein Mann und mein Sohn übernehmen etwa meine Fahrten, wenn ich verhindert bin. Was mir aber vor allem fehlt, ist das Schreiben. Ich habe dafür oft schlicht keine Zeit mehr.

Wie lange werden Sie diesen Einsatz noch leisten können?

Ich denke, so intensiv wie jetzt ist es nur, bis die ganze Sache aufgegleist ist. Dann wird der Aufwand etwas kleiner ...

... und Sie werden sich nach 15 Jahren Kampf etwas ausruhen können.

Nein. Was wir bisher erreicht haben, soll nur als Pilotprojekt gelten. Ich werde weiter dafür kämpfen, dass es auf die ganze Schweiz ausgedehnt wird. Am besten wäre es jedoch, wenn der Bund über eine Einschränkung der Gewerbefreiheit alle Grossisten dazu verpflichten würde, diese Tagesfrischprodukte kostenlos abzugeben. Und zwar nicht nur an Heime, sondern auch direkt an Sozialhilfeempfänger, die zuvor von ihrer Gemeinde zertifiziert wurden. Dafür werde ich weiter kämpfen.

Zwei Nationalrätinnen lancierten auf Ihre Initiative hin Vorstösse an den Bundesrat. Wie weit ist der Bund in dieser Sache?

Das Bundesamt für Landwirtschaft muss dem Bundesrat bis Ende 2014 Vorschläge machen, wie die Menge der entsorgten Lebensmittel reduziert werden könnte. In diesen Vorschlägen wird auch mein Projekt explizit erwähnt, wie ich erfahren habe.

Steht ein nächstes Buch in Aussicht?

Ja. Ich könnte nach jedem Besuch im Hospiz eine neue Geschichte schreiben. Viele Obdachlose fragten mich, wann ich ihre Geschichte aufschreibe, um ihnen ein Gesicht zu geben. Und natürlich sind bei den Geschichten aus meinem ersten Buch weitere Kapitel dazugekommen, die ich meinen Lesern ebenfalls gerne beschreiben würde. Ich hoffe, dass bald ein neues Buchprojekt stehen wird.

Hinter Ihrem Wirken steckt ein grosses soziales Engagement. Woher kommt das? War es die Erziehung der Eltern oder etwa der Unfall in Ihrer Jugend, der in Ihnen das Bedürfnis weckte, sich für die Schwächsten in unserer Gesellschaft einzusetzen?

Weder noch. Ich habe mir noch nie Gedanken dazu gemacht, woher dieses Gefühl kommen mag. Ich denke, wenn ich die Möglichkeit habe, etwas zu verändern, dann muss ich es auch versuchen. Ich sehe es als meine menschliche Pflicht.