Deutsch-Pflicht
Limmattaler Schulen gegen Deutsch-Zwang auf Pausenplatz

Im Limmattal wollen die Schulen nichts von einem Deutsch-Zwang auf dem Schulareal wissen. Auch nicht dort, wo es viele fremdsprachige Schüler hat.

Tobias Hänni
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In Egerkingen sollen die Primarschüler und -schülerinnen ab nächstem Schuljahr auf dem Pausenplatz nur noch Deutsch sprechen (Symbolbild).

In Egerkingen sollen die Primarschüler und -schülerinnen ab nächstem Schuljahr auf dem Pausenplatz nur noch Deutsch sprechen (Symbolbild).

KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS

Wer auf dem Pausenplatz kein (Schweizer-)Deutsch spricht, wird bestraft – diese Regelung gilt ab kommendem Schuljahr in der Solothurner Gemeinde Egerkingen.

Schülerinnen und Schülern, die dagegen verstossen, droht erst ein mündlicher, dann ein schriftlicher Verweis und als Höchststrafe ein 550 Franken teurer Deutschkurs, den ihre Eltern berappen müssen.

Das Argument der Gemeinde für die strikte Sprachregelung: Schweizer Kinder würden auf dem Pausenplatz sprachlich ausgegrenzt. Für die geplante Einführung der Deutschpflicht erntete Egerkingen in den letzten Wochen reichlich Kritik.

Auch bei Limmattaler Schulen mit vielen fremdsprachigen Schülerinnen und Schülern kommt die Idee schlecht an.

So etwa in Dietikon, wo sämtliche Schulen Teil des kantonalen Programms «Qualität in multikulturellen Schulen» (QUIMS) sind und damit einen Anteil fremdsprachiger Schüler von mindestens 40 Prozent haben.

Für Gerold Schoch, Leiter der städtischen Schulabteilung, wäre es deshalb verwunderlich, «wenn man auf den Pausenarealen der Schulen sowie dem Schulweg ausschliesslich Deutsch sprechen würde.»

Er spricht sich deutlich gegen in Verbot anderer Sprachen aus: «Eine Muttersprache bei Strafe zu verbieten, trifft den Menschen im Innersten – die jüngere Geschichte zeigt Abschreckendes, Ausgrenzendes.»

Die Schule Dietikon gehe aber nicht den Weg der Ausgrenzung, sondern pflege eine Kultur des Miteinanders. Für Schoch gehört dazu zwar auch, «dass man sich gegenseitig versteht und Deutsch spricht». Dies erreiche man aber nicht mit Sprachverboten.

Sprachförderung ist zielführender

Von der Idee, Deutsch auf dem Pausenplatz zu erzwingen, ist auch Verena Kocher nicht überzeugt. «Ich glaube nicht, dass das Verbieten von Fremdsprachen der Integration förderlich ist», sagt die Leiterin der Schule Hofacker in Schlieren, wo der Anteil von Kindern aus fremdsprachigen Haushalten «grob geschätzt 70 bis 80 Prozent» beträgt.

Kocher ist der Ansicht, dass eine positive Sprachförderung zielführender ist als Verbote und Vorschriften. «Eine Deutschpflicht auf dem Pausenplatz hätte ein angstförderndes Klima an der Schule zur Folge», sagt Kocher.

Ausserdem verändere es das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrpersonen. «Wenn Lehrerinnen und Lehrer zu Polizisten werden, wirkt sich das negativ auf die Beziehung aus.»

Das Sprechen der Muttersprache hingegen müsse sich nicht zwingend nachteilig auf die Deutschkenntnisse der Schüler auswirken.

«Wer sich in seiner Erstsprache gut ausdrücken kann und einen grossen Wortschatz hat, dem fällt auch das Deutschlernen einfacher.»

Dies sei mit ein Grund, weshalb das Zürcher Volksschulamt mit dem Unterricht in «Heimatlicher Sprache und Kultur» die Muttersprache ausländischer Schüler fördere.

An der Schule Hofacker wird während des Unterrichts ausschliesslich Deutsch gesprochen – abgesehen von den Fremdsprachenfächern.

Für die Pausen möchte Kocher den Schülern aber keine Vorschriften machen. «Auf dem Pausenplatz sollen sie den Kopf lüften können und sich austauschen – egal in welcher Sprache», sagt die Schulleiterin.

Dass deswegen Schweizer Kinder in der Vergangenheit ausgegrenzt worden sind, ist ihr nicht bekannt.

«Die Frage, ob Schüler wegen der Sprache von ihren Gspänli ausgeschlossen werden, ist ohnehin schwierig zu beantworten – es können auch ganz andere Gründe dahinterstecken», fügt Kocher an.

Die Pause soll eine Auszeit sein

Auch in Oberengstringen, wo ebenfalls viele fremdsprachige Kinder an den drei Schuleinheiten unterrichtet werden, kennt man das Problem «Ausgrenzung durch Sprache» nicht, wie Schulpräsidentin Elsbeth von Atzigen sagt.

«Wir sehen keinen Handlungsbedarf, um hier eine Regelung einzuführen.» Zwar erinnern laut der Schulpräsidentin die Oberengstringer Lehrpersonen bereits heute Schüler, die sich zu oft in ihrer Muttersprache unterhalten, daran, Deutsch zu sprechen.

«Das wird aber mit Augenmass getan», sagt von Atzigen. Wie der Name schon sage, handle es sich bei der Pause um eine Auszeit vom Unterricht. «Und in dieser darf es für ausländische Schüler auch mal möglich sein, in ihrer Muttersprache zu reden.»

Den Kommentar zum Artikel lesen Sie hier.

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