Die Stadt Zürich ist derzeit im Leichtathletik-Fieber. Die Europameisterschaften und ihre Helden begeistern die Bevölkerung für diese Sportart, welche in der Schweiz ansonsten meist im Schatten des Fussballs und des Eishockeys steht. Davon würden auch gerne Limmattaler Vereine profitieren, die eine Leichtathletik-Abteilung führen. «Natürlich hoffen wir, dass die EM Jugendliche dazu animiert, bei unseren Leichtathleten einzusteigen», sagt etwa Jakob Haug, der Präsident des TV Weiningen. Auch bei anderen Sportarten wie dem Schwingen hätten Grossanlässe immer für Zulauf in den entsprechenden Vereinen gesorgt.

Ähnlich sieht dies Patrick Burkhalter, der Präsident des Turnvereins Schlieren (STV). Damit die regionalen Vereine von den Europameisterschaften profitieren können, seien sie aber auf die Unterstützung der Schulen angewiesen, sagt er: «Die Nachfrage nach der Leichtathletik steigt nur dann, wenn die Lehrpersonen dem Anlass die nötige Aufmerksamkeit schenken. Wenn die Schülerinnen und Schüler einzelne Wettkämpfe etwa im Unterricht am TV mitverfolgen können.» Und ebenso entscheidend sei schliesslich der Erfolg der Schweizer Sportler in ihren Disziplinen.

Lieber Turnen als Leichtathletik

Um Mitgliederzuwachs wären beide befragten Vereine sehr froh. Haug sagt: «Bei den Geräteturnern haben wir zwar fast zu wenig Platz in der Turnhalle. Bei den Leichtathleten mussten wir hingegen eine Jugendgruppe einführen, um ausreichend Nachwuchs aufbauen zu können.» In Schlieren fehlten lange Zeit Trainer und Junioren, um überhaupt eine Nachwuchsabteilung führen zu können, wie Burkhalter sagt. Seit fünf Jahren besteht nun aber wieder eine Trainingsmöglichkeit für Jugendliche im STV — einige ältere Mitglieder liessen sich dafür begeistern, sich in der Nachwuchsförderung zu engagieren. «Seither kamen teilweise sogar Urdorfer Kinder zu uns, die in der Junioren-Abteilung des dortigen Turnvereins keinen Platz mehr fanden», so der Vereinspräsident.

Obwohl die beiden befragten Vereine froh um neue Leichtathleten wären, kam es für sie nicht infrage, die EM als Plattform für ihre Mitgliederwerbung zu nutzen — etwa am City-Festival auf dem Sechseläutenplatz. Der Leichtathletik-Club Zürich (LCZ) sei dort eine zu grosse Konkurrenz, sagt Burkhalter. Der Stadtzürcher Verein habe mit seiner Infrastruktur und seinen Fördermöglichkeiten auf Jugendliche, die auf die Leichtathletik als Leistungssport setzen, eine grössere Anziehungskraft als die Vereine der Region. Und auch der TV Weiningen sah keinen Sinn darin, in Zürich auf sich aufmerksam zu machen. «Wir sind sehr lokal ausgerichtet. Wir gehen für unsere Mitgliederwerbung eher auf die Schulen in der Gemeinde zu», sagt Haug.

LCZ begrenzt sein Wachstum

Auch wenn er einer der grössten Leichtathletik-Vereine des Landes ist, so wird der LCZ den Limmattaler Vereinen kaum Mitglieder abspenstig machen. Denn: Seine Junioren- und Nachwuchsabteilungen platzen aus allen Nähten. «Wir nehmen heute nicht mehr alle Kinder und Jugendlichen auf, die Interesse an der Leichtathletik zeigen», sagt Vize-Vereinspräsident Marco Aeschlimann, «als Verein unserer Grösse macht man immer den Spagat zwischen einer breiten Juniorenbasis und der leistungsorientierten Förderung von talentierten Sportlern.» Wer mit 18 Jahren zu den Aktiven wechselt, muss daher etwa bereit sein, fünfmal in der Woche zu trainieren. «Wer einfach ein bisschen Leichtathletik machen möchte, ist bei uns nicht am richtigen Ort», so Aeschlimann. Bereits jetzt sei der LCZ mit seinen 180 Schüler- und 70 Nachwuchsmitgliedern am Anschlag, was das Angebot an Trainern und verfügbaren städtischen Hallen angehe.

Erlebnisse sollen motivieren

Dennoch erhofft sich auch der grösste Leichtathletikverein des Kantons von den Europameisterschaften einen positiven Effekt. 12 Aktive starten selbst in einer Disziplin. Ausserdem sind Dutzende als Volunteers, Kampfrichter und in anderen Funktionen am Anlass beteiligt «Wir hoffen, dass sie alle durch ihre Erlebnisse am Grossanlass einen zusätzlichen Motivationsschub für ihre eigene sportliche Laufbahn erhalten», sagt Aeschlimann.